Reformhaus

Sinnsuche in der Wirtschaft

Drei erfolgreiche österreichische Pionier-Unternehmer sprechen über die Chancen in der Krise

Irgendetwas scheint mit unserer Wirtschaft nicht zu stimmen: Wenige große Unternehmen, die global Macht anhäufen und dabei die Menschen völlig aus den Augen verlieren, dominieren die Weltwirtschaft. Sie macht wenige Reiche immer reicher, während sie den Rest der Menschheit unter wachsenden Druck setzt. Dabei zerstört sie lebenswichtige Ressourcen und schädigt den Planeten. Dieses Bild zeichnen Johannes Gutmann, Josef Zotter und Robert Rogner in ihrem neuen Buch „Eine neue Wirtschaft – Zurück zum Sinn“. Die Lösung: Eine Wirtschaft, die den Menschen dient und nicht den Gewinnen.

Rainer Plum, Vorstand der Reformhaus eG und Naturkosmetik- und Bio-Pionier fasst den Werdegang, die konkreten Handlungen und die Botschaften der langjährigen Geschäftsfreunde zusammen.

Die Sinnsucher

Johannes Gutmann gründete 1988 im österreichischen Waldviertel das Ein-Mann-Unternehmen Sonnentor und zog als 23-Jähriger mit seinen ersten Bio-Kräutern von Bauernmarkt zu Bauernmarkt. Sein markantes Kennzeichen in all den Jahren: eine jahrzehntealte Lederhose und seine rote, runde Brille. Heute, 34 Jahre später, gehören mehr als 500 Mitarbeitende in Österreich und in den Schwesterfirmen in Tschechien und Rumänien sowie mehr als 300 Bäuerinnen und Bauern zur Sonnentor-Familie.Das Sortiment umfasst mittlerweile mehr als 900 Produkte, und 35 Sonnentor- Läden sind neben den zahlreichen Reformhäusern und Bioläden die Einkaufsstätten für die Bio-Tee- und Kräuterspezialitäten.

„Sinnhaftigkeit endet da, wo man von der Substanz lebt, durch die Ausbeutung anderer Menschen oder der Natur“, so Johannes Gutmann. Deswegen ist Sonnentor nicht nur Bio-Hersteller, sondern ein am Gemeinwohl orientiertes Unternehmen. Der österreichische Publizist Christian Felber hatte 2010 die Gemeinwohl-Ökonomie erstmals initiiert, in der zwei zentrale Aussagen zusammengefasst sind. Statt der Gewinnmaximierung steht die stetige Erhöhung des Gemeinwohls im Mittelpunkt. Statt Konkurrenzdenken setzt man auf Kooperation. Die Bewegung soll sowohl auf politischer als auch auf wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene wirken. Es werden Systeme und Institutionen „belohnt“, denen ein ethisch korrektes Agieren in Zusammenarbeit mit Umwelt und Mensch ein echtes Anliegen ist. Ziele der Bewegung sind lokal zu wachsen, das Gemeinwohl zu steigern, konsequent liberal sowie basisdemokratisch zu bleiben und marktwirtschaftlich zu agieren. Johannes Gutmann erklärt: „Deswegen ist die Gemeinwohlbilanz mittlerweile bei Sonnentor das Maß der Dinge und damit Nachhaltigkeit und Wertehaltungen messbar.“

Mehr unter: www.sonnentor.com

„Die Zukunft liegt in der Gemeinwohlökonomie und kooperativen Netzwerken“

Johannes Gutmann 


Bio, fair und handgeschöpft

1987 gründet der gelernte Konditormeister und Koch Josef Zotter mit einer Konditorei in Graz das Familienunternehmen, erfindet 1992 die handgeschöpfte, mehrschichtige Schokolade und beginnt im Lauf der Jahre mit fair gehandeltem Bio-Kakao und weiteren Rohstoffen intensive direkte Handelsbeziehungen zu den Anbauern in Süd- und Mittelamerika, Afrika und Indien. Am Standort in Riegersburg in der Steiermark stellen inzwischen mehr als 250 Mitarbeitende über 500 Schokoladen-Kreationen her, und Zotter gilt als einer der weltbesten Chocolatiers. Die gläserne Manufaktur und das Schoko-Laden-Theater mit mehr als 160.000 Besucher:innen jährlich sind für Steiermark-Fans immer einen Besuch wert. 90 Prozent des Umsatzes werden in Österreich, Deutschland und der Schweiz vorwiegend in Reformhäusern und Bioläden gemacht.

„In Ghana und an der Elfenbeinküste arbeiten 200.000 Kinder in der Kakaoproduktion. Das ist unser Thema. Das schmeckt man ja nicht“, erklärt Josef Zotter. Sich an Menschlichkeit orientieren und Verantwortung übernehmen werden zu seinen wesentlichen Handlungsmaximen und er beginnt als einer der ersten eine transparente Bean-to-Bar Produktion (von der Bohne zur Tafel). Es geht ihm um „sinnstiftende Arbeit und die Produktion von höchster Qualität“. Das 100 Prozent faire Handeln mit den Bio-Kakaobauern im globalen Süden und die Verbesserung der Arbeits- und Lebenssituationen vor Ort sind für ihn immer ein zentrales Anliegen, und so wird der Betrieb Mitglied bei der World Fair Trade Organisation (WFTO), die das Unternehmen als Ganzes nach fairen Richtlinien mit physischer Rückverfolgbarkeit der Rohstoffe prüft (mehr unter www.zotter.at). Ein Aspekt ist ihm und seinen beiden Geschäftsfreunden im neuen Buch auch sehr wichtig: „Wir müssen den Gründern wieder erzählen, dass man auch anders erfolgreich sein kann. Indem man tut, was für einen Sinn macht und sich im Laufe der Jahre Eigenkapital und eine gesunde Basis aufbaut.“

„Die Maximierung von Menschlichkeit ist der größte Gewinn“

Josef Zotter 


Freude am sinnvollen Wirtschaften

„Das ist es, was mich u. a. mit Johannes und Josef verbindet“, so Robert Rogner, der ein Masterstudium in Business Administration in Toronto abschloss. Er war zwei Jahrzehnte lang in Führungsverantwortung im Familienkonzern Rogner Holding tätig, davon leitete er etwa zehn Jahre lang das Rogner-Bad Blumau („Hundertwasser-Therme“) in der Steiermark, dessen Miteigentümer er war. 2011 gründete er die Bad Blumauer Werkstätten, eine gemeinnützige Gesellschaft für Wirtschaftsethik. Daraus ging 2013 die Gesellschaft für Beziehungsethik hervor. In seinem Tun ist er dem Bad Blumauer Manifest verpflichtet, welches er gemeinsam mit Gutmann und Zotter im Jahr 2008 publizierte. Seit 2013 wirkt er als Vorstand des Institutes für Beziehungsethik, das sich mit der Sinnfindung von Unternehmen befasst (mehr unter www.beziehungsethik.org).

Robert Rogner begleitet seit vielen Jahren Organisationen und Personen bei ihrer Selbstfindung. Dabei werden sie im Rahmen eines systemischen Prozesses zur Entdeckung ihres Kerns, also zu ihrer wahren Berufung und zu ihren wahren Stärken geführt. Sie werden dadurch authentischer und klarer. Und auf die Frage, was die Leser:in als Kernessenz aus dem Buch mitnehmen soll, antwortet Rogner: „Die Lust und die Freude, ihrem eigenen Weg, ihrer Berufung zu folgen – zu ihrem Wohle und zum Wohle ihrer Mitwelt und unseres wundervollen Planeten. Denn es wird immer wieder auf die Alternativlosigkeit zur jetzigen, auf Wachstum ausgelegten Wirtschaft hingewiesen. Das ist aber nicht so. Wir zeigen das auf und geben konkrete und leicht umsetzbare Anlei-tung, um das für sich zu ändern.“

Eine Krise, wann und durch was auch immer ausgelöst, ist die beste Chance, sich persönlich und gesellschaftlich zu fragen: Was ist der Sinn meines Lebens und der von uns als Menschheit? Was empfinde ich als meinen inneren Auftrag, welchen Auftrag haben wir als Gesellschaft? Wie kann ich ihn, wie können wir ihn erfüllen? Diese Fragen lassen sich nicht von heute auf morgen beantworten, aber sie helfen dabei, zu erkennen, was wirklich wichtig ist, was man wirklich braucht und sich selbst dafür auf den Weg zu machen, also selbstaktiv zu werden für die wirklich wichtigen Themen des Lebens auf unserem Planeten.

Diese drei Unternehmer, die immer schon andere Wege gegangen sind, geben Antworten auf diese Fragen und zeigen, wie eine neue Wirtschaft in jedem Einzelnen von uns entstehen kann.

„Die jetzige Form des Wirtschaftens hat sich von den Menschen und der Natur wegentwickelt“

Robert Rogner 

Johannes Gutmann, Robert Rogner, Josef Zotter:

„Eine neue Wirtschaft.“ Zurück zum Sinn.

edition a, ISBN 978-3-99001-419-6
160 Seiten, gebunden
20 Euro

Rainer Plum

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