Soll alles so bleiben oder raus aus dem Trott?

Soll alles so bleiben oder raus aus dem Trott?

Neu denken

Stand: 21.07.2021

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Wie sehr haben wir uns in Lockdown-Zeiten unser altes Leben zurückgewünscht. Doch war da nicht auch immer diese Ahnung, dass wir nach Corona nicht wieder im bekannten Trott enden wollten? Ist das Leben, das ich führe, noch das, was ich will?

Die Pandemie hat uns ohne Zweifel viele dunkle Stunden gebracht und tut es noch. Andererseits entwickeln wir durch sie ganz neue Perspektiven auf uns und unser Leben. Die sozialen Medien explodieren geradezu vor Kreativität – von stolzen Puzzle-Posts, Hochbeet-Beginnern, Wandervögeln, E-Bikern und farbintensiven Tapetenwechseln in Wohnzimmern, Küchen, Kinderzimmern. 

Nur Beschäftigungstherapie? 

Alles nur Beschäftigungstherapie? Keineswegs, sagt Ines Imdahl, Psychologin und Geschäftsführerin vom Rheingold-Salon in Köln, einem Marktforschungsinstitut, das sich mit den Auswirkungen der Lockdowns beschäftigt hat. „Es gibt zwei generelle Tendenzen in neuen Tätigkeiten“, erklärt sie. „Zum einen ist unsere Alltagsstruktur zerlegt, der Rhythmus dahin, wir befinden uns in einer Fassungslosigkeit und sehr fragilen Situation. Das Puzzle ist ein Symbol dafür. Ein zerlegtes Ganzes. Aber wir können es wieder zusammensetzen. Viele Teile führen Stück für Stück am Ende zu einer neuen Struktur, die einen Sinn hat. Beim Puzzeln können wir das Leben wieder in den Griff nehmen.“ Das fertige Puzzle liefert nicht nur eine Struktur, sondern ein Bild. Denn es fügt sich zu etwas Sinnvollem zusammen. „Auch das ist eine Sehnsucht. Dass die ganzen Regeln, Vorschriften, das ganze Verzichten zu einem sinnhaften Ende führen. 

Etwas, wozu das gut war. Etwas, das wir sehen, greifen und fassen können.“ Dieselbe Funktion, so die Psychologin, erfüllen Tätigkeiten wie Bilder sortieren und Renovierungsaktionen, mit denen wir „unsere dritte Haut, unsere vier Wände, wieder in Ordnung bringen.“

Alltag nicht als Dauerstresstest


Zum anderen, so Imdahl, seien wir weitestgehend stillgelegt gewesen: Reisen? Schwierig. Planen? Möglicherweise für die Tonne. „Wir wollen aber etwas bewegen und wieder Spielraum gewinnen und deshalb gehen wir wandern und schwingen uns aufs Rad.“ Das neue Gärtnern hingegen, ob auf Hochhäusern oder im Hochbeet, verbindet beide Tendenzen zu einem schönen Übergangssymbol: „Einerseits schaffe ich Struktur, indem ich säe und pflege, andererseits erweitere ich durch das Wachsen der Pflanzen sozusagen meinen Horizont.“

Aber da ist noch etwas, nennen wir es eine Ahnung, dass unser Alltag auch nach Corona nicht wieder unbedingt der Dauerstresstest sein muss, wie wir ihn kannten. Homeoffice, lang ersehnt, endlich möglich. Mehr Zeit. Mehr Ruhe. Mehr Achtsamkeit. Und mit einem Mal ist da auch Raum für die Frage: Ist das Leben, das ich führe, noch das, was ich will?

Wenn da nur nicht diese Sehnsucht wäre

Ines Imdahl beobachtet, dass derzeit viele neue Gründer auf den Markt drängen. Ihre Quintessenz: „Man kann die Unzufriedenheit mit der Situation nutzen und seinen Job ändern, eine neue Stelle annehmen oder eben sich selbstständig machen.“ Schauten wir nicht stets ein bisschen sehnsüchtig auf die, die den Sprung gewagt und ihre Träume verwirklicht hatten, während wir in unserer Komfortzone festgetackert blieben? Aber jede/r Einzelne von uns hat auch schon so viel Missliches erlebt, dass es dort eben nicht nur bequem ist, sondern vor allem eins: sicher. Hier müssen wir nichts befürchten, hier wissen wir, was wir haben.

Wenn da nur nicht diese Sehnsucht wäre, eine Gabe, ein Talent, eine Idee, eine Berufung, die uns ruft, ihr endlich zu folgen …

Was mache ich, wenn ich einen Neustart brauche? Wie fange ich das an? Wir haben mit dem Gesundheitspsychologen Lutz Hertel gesprochen.

Interview: „Wir alle sind Gewohnheitstiere“


Lutz Hertel (58) ist selbstständiger Gesundheitspsychologe in Düsseldorf. Er war in der Lebensstilforschung mit HerzpatientInnen aktiv und hat über zwanzig Jahre viele Menschen dabei unterstützt, ihr Leben systematisch und erfolgreich zu ändern. Auch in Betrieben leistet er Beratung und bietet Beschäftigten in Sprechstunden Unterstützung an, um Wege nicht nur für berufliche Veränderungen zu klären und erfolgreich umzusetzen. 1990 gründete er den Deutschen Wellness Verband und ist seit 30 Jahren dessen geschäftsführender Vorsitzender.

Reformhaus® Magazin: Woran merke ich, dass das Leben, das ich führe, nicht mehr richtig „passt“?

Lutz Hertel: Die meisten Menschen merken das an negativen Stimmungsveränderungen. Dazu gehören Unzufriedenheit, Gedanken wie „So kann es nicht weitergehen“; Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung, aber bei manchen auch Ärger und Wut. Oft sind Krankheitssymptome bis hin zu kritischen Ereignissen das Alarmsignal: häufige Schmerzen oder Magen-Darm-Probleme ohne organische Ursachen, eine Diabetes-Diagnose oder ein akuter Herzinfarkt. Der Körper gibt uns zu verstehen, dass mit unserem Leben etwas nicht stimmt. Manchmal wissen wir das unterschwellig schon länger, aber wir handeln nicht danach.

Warum?

Vielen Menschen gelingt es erstaunlich lange, die Unstimmigkeiten in ihrem Leben auszublenden oder sich damit zu arrangieren. Wir sind Gewohnheitstiere. Im Grunde eine gute Sache, weil uns eingeübte Gewohnheiten ökonomisch betrachtet enorm viel Energie sparen. Selbst wenn eine Änderung für Außenstehende noch so notwendig erscheint, verharren sehr viele Menschen in ihrem alten Leben. Das vertraute Unglück ist ihnen offenbar lieber als das ersehnte, aber unbekannte Glück.

Wie finde ich denn aus dieser Zwickmühle heraus?

Zunächst muss genügend Motivation aufgebaut werden, um sich über den inneren Widerstand der Veränderung hinwegsetzen zu können. Am effektivsten sind Aussichten auf die Erfüllung zentraler Bedürfnisse: Anerkennung, Liebe, Glücklichsein – das Leben, wie es eigentlich sein sollte. Um Antriebsenergie zu entfalten, braucht unser Gehirn starke Bilder, Visionen von uns selbst, wie wir uns selbst sehen, nachdem wir die gewünschten Änderungen vollzogen haben. Das bewirkt eine magische Anziehungskraft, die länger und stärker wirkt als Angst. Dazu kommen der Glaube an mich, ein starker Wille und eine gute Umsetzungsstrategie, um sich auch von befürchteten Schwierigkeiten und tatsächlichen Hindernissen nicht aufhalten zu lassen.

Der Lockdown hat vielen Menschen neue Sichtweisen auf ihr Leben aufgedrängt. Wie bleibe ich jetzt am Ball, damit die schönen Ideen nicht im Sande verlaufen?

Ich brauche ein Ziel, einen Plan und eine Aktion. Es muss mich motivieren, mir Erfolgserlebnisse garantieren und es darf mich auf keinen Fall überfordern. In meiner Arbeit mit PatientInnen habe ich festgestellt, dass es im Umgang mit großen Veränderungen grundsätzlich zwei Typen von Menschen gibt: Die einen bevorzugen den radikalen Schnitt, also die Alles-oder-Nichts-Methode, die anderen entscheiden sich für das Prinzip Schritt-für-Schritt.

Die Alles-oder-Nichts- Methode hat zwei große Vorteile: Der Effekt einer konzertierten Lebensstiländerung ist deutlich schneller und größer als bei einem schrittweisen Prozess. Die zweite Strategie der schrittweisen Veränderung hat nach meiner Erfahrung mehr AnhängerInnen und auch sie besitzt Vorteile: Es ist eine sanfte Methode, man braucht weniger Willenskraft und man kann kaum damit scheitern. Allerdings braucht man deutlich mehr Zeit, bis sein gesamtes Leben wirklich ein anderes ist.

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