Lasst uns achtsam miteinander reden

Pater Anselm Grün im Interview

Stand: 18.11.2020

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In der Politik, im Netz, in den Medien ist der Umgangston schärfer geworden, und auch in der Familie und im Beruf geht es mitunter sprachlich rau zu. Bestsellerautor Pater Anselm Grün hat sich dieses Themas angenommen. In seinem Buch „Achtsam sprechen– kraftvoll schweigen“ (dtv, 9,90 €. erscheint am18.12.), schildert er, was wir tun können, um sensibel zu sprechen und aufmerksam zuzuhören.

Reformhaus® Magazin: Was sind die Grundregeln des
„achtsamen Sprechens“?

Pater Anselm: Wir können lernen, achtsam zu sprechen, aber wir können unsere Sprache nicht kontrollieren. Das wäre unnatürlich. Wichtig ist: Ich muss bei mir sein und aus dem Herzen sprechen. Nicht über jemanden reden, sondern im Dialog sein. Gerede ermüdet, ein Gespräch erfrischt. Ich kann aber nur achtsam sprechen, wenn ich nicht von meinen Projektionen dominiert werde. Das Sprechen ist oft unrein durch unsere Nebenabsichten. Wir wollen gefallen oder jemanden manipulieren. Dies zu erkennen bedeutet Arbeit an uns selbst, nicht in dem Sinn, dass wir uns verurteilen oder bewerten, sondern indem wir uns die Frage stellen, wie wir damit umgehen.

Sie schreiben: „Ich erschrecke über die Banalität der Sprache.“


Und schlimmer noch: „Denkt man an die sozialen Medien werden viele Worte benutzt, die weh tun. Was ist mit den Menschen los, warum tun sie das?“ Zum einen versuchen Menschen, sich hinter dieser Art Sprache zu verstecken, um sich nicht zeigen zu müssen. Zum anderen ist es so, dass verletzte Menschen andere verletzen. Es ist unsere Aufgabe, unsere Verletzungen zu erkennen und uns damit auszusöhnen. Tun wir das nicht, verletzen wir andere oder uns selbst. Der Psychoanalytiker Albert Görres hat einmal sinngemäß gesagt: Verletzungen sind oft Begleichungen alter Rechnungen bei den falschen Schuldnern. Dessen müssen wir uns bewusst werden.

Was tun Sie, wenn jemand aggressiv zu Ihnen spricht?


Ich frage mich, wie es diesem Menschen wohl geht. Was sagt er über sich selbst aus? Dann versuche ich, gut bei mir zu bleiben. Das ist natürlich nicht so einfach. Wenn ich nicht gut in meiner Mitte bin, dann wird meine Antwort auch leicht aggressiv. Mir hilft es dann, ruhig nachzufragen: Wie meinen Sie das? Die Frage gibt mir Gelegenheit, selbst ruhiger zu werden. Und manchmal löst die Frage beim andern auch aus, dass er sachlicher zu mir spricht.

Können Sie denn immer in der Liebe bleiben?


Nun, das ist die Aufgabe. Es gelingt nicht sofort. Aber wenn ich mir vorstelle, dass es dem andern nicht gut geht, dass er in sich selbst zerrissen ist, entsteht in mir auch wieder Liebe. Ich wünsche dem andern, dass er in Frieden kommt mit sich selbst.

Was mache ich, wenn ich mich im Ton vergriffen habe?


Da gibt es eine schöne Übung. Dieses „Hätte ich das doch nicht gesagt! Wäre ich doch freundlicher gewesen“ halten Sie Gott hin. Es hat keinen Zweck, sich dann nur selber Vorwürfe zu machen. Wenn ich das vergangene Gespräch Gott hinhalte, kann Gott auch ein nicht gutes Gespräch in Segen verwandeln.

Sie schreiben, dass Worte heilen können. Wie?

Den Klang kann man nicht machen. Heilende Worte, wie ich es meine, ermutigen, richten auf, geben Hoffnung und sprechen zu. Wichtig ist, echt und natürlich und aus dem Herzen zu sprechen, mit Wärme. Aber es muss echt sein! Hinter einer übertrieben sanften Sprache steckt häufig Aggression oder der Wunsch, uns zu manipulieren. Außerdem sollten wir unsere Worte sorgfältig wählen, denn Worte machen etwas. Zum Beispiel: „Ich gebe dir einen Ratschlag“ beinhaltet einen Schlag. „Ich empfehle dir...“ ist sanfter, weicher, setzt mein Gegenüber nicht unter Druck.

„Wirklich sprechen kann nur, wer schweigen kann“, schreiben Sie. Warum?

Erst wenn ich schweige, steigen in mir die richtigen Worte auf. Schweigen heißt auch: auf den andern hören. Um ihn noch besser zu hören, stelle ich ihm Fragen, damit er noch mehr von sich erzählen kann. Das Wort „Frage“ kommt aus dem lateinischen „porca“ und bedeutet „eine Furche ziehen“, eine Ackerstrecke. Dahinein legt die Frage sozusagen einen Samen, der keimen muss, um zur Antwort zu reifen. Denn in einem Gespräch höre ich nicht nur meinem Gegenüber zu, sondern auch meiner eigenen Seele, und das kann ich nicht, wenn ich die ganze Zeit zugetextet werde. Im Schweigen kann eine Antwort entstehen.

Warum vermeiden viele Menschen Gesprächspausen?


Im Schweigen bin ich ungeschützt. Dabei kann es sein, dass ich mich plötzlich selbst infrage stelle oder eine eigene Wahrheit entdecke, die ungewohnt und vielleicht beängstigend ist. Manche Menschen entwickeln Panik, ihr Leben könnte nicht stimmen, andere sorgen sich, dass das Schweigen bedeuten könnte, dass man sich nichts mehr zu sagen weiß. Aber Leben gelingt nur, wenn ich mich solchen Gefühlen und Gedanken stelle. Kinder reagieren auf das Schweigen übrigens ganz anders. Ich habe neulich eine Wanderung mit Kindern und Erwachsenen unternommen und um eine Stunde Schweigezeit gebeten. Beim nächsten Mal kamen die Kinder sogleich und fragten: Machen wir das wieder mit den schönen Gedanken?
Daran könnten wir uns ein Beispiel nehmen.

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