Ängste in Corona-Zeiten

Seelische Herausforderungen bleiben

Stand: 24.06.2021 (12.07.2021)

Empfehlen über:

Die Corona-Krise hat uns alle verunsichert, hat uns Angst gemacht. Wie unter einer Lupe wurden seelische Herausforderungen erkennbar, denen wir uns – auch nach Corona – immer wieder werden stellen müssen, um uns mit uns selbst wohlfühlen zu können.

Neue Ängste

Corona, Corona, Corona! Von den täglichen Meldungen hatten wir wohl alle längst mehr als genug. Hofften wir nicht vergangenen Sommer, wir könnten unser normales Leben bald wieder aufnehmen? Aber wir befanden uns Monatelang in einem Hin und Her aus Lockdown und Versuchen der Öffnung. Es ist klar, dass das Virus den Alltag noch länger beherrschen wird. Seelische Belastungen und Ängste, vor allem vor gefährlicheren Mutanten, nehmen dabei zu. Wir fürchten um unsere Gesundheit und um die von Partnern, Eltern und Großeltern, wir sorgen uns um das Wohl und die Entwicklung unserer Kinder aufgrund der langen Isolation – wobei wir an diesem Punkt hoffen können, dass Impfungen und Tests mehr Spielraum gewähren.

Aber viele Menschen haben auch eine neue Angst, nämlich die vorm Impfen. Dazu kommen Ängste vor den realen Folgen von Corona: Kurzarbeit und finanzielle Einbußen, Schulden, Arbeitsplatzverlust, Insolvenz. Stark davon betroffen sind ohnehin jene, bei denen es kaum reicht – Alleinerziehende, KünstlerInnen und Solo-Selbständige. Aber auch viele, die bisher recht passabel über die Runden kamen, sehen ihre Existenz und ihre Zukunft bedroht.

Hoffnungsvoll durch den ersten Lockdown 

Das war im vergangenen Jahr im ersten Lockdown oft noch anders. Es gab damals durchaus Menschen, die den Wochen zu Hause etwas abgewinnen konnten. Sie sahen darin eine Pause zum Durchatmen, eine dringend nötige Phase der Entschleunigung, für sich selber und für die von der Klimakrise bedrohte Natur. Sie freuten sich über die Stille am Himmel, zeigten sich kreativ beim Gestalten der Stoffmasken. Menschen in bedrohten Wirtschaftszweigen reagierten erfinderisch und hatten neue Ideen vom „Menü to go“ bis hin zum Online-Streaming-Konzert. Manche interpretierten die Pandemie auch für sich als Aufforderung, nach nachhaltigeren Lebensformen zu suchen.

Nur – inzwischen hat sich die Stimmungslage extrem verändert. Ärzte/Ärztinnen und PsychologInnen registrieren vermehrt seelische Probleme, Konzentrations- und Schlafstörungen, auch Depressionen bis hin zu Panikattacken und Suizidgedanken. Was passiert, wenn ich krank werde? Ist mein Arbeitsplatz noch sicher? Wie und wann werde ich meine Schulden wieder los? Auf solche Fragen kann niemand gültige Antworten geben und das löst gleich neue Ängste aus. Bedrohlich wird die Situation vor allem dann, wenn jemand isoliert in einer Wohnung sitzt und die Angst so überhandnimmt, dass sie das gesamte Denken und damit auch Handeln blockiert.

Angst schützt uns

Dabei hat Angst per se durchaus eine sinnvolle Funktion: Evolutionsbedingt ist sie ein Gefühl, das eine Gefahr signalisiert und Handeln erzeugt. Wir können das in der Wildnis beobachten, wenn ein bedrohtes Tier die Flucht ergreift oder zum Angriff übergeht. Und wir Menschen haben zum Glück weit mehr Handlungsspielräume. Wichtig ist nur, dass wir nicht vor Angst erstarren, sondern handlungsfähig bleiben. Denn dann können wir unsere Lebenserfahrung und den Rat und die Kompetenz anderer nutzen, können die Lage analysieren, uns einen Plan A, B und C überlegen. Wir können uns auch mental stärken, indem wir uns gedanklich und emotional in eine bessere Zukunft nach der Pandemie versetzen und dafür Pläne schmieden.

Und wir können uns in Selbstfürsorge üben. Gerade dann, wenn Sportkurse oder Wellness-Seminare nicht zugänglich sind, sollten wir unsere Gesundheit im Blick haben und gut für uns sorgen, indem wir uns fragen: Was kann ich selber dafür tun, damit es meinem Körper, meiner Seele und meinem Geist gutgeht trotz all der belastenden Umstände?

Und das können wir gegen Ängste tun:

  • Gesund und regelmäßig essen und genug Wasser trinken. Zu viel Süßigkeiten, Alkohol, Tabak und Kaffee vermeiden.
  • Für ausreichend Schlaf und Ruhephasen sorgen. Entspannungs- und Atemübungen nutzen oder lernen. Gegen innere Unruhe können wir auch pflanzliche Mittel (z. B. Lavendel) einsetzen.
  • Viel an die frische Luft gehen und überhaupt aktiv bleiben – spazieren gehen, radeln, laufen, im Garten arbeiten oder auch nur die Wohnung entrümpeln.
  • Routinen einhalten. Regelmäßig essen, pünktlich schlafen gehen und aufstehen. Klare Strukturen geben ein Gefühl von Sicherheit.
  • Kontakte pflegen. Auch wenn wir Familie und FreundInnen nicht treffen können, telefonieren, chatten und soziale Medien nutzen geht. Dabei nicht nur über Corona, sondern auch andere Themen sprechen.
  • Medienkonsum reduzieren. Push-Meldungen abschalten und maximal zweimal am Tag die Nachrichten checken. Nur seriöse Quellen nutzen.

Solche bewussten Verhaltensregeln setzen zugegebenermaßen einiges an Selbstdisziplin voraus. Deshalb sei hier gesagt: Wenn Sie merken, dass Sie Ihren inneren und/oder äußeren Halt verlieren und Unterstützung brauchen, wenden Sie sich bitte an Ihre/n Hausarzt/-ärztin, HeilpraktikerIn oder eine Notruf-Hotline, die Ihnen TherapeutInnen empfehlen können. Es gibt verschiedene Formen der Therapie, in denen Patienten lernen, ihre Angstkreisläufe und deren Ursachen, die oft in der Kindheit liegen, zu verstehen und einen besseren Umgang damit zu finden.

Wie das gelingen kann, erfahren Sie im folgenden Interview mit der Psychologischen Psychotherapeutin Dr. Britta Reiche. 


»Es geht darum, die inneren Ressourcen zu finden und zu stärken«

Reformhaus® Magazin: Frau Dr. Reiche, was ist Ihre Erfahrung aus dem letzten Jahr, nehmen Ängste bei Ihren PatientInnen zu?

Dr. Britta Reiche: Natürlich macht die Pandemie Angst, denn die Krankheit ist nun mal gefährlich und sie verändert unser gesamtes gewohntes Leben. Zudem gab es die Bilder von den vielen Toten in Italien und von den Intensivstationen. Dann habe ich einige PatientInnen mit Angst vor Verarmung, die arbeitslos sind oder ohne Aufträge und nun mit Grundsicherung auskommen müssen; sie kann ich nur bewundern, wie sie das schaffen. Aber das sind reale Ängste. Deshalb unterscheide ich bei meinen PatientInnen sehr genau zwischen Ängsten und einer Angststörung, die oft auch noch mit einer Depression einhergeht. Angst-PatientInnen legen mitunter ihre Ängste aus ihrem Inneren ins Außen. Auch ohne eine Pandemie haben sie oft Angst vor Krankheit, Armut oder Tod. Jetzt in der anhaltenden Krise reagieren sie noch verunsicherter, sehen die Lage noch fatalistischer und auswegloser.

Woran liegt das?

Bei diesen PatientInnen gab es oft eine gestörte Beziehung mit den frühen Bindungspersonen der Kindheit, so entstand ein Mangel an Vertrauen in sich selbst und in das Leben. Sie haben unschöne oder gar traumatische frühe Erinnerungen und Gefühle, die sie verdrängt und abgespalten haben. Der Zugang zu ihren Gefühlen ist ihnen dann später als Erwachsener oft nicht mehr möglich, das führt dazu, dass sie ihre Ängste aus der inneren Not in das Außen legen – dieses sich ewig mit dem Außen beschäftigen ist typisch für eine Angststörung. Sie lassen sich täglich von den News aus Medien und Internet überfluten und da die Bilder und Informationen der Pandemie angstverstärkend wirken, fühlen sie sich noch verletzlicher und verlorener. Andere dagegen schotten sich ab und vereinsamen noch mehr.

Wie behandeln Sie Menschen mit Angststörungen?

Mein Ansatz in Therapien ist mentalisierungsfördernd. Das heißt, er stärkt die Fähigkeit, den Blick für sich selbst und andere zu entwickeln und zu fühlen ‚wie ticke ich, wie tickt der andere?’ Wenn eine Angstpatientin merkt, ich werde noch panischer, arbeite ich mit ihr daran, dass sie ihre Selbstregulation in der Therapie verbessern kann, dass sie eine Perspektive für sich und ihr Leben entwickelt, mit der Pandemie und mit ihren Ängsten. Dazu gehört die Aufarbeitung der Biografie, doch die Arbeit im Jetzt steht im Zentrum.

Wie kann ich mir das praktisch vorstellen?

Das Wichtigste ist Wertschätzung und Unterstützung. Ich arbeite einzeln im Gespräch und auch mit Kleingruppen. Und versuche die PatientInnen zu ermutigen, Wünsche und Projekte wieder aufzunehmen. Einige fangen an wieder zu puzzeln, zu stricken oder sie treiben Sport im Zimmer. Manche nutzen die Zeit für innere und äußere Inventur, sortieren Fotos. Und viele werden kreativ, beginnen zu schreiben, zu malen, zu zeichnen, entdecken ein Musikinstrument wieder neu. Die Aktivierung von Fertigkeiten lässt das Gefühl aufkommen ‚ich kann etwas‘. Oft gelingt dadurch auch das Beschreiben der Gefühle besser und aktiviert damit innere Ressourcen.

Warum sind innere Ressourcen so wichtig?

Bei manchen Menschen sehe ich, wie die inneren Ressourcen sie stärken und widerstandsfähiger machen können, gerade in Krisenzeiten wie jetzt. Dazu zählen etwa kreative Talente oder gute kommunikative Fähigkeiten. Menschen, die die Perspektivenübernahme für sich und andere gelernt haben, gehen möglicherweise angstfreier mit der Krise um. Sie versorgen sich mit Masken, halten Kontakt zu den anderen, auch virtuell (lernen den Umgang mit Zoom), nutzen Schnelltests und kümmern sich um einen Impftermin (wenn sie denn einen bekommen). Sie gehen vorsichtig, aber weniger ohnmächtig durch die Zeit.

Zum Weiterlesen

Wenn uns Ängste belasten, ist es wichtig zu wissen, wie wir unserem Körper und unserer Seele Gutes tun können – „Reformhaus® Wissen kompakt Keine Panik!“, hilft, achtsam und gesund Krisen zu überstehen.
In teilnehmenden Reformhäusern

Jill A. Stoddard: Das Anti-Angst-Programm für Frauen. Akzeptanz- und Commitmenttherapie: Die achtsame Methode gegen Angst & Sorgen. Trias Verlag, 19,99€

Die Akademie Gesundes Leben in Oberursel bietet viele unterstützende Seminare an – von „Der inneren Stimme folgen“ über „Was uns stark macht“ bis zum „Wohlfühl-Wochenende“. Unter: www.akademie-gesundes-leben.de oder Telefon 06172 / 3009 822 finden Sie sicher das passende Seminar. 

Empfehlen über:

Weiterscrollen, um zum nächsten Artikel zu gelangen