Hildegard von Bingens Erkenntnisse sind noch heute bedeutsam für die Pflanzenheilkunde ©behewa - stock.adobe.com

Ihrer Zeit voraus – Hildegard von Bingen

Seminar über die Visionärin aus dem Mittelalter

Stand: 31.08.2020 (31.08.2020)

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Ganz schön modern, diese Frau. Wäre sie nicht schon im Jahre 1098 geboren, säße sie heute in Diskussionsrunden mit Experten für Gesundheit und Ernährung und hätte etwas zu sagen. Hildegard von Bingen – ein spannendes Seminar an der Akademie Gesundes Leben über die Visionärin aus dem Mittelalter.

So gerne würde ich mich einmal mit Hildegard unterhalten, verrückt, wie zeitgemäß sie immer noch ist.“ Susanne Neifer strahlt in die Runde von 18 TeilnehmerInnen, die sich in der Akademie Gesundes Leben in Oberursel an diesem Wochenende versammelt haben, um alles über das Universalgenie aus dem 11. Jahrhundert zu erfahren und praktische Erfahrungen beim Herstellen von Medizin und Probieren von Rezepten zu sammeln. „Hildegard ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken“, erzählt die Seminarleiterin. „Sie hat so viele Tipps parat, wie man in dieser herausfordernden Zeit zurechtkommt.“

Ihr Weg mit der berühmten Äbtissin begann vor zehn Jahren: „Damals legte mir eine Freundin einen grünen Chrysopras in die Hand, das ist einer der Heilsteine, mit denen Hildegard arbeitete. Da war es um mich geschehen.“ Die gelernte Augenoptiker-Meisterin ging bei einer Hildegard-Expertin in die Schule, schloss eine Ausbildung in Klostermedizin und Pflanzenheilkunde ab und gibt seitdem eigene Seminare. Was für ein Glück für uns alle, die wir hier im Seminarraum sitzen. 16 Frauen und zwei Männer, die meisten so in ihren 50ern und aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands. Heilpraktikerin Heidi zum Beispiel kommt aus Ulm und ist per Internet während einer Ayurvedakur in Indien auf Hildegard von Bingen gestoßen: „Die Frau ist so spannend, ich habe mich dort dann fast nur noch mit ihr beschäftigt und möchte ihr Wissen in meine Praxis integrieren.“

Für Hildegard hatte jede Krankheit auch eine seelische Komponente

Stimmt, spannend und faszinierend. Schon als Kind war Hildegard anders als andere. So sagte sie etwa das Aussehen eines ungeborenen Kälbchens voraus. „Die Hildegard redet schon wieder“, merkten die Leute an. Mit 14 Jahren kommt das Mädchen als zehntes Kind einer Adelsfamilie in die Frauenklause des Benediktinerklosters Disibodenberg bei Bad Kreuznach, erhält umfassende Bildung und übernimmt mit 38 Jahren die Leitung der Klause. Als sie 42 ist, ein Alter, das viele ihrer Zeit gar nicht erreichen, hat sie eine entscheidende Vision: Den göttlichen Auftrag, alles, was ihr jetzt und in Zukunft offenbart wird, niederzuschreiben. „Das war der Beginn eines beispiellosen Schriftwerks in der europäischen Geschichte des Mittelalters“, erzählt Susanne: „Sie erkennt die Einheit von Körper, Geist und Seele, das Einssein des Menschen mit der gesamten Schöpfung und auch, dass jede Krankheit eine seelische Komponente hat.“

Im Alter von 49 Jahren siedelt Hildegard mit 20 Nonnen über zum Rupertsberg bei Bingen und gründet ihr eigenes Kloster. Dort entstehen unter anderem ihre medizinischen Werke. Ein Buch über Heilmittel, eines über die Ursachen und die Behandlung der verschiedensten Krankheiten. „Ein Hauptaugenmerk richtete die Heilgelehrte auf den Darm, der für sie ausschlaggebend für die allgemeine Gesundheit war“, erläutert uns Susanne. Was viele Experten heute ja genauso sehen. Zur Entgiftung und Reinigung empfahl sie zum Beispiel einen speziellen Honigbrei, der, laut Hildegard, „wertvoller als Gold“ ist.

Heilmittel lassen sich in der Küche einfach herstellen

Klar, dass wir genau diesen Bärwurz-Birnhonig am nächsten Tag in der großen Küche der Akademie herstellen und in kleine Gläser zum Mitnehmen für zu Hause abfüllen. „Schmeckt nach Medizin, süß, scharf, bitter“, findet die Heil- und Wildkräuterpädagogin Rahel. „Die Andorn-Pillen sind noch viel schärfer“, stellt Betriebswirtin Carmen fest. Sie sind aus einer Honig-Kräutermasse, mit Ingwerpulver umhüllt und sollen bei Husten und Heiserkeit helfen. Und erfordern Geduld. Die kleinen Dinger müssen alle per Hand gerollt werden. Dem Pflege- und Heilbalsam setzen wir wohlduftende Öle zu, Rose, Lavendel oder Zitronengras und dann probieren wir schon mal den Petersilien-Honig-Wein. Er soll den Blutdruck regulieren und ist dabei ganz lecker. Der bittere Wermut-Wein, ideal als Frühjahrskur gegen Erschöpfung, findet geschmacklich dagegen nicht so viel Anklang.

Als Letztes holen wir die Dinkel-Nervenkekse aus dem Ofen. „Die müssen wir doch bestimmt täglich essen, oder?“ „Ganz bestimmt!“, pflichtet Susanne uns lachend bei. Dinkel war für Hildegard in der Ernährung extrem wichtig: „Er verleiht rechtes Fleisch und rechtes Blut sowie einen frohen Sinn und Freude im Gemüt des Menschen.“

„Überhaupt war die Freude bei Hildegard essenziell für die Gesundheit“, lernen wir später im Seminarraum, als es um Kräuter- und Pflanzenheilkunde, Medizin, gesunde Ernährung oder auch die Bedeutung der fünf Sinne geht. Sie war ein positiver Geist und sprach von einem wohlwollenden Gott, der die Menschen liebt. Hildegard komponierte 77 geistige Lieder – den Engeln abgelauscht – und die Nonnen ihres Klosters trugen an Feiertagen Blumenkränze im offenen Haar und schöne Gewänder. Zudem war sie in vielem der Zeit voraus. Kranke kamen zur Heilung ins Kloster und Frauen für die Geburt ihrer Kinder. Im Alter von 67 Jahren gründete Hildegard ein weiteres Kloster in Eibingen, wo Frauen aus dem Volk als Nonnen Bildung erhielten, was auf dem Disibodenberg oder in Bingen Adligen vorbehalten war. 

Ihr Wissen erhielt sie durch detaillierte Visionen

Wie konnte all das sein, in einer Zeit, in der männliche Obere das Kirchenleben bestimmten? „Hildegard vermittelte stets, dass nicht sie die Quelle all ihres Wissens ist, sondern Gott,der in Visionen zu ihr spricht“, erklärt Susanne. „Bereits 1147 wurden Papst Eugen III Schriften Hildegards vorgelegt und er erkannte sie als Prophetin an.“ Hildegard korrespondierte mit Kardinälen, vier Päpsten, Königen wie Heinrich II. von England oder Kaiser Barbarossa, der sie um Rat ersuchte. Ein unglaublich volles Leben. Dabei hatte sie eine recht schwache Konstitution und war schon als Kind oft krank. Was sie aber nicht davon abhielt, noch mit 70 Jahren hoch zu Ross auf Pilgerreise zu gehen.

Am letzten Seminartag stehen noch die Heilsteine auf dem Programm und dann folgt das große Finale: ein Mittags-Büfett, das wir gemeinsam nach Original-Rezepten in der Küche zaubern. Natürlich mit viel Dinkel und auch Fenchel,dem Gemüse-Favorit von Hildegard: „Er macht froh, ist gut für die Verdauung und beugt, regelmäßig gegessen, sogar der Grippe vor.“ Aber hier geht es nicht nur um die Gesundheit, sondern auch um den Geschmack. Fantastisch, was nach etwas mehr als zwei Stunden schnippeln, köcheln, rühren und braten auf dem Tisch steht. Fenchel-Orangen-Mandel-Salat,Selleriesuppe, Dinkelspätzle, Kürbisküchlein … oder Maronen-Gnocchi und als Nachspeise Dinkelauflauf mit Äpfeln und Rote Grütze. Lecker!

„Hat euch etwas gefehlt“, fragt uns Susanne in der Abschlussrunde? Nein, uns raucht der Kopf. So viel Information, so viel vermitteltes Wissen. Die Japanerin Miki, die Heilsteine für Massage vertreibt, bringt es auf den Punkt: „Das Seminar war perfekt ausgewogen zwischen Theorie und Praxis und ich habe jetzt große Lust, zu Hause selber etwas zu machen.“ Ansonsten fühlt es sich für die meisten so an, als wäre Hildegard tatsächlich ein Stück weit dabei gewesen. Susanne sei Dank! Übrigens: Hildegard starb 1179 im stolzen Alter von 81 Jahren und natürlich hat sie ihren Todestag vorhergesagt.

Hildegard von Bingen für zu Hause

In diesem lieblich-süßen Klostertee mit Hildegard-Kräutern von SALUS treffen süße Fenchelfrüchte auf Anis, Dillkraut und Süßholzwurzel. Fenchel gelangte mit der Klosterkultur im Mittelalter über die Alpen. Dieser Tee wurde in Zusammenarbeit mit der „Forschungsgruppe Klostermedizin der Universität Würzburg“ entwickelt. Die Rezepturen basieren auf alten Dokumenten und wurden an heutigen Wissensstand und Geschmack angepasst.

Seminartipp

Hildegard von Bingen

Ernährung und Naturheilkunde

29.01. – 31.01. 2021
09.07. – 11.07. 2021

Aufbaukurs
25.10. – 27.10.2020

Drei Tage Theorie und Praxis: Sie stellen selber Heilmittel aus der Klostermedizin nach Originalrezepten her, kochen nach Hildegard mit bekömmlichen Lebensmitteln und erfahren viel Wissenswertes zu Themen wie Hildegard-Medizin, Kräuterwissen, Edelsteinkunde und jede Menge über Leben und Philosophie der Universalgelehrten.

Mehr Informationen unter www.akademie-gesundes-leben.de 
oder telefonisch: 06172/300 98 22

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