Mobile Cocooning

Mobile Cocooning

Warum greifen wir bei Stress zum Handy?

Stand: 27.05.2021 (28.05.2021)

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Ganz schön viel los hier!

Mobile Cocooning: Warum immer mehr Menschen in stressigen Situationen das Handy benutzen, um abzuschalten – und Alternativen, um den persönlichen Stresslevel zu senken.

Ich gehe raus, bin guter Dinge, doch kaum bin ich unterwegs, ist meine gute Stimmung dahin. Ich bin gereizt, supergenervt und könnte alle anderen an die Wand pappen“, sagt Angela Schneider aus Hamburg. Die 37-Jährige möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, deshalb haben wir ihn geändert. „Ich schäme mich dieser Reaktion, es ist so peinlich. Normalerweise bin ich so ein friedliches Wesen. Ich verstehe mich da selbst nicht ... Das Einzige, was dagegen hilft, ist das Smartphone. Wenn ich auf den Bildschirm gucke, fühle ich mich besser. Ich igle mich förmlich damit ein.“

Kommt Ihnen das bekannt vor? Dieser seltsame Stimmungswandel in der Gegenwart anderer Menschen kommt häufiger vor, als wir denken, und viele benutzen, bewusst oder unbewusst, das Handy, um sich abzuschotten. PsychologInnen haben das Phänomen genauer untersucht und führen es auf psychosozialen Stress zurück. Und der kann sogar ansteckend sein, wie ein ForscherInnenteam aus Leipzig und Dresden herausgefunden hat.

Aber der Reihe nach:

Eigentlich ist Stress ein perfektes Warnsignal unseres Organismus: Achtung! Gefahr! Wir sind hellwach, zur Flucht bereit – fort von der Bedrohung. Oder: Hunger! Der Körper braucht Nahrung und Wasser, tu was, Mensch! Damit wir in die Puschen kommen, produziert unser Organismus Adrenalin und Kortisol, die körpereigenen Antreiber. Stress und die mit ihm verbundenen biochemischen Reaktionen retten Leben – sofern sie zeitlich begrenzt sind. Und genau das ist heute oft nicht mehr der Fall. Paradoxerweise zu einer Zeit, in der klassische Stressoren wie die Bedrohung unserer körperlichen Unversehrtheit– z. B. durch extreme Entbehrung oder natürliche Feinde – selten geworden sind, erklärt die Weltgesundheitsorganisation Stress zur „Volkskrankheit“.

Daily hazzles verursachen Stress

„Heute belasten uns die sogenannten daily hazzles, die vielen kleinen Stressoren im Alltag, die sich summieren“, erklärt Veronika Engert, die am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaten in Leipzig und Jena als Professorin für Soziale Neurowissenschaft arbeitet. Wir müssen einkaufen, unsere Kinder betreuen, Parkplätze suchen, unseren Job erledigen, kochen und, so Engert, „dieses ständige Unter-Druck-Stehen, die Unkontrollierbarkeit und die damit einhergehende ständige Bedrohung unseres Selbstwertes führt zu chronischer psychosozialer Stressbelastung“. Der chronische Stress macht uns anfällig für stressabhängige Erkrankungen wie erhöhter Blutdruck, Schlafstörungen, Autoimmunerkrankungen und Burn-out.

Stress steckt an

Ein zusätzliches Problem ist, dass wir neben unseren eigenen Belastungen auch noch den Stress der anderen erleben, denn Stress ist ansteckend. Veronika Engert spricht von „körperlicher Resonanz“: Es reicht schon, einen angespannten Busfahrer zu sehen und schwupps, erhöht sich auch unser eigener Stresslevel. „Wenn der Kortisolspiegel einen bestimmten Schwellenwert übersteigt, wird der empathische Stress zu einer weiteren Belastung unseres Organismus.“ Wir schwingen automatisch mit anderen mit. Ob im Autoverkehr, in der Kantine und leider und vor allem auch in der Familie und generell bei nahestehenden Menschen – der Stress der anderen und damit die Ansteckungsgefahr sind deshalb allgegenwärtig.

Was dagegen hilft, sind positive soziale Kontakte, auch ganz kurze, wie ein Schwätzchen mit dem Sitznachbarn in der S-Bahn zum Beispiel. Aber genau diese kleinen Anti-Stress-Highlights werden immer weniger, weil die meisten nur noch auf ihr Smartphone starren. Veronika Engert nennt eine andere, viel schönere Methode: die positive Affektgenerierung. Dabei lernt man, den anderen mit guten Gefühlen zu begegnen. „Wenn wir über die reine Empathie hinausgehen und anderen Menschen Mitgefühl entgegenbringen, aktivieren wir eine Belohnungsregion im Gehirn. Gleichzeitig bleiben wir unseren Mitmenschen zugewandt. Wir hoffen, dass dadurch eine empathische Stressreaktion abgeschwächt oder sogar unterbunden werden kann.“ Der Stresslevel sinkt, wir werden ruhiger und gelassener. Probieren Sie es doch mal aus:

Mit dem Handy kann ich mich abschotten

„Wenn ich länger nicht unter vielen Menschen war, kann mich die Menge ziemlich überwältigen. Ich fühle mich dann wie losgelöst, nicht richtig hier, das ist ganz seltsam. Außerdem finde ich es anstrengend, mich dann durch die Massen durchzuschlängeln, zumal viele Leute keinerlei Rücksicht nehmen und z. B. zu dritt nebeneinander laufen und man nicht vorbeikommt. Dann denke ich: Hallo, Hirn anschalten wäre auch gut. Das geht mir alles ziemlich auf den Keks. Sich darüber aufzuregen, bringt allerdings nichts, in der Regel hoffe ich einfach nur, dass es bald vorbei ist. Das Handy ist in solchen Fällen ein gutes Mittel, um mich abzuschotten. Ich kann mich zum Beispiel in der Bahn auf meine Dinge konzentrieren, muss die Zeit nicht unproduktiv verplempern. Ein kurzes, spontanes Gespräch mit dem Sitznachbarn kann meinen Stresspegel auch durchaus senken, aber die Betonung liegt auf: kurz! Neulich im Zug nach Köln hat mir jemand seine ganze Familiengeschichte erzählt und mir auch noch seine Fotos aufgedrängt. Die Bahn war voll, ich kam da nicht weg. Das war eine wahnsinnig unentspannte Fahrt.“

Claudia Graf, 32, Historikerin aus Köln

Tief ein- und ausatmen hilft mir am besten

„In öffentlichen Verkehrsmitteln empfinde ich großen Stress. Es ist voll, viele telefonieren mit Lautsprecher oder hören laut Musik, und häufig werde ich um Geld angebettelt; ich scheine das irgendwie anzuziehen. Wenn ich dann nichts geben möchte, schauen die anderen Menschen mich so neugierig an. In solchen Situationen bin ich genervt und gereizt, mein Körper ist angespannt und ich spüre, dass ich negative Energie ausstrahle. Da ich normalerweise entspannt und harmonisch gestimmt bin, erscheint mir die Erklärung der PsychologInnen, dass der Stress, den andere ausstrahlen, ansteckend sein kann, sehr plausibel. Ich habe zwei Strategien, mit denen ich bewusst gegensteuere und meine Gefühle wieder ins Gleichgewicht bringe. Zum einen benutze ich das Handy wie ein modernes Schutzschild. Aber besser funktioniert es, bewusst aus dem Fenster in die vorüberziehende Landschaft zu blicken und dabei tief ein- und auszuatmen.“

Soomi Hong, 47, Sängerin aus Hamburg

Einmal um den Block gehen hilft

„Erfordert eine Situation ein engeres Beisammensein, habe ich keine Probleme, mit anderen zurechtzukommen. Neulich war ich kurz im Krankenhaus und musste das Zimmer mit drei Leuten teilen. Aber alles gut. Auch wenn ich absichtslos unterwegs bin, ohne Termin, ohne Zeitdruck, bin ich entspannt und komme schnell mal ins Gespräch. Aber in großen Menschenansammlungen fühle ich mich unwohl und auch ein bisschen ängstlich. Ich sehe mich dann um und suche nach Fluchtmöglichkeiten. Ich habe zwei Strategien, um gegenzusteuern: Habe ich keinen Einfluss auf eine Situation, weil zum Beispiel ein Termin dringend erledigt werden muss, sage ich mir: Okay, da muss ich jetzt durch. Basta. Was auch gut funktioniert, ist, wenn ich erst einmal versuche, mein Wohlbefinden wieder zu erlangen, indem ich einmal um den Block gehe oder mich unter einen Baum setze. Danach geht es mir auch in der Menge meistens besser.“

Hermann Gfaller, 62, Philosoph und Dichter aus München

Hilfen bei Stress


POSITIVE AFFEKTGENERIERUNG: MAY YOU BE HAPPY!
Was etwas sperrig klingt, geht mit etwas Übung ganz leicht. Die Methode stammt, so Prof. Veronika Engert, aus dem jahrtausendealten Kanon buddhistischer Praktiken, die das Mitgefühl im Zentrum allen Seins haben, erinnert aber ebenso an moderne Herz-zu-Herz-Meditationen:

  1. Versuchen Sie, bewusst positive Gefühle – Zuneigung, Mitgefühl – in sich zu wecken. Am leichtesten geht das, wenn Sie an Ihr Kind, Ihren Partner oder auch nur an schöne Situationen in Ihrem Leben denken.
  2. Trainieren Sie jeden Tag, diese Gefühle ins ich wachzurufen und zunächst Freunden und Bekannten im Gespräch entgegenzubringen.
  3. Jetzt folgt die Kür im Alltagsstress: Begegnen Sie Fremden mit dem positiven Gefühl, vom Supermarktkassierer bis zur Busfahrerin. Veronika Engert empiehlt zusätzlich, ein stummes Mantra mitzudenken, wie z. B.: May you be happy! Ich wünsche anderen Gutes! Das Gute in mir grüßt das Gute in dir!

UNSICHTBARE SOFORT-HELFER
Wer sich mit der Positiven Affektgenerierung noch schwer tut, greift zu einer der drei Übungen, die sich ohne viel Aufheben praktizieren lassen:

  1. Im Auto: Beim Autofahren sind viele von uns in Sekunden innerlich auf 180. Aber „Nun fahr doch endlich, du Vollpfosten!“ war gestern! Ab heute wird gesummt und geschnurrt wie die Katzen. Die Tiere aktivieren mit ihrer Schnurrfrequenz von 25 bis 50 Hertz nachweislich ihre Selbstheilungskräfte und auch der Mensch profitiert, wenn er feine Vibrationen erzeugt. Denn die werden von den sensorischen Nerven ins Gehirn weitergeleitet und führen dort zu ruhigeren Gehirnströmen – die uns schnell runterbringen.
  2. Bei nervigen Besprechungen und anstrengenden Familienfeiern: Zugegeben, elegant ist diese Methode nicht, aber wirksam: breitbeinig sitzen. Häufig schlagen wir die Beine übereinander oder pressen die Oberschenkel zusammen, was Energie kostet und für Anspannung im ganzen Körper sorgt. Sitzen wir mit gespreizten Oberschenkeln, sind Beine, Bauch, Rücken automatisch entspannt. Wir können sogar besser atmen. Diese körperliche Offenheit beeinflusst unsere innere Haltung: Wir sind aufgeschlossen und positiv gestimmt.
  3. TIefenentspannt mit Finger-Yoga. Dieses Mudra hilft sofort und in jeder Situation: Formen Sie mit Daumen- und Zeigefinger beider Hände einen Kreis. Dann bringen Sie beide Kreise an den Fingerspitzen zusammen. Anschließend die anderen Finger zusammenführen, sodass jeder Finger sein Gegenüber berührt. 

 

 

 

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