Schlaf, Kindlein, schlaf - ein gesunder Schlafrhythmus ist auch für die Kleinen wichtig ©Oksana Kuzmina - stock.adobe.com

Schlaf, Kindlein, schlaf...

So bleibt der Schlaf Ihres Kindes in Balance

Stand: 27.01.2021

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Die Nacht beschert den Kleinen wie den Großen anstrengende Stunden. Die einen wachen mehrmals auf, schlafen nicht wieder ein, weinen, schreien, ängstigen sich und die Erwachsenen sind in Sorge, ob sie etwas falsch machen. Das muss nicht sein. Wie wir den Schlafrhythmus der Kleinen ganz natürlich in Balance bringen können, verrät Dr. med. Franziska Rubin im Interview.

Reformhaus® Magazin: Was sind die Ursachen für Ein- und Durchschlafprobleme der Kinder?

Dr. med. Franziska Rubin: Wir tun immer so, als müssten Kinder auf Knopfdruck schlafen können. Aber gerade der nächtliche Schlaf wird im Baby- und Kleinkindalter von verschiedenen Einflüssen bestimmt. Da ist zum einen das Gehirnwachstum. Das Gehirn wächst in den ersten drei Lebensjahren auf das Zwei – bis Dreifache an. Dazu braucht es viel Energie, deshalb trinken Babys, vor allem im ersten Lebensjahr, auch nachts gerne ein oder zwei Portionen Milch. In den ersten Monaten werden Babys zudem oft von Bauchkrämpfen geplagt, meistens zu abendlicher Stunde. Und schon ab dem vierten Monat leiden viele unter Zahnungsschmerzen, nicht selten nachts. Aber auch der erste Schnupfen, Ohrenschmerzen oder Magen-Darmprobleme stören den nächtlichen Schlaf. Bis zum Schulbeginn machen Kinder eine rasante geistige und körperliche Entwicklung durch, die oft in Schüben verläuft. Solche Entwicklungsschübe können ebenfalls zu vorübergehenden Schwierigkeiten beim Ein- und Durchschlafen führen. 

Welche Rolle spielt der Nachtschreck?

Etwa drei bis sechs Prozent der Kinder im Kleinkind- und Vorschulalter erleben diesen Nachtschreck, auch als Pavor nocturnus bekannt. Ein bis vier Stunden nach dem Einschlafen fangen sie plötzlich an, furchtbar zu schreien. Sie sind trotz offener Augen aber nicht wach und deshalb auch nicht ansprechbar, geschweige denn schnell zu beruhigen. Da hilft nur eines: selbst Ruhe bewahren, sehr leise mit dem Kind zu sprechen und ihm vermitteln, dass es in Sicherheit ist. Meist ist der Spuk nach 15 Minuten so plötzlich vorbei, wie er gekommen ist. Manche Kinder gehören zu den Schlafwandlern. Wie der Nachtschreck an sich eine ungefährliche Schlafstörung. In beiden Fällen ist es aber wichtig, für eine kindersichere Wohnung zu sorgen, um Unfälle zu vermeiden.

Wie viel Schlaf ist wichtig und gesund in den unterschiedlichen Entwicklungsstadien?

Nach etwa drei bis vier Monaten hat der Säugling einen individuellen Schlaf-Wach-Rhythmus gefunden. Der Schlaf, 14 bis 16 Stunden, verteilt sich jetzt auf drei „Portionen“ in der Regel zwei am Tag und eine längere Phase nachts. Kleinkinder benötigen zwischen 13 bis 14 Stunden, wobei sich diese Zeit auf einen Nacht- und einen Mittagsschlaf verteilt. Zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr benötigen immer weniger Kinder einen Tagesschlaf, sollten aber etwa 11 Stunden nachts schlafen können. Denn in dieser Zeit läuft das Wachstumshormon zur Hochform auf. Es sorgt für die Reifung aller Gewebe, einschließlich des Längenwachstums, und für die Reparatur und Regeneration von Zellen. Auch das Immunsystem arbeitet intensiv, es werden besonders viele immunaktive Stoffe ausgeschüttet und bekämpfen Krankheitserreger, ohne dass wir etwas davon merken. Nicht umsonst heißt es, Schlaf ist die beste Medizin.

Was können Eltern tun, um ihrem Kind zu helfen? Ist es gut, bei ihm zu bleiben, bis es schläft?

Es gibt durchaus Babys, die bereits mit einem halben Jahr eine längere Phase nachts durchschlafen. Aber das ist nicht die Norm! Und sollte vor allem nicht zum Wettbewerbsziel erklärt werden. So nach dem Motto, je eher mein Kind durchschläft, desto erfolgreicher bin ich in der Erziehung. Das geht völlig an den Bedürfnissen des Kindes vorbei. Denn aus evolutionärer Sicht benötigen Babys und Kleinkinder vor allem Nähe, um gut ein- oder wieder einschlafen zu können. In Kindern tickt ein uraltes Erbe, dass sie sich nur durch die unmittelbare Nähe von Erwachsenen vor einer gefährlichen Außenwelt beschützt fühlen. Nun laufen keine Säbelzahntiger mehr um heutige Behausungen herum, aber das Programm des beschützt sein Wollens läuft dennoch im Hintergrund ab. Körpernähe beim Einschlafen hat also gerade bei den Kleinsten nichts mit Verwöhnen zu tun, sondern entlastet.

Gemeinsam ist auch allen Babys und Kindern bis zum Ende des dritten Lebensjahres, dass sie nachts mehrmals aufwachen, wie Videoanalysen von Schlafforschern zeigen. Auch das scheint ein fest installiertes Programm zu sein. Dann ist es gut, wenn man den Kleinen Nähe anbietet. Das kann ein kurzes Händchenhalten sein, dazu beruhigende Worte, mancher setzt sich für einen Moment ans Bett oder lässt das Kind auch ins elterliche Bett. Als Faustregel könnte man sagen, so viel Nähe wie möglich gewähren und sich dabei selbst vor Überlastung schützen.

Hat ein Kind Probleme einzuschlafen, ist dies nicht gleichbedeutend mit einer Schlafstörung. Aber ab wann sollten Eltern ärztlichen Rat einholen?

Bei Nachtschreck, Schlafwandeln oder ungewöhnlichen Bewegungen im Schlaf ist es gut, eine Ursachenabklärung vom Kinderarzt zu bekommen. In der Regel sind diese Störungen harmlos, aber auch zur eigenen Beruhigung, gibt der Rat des Arztes Sicherheit. Auch wenn das Kind nachts immer wieder aufwacht und ewig zum Wiedereinschlafen braucht, bei anhaltendem Schnarchen (Schlafapnoe) oder wenn ihr Kind trotz ausreichendem Schlaf tagsüber müde ist. Holen sie sich unbedingt Rat, wenn das Schlafverhalten des Kindes die ganze Familie extrem belastet.

Welche pflanzlichen Mittel gibt es, die Eltern ihren Kindern unbesorgt geben können und was muss dabei beachtet werden?

Zu den Klassikern bei Schlafproblemen zählen Baldrian, Melisse, Lavendel, Hopfenzapfen und Passionsblume. Sie alle wirken beruhigend, Lavendel und Passionsblume dazu angstlösend. Baldrian hat auch auf die Muskeln eine entspannende Wirkung. Als Tee können Sie Melisse, Lavendel, Hopfenzapfen, Passionsblume und Pomeranzenblüten (für den guten Geschmack) zu gleichen Teilen mischen lassen. Übergießen Sie 1 TL davon mit 200 ml heißem Wasser, 10 Minuten zugedeckt ziehen lassen und abseihen. 30 – 60 Minuten vor dem Zubettgehen trinken. Lavendel eignet sich auch sehr gut für ein Duftsäckchen, das man neben das Kopfkissen legt, ebenso als Badezusatz. Lassen Sie Ihr Kind 10 Minuten baden und dann ins Bett huschen.

Ein einfaches Hausmittel sind kalte nasse Socken. Sie haben eine ableitende und beruhigende Wirkung. Dafür dünne Baumwollsöckchen in kaltes Wasser tauchen, anziehen und ein zweites Paar Wollsocken drüberziehen. Die Socken können die ganze Nacht über an bleiben. Ist übrigens auch für Erwachsene eine Super-Einschlafhilfe. Wichtig: Die Füße müssen unbedingt warm sein, bevor die kalten Socken angelegt werden.

Worauf sollte man bei der Ernährung achten?

Für Kinder gilt das Gleiche wie für Erwachsene: Abends ist leichte Kost angesagt. Die meisten Körpervorgänge werden am späten Abend und in der Nacht auf Sparflamme gedreht, damit beispielsweise alle Reparaturaufgaben erfüllt werden können. Ist der Organismus zu sehr mit der Verdauung beschäftigt, kann das diese Prozesse hemmen. Wichtig ist es ebenfalls, nicht zu spät zu essen. Denn nach jeder Mahlzeit wird Insulin ausgeschüttet, um die Nahrung in Form von Glukose in die Zellen zu transportieren. Insulin ist aber der Gegenspieler von Melatonin, dem Hormon, das uns signalisiert, dass es nun Zeit zum Ruhen ist.

Praktische Einschlaf-Tipps:

  1. Vorlesen und Schlaflieder
    Sind wunderbare Möglichkeiten, um für Nähe und Beruhigung zu sorgen. Schlaflieder vermitteln vor allem Babys zusätzliche Geborgenheit. Die bereits im Bauch vertraute Stimme der Mutter und die Rhythmen der Musik sind eine ideale Kombination. Anregungen gibt es im Internet oder auf CD.
  2. Rhythmen und Rituale
    Rhythmen und Rituale sind Anker der Verlässlichkeit und damit auch Garanten für Geborgenheit. Fantasiereisen können ein schönes Abendritual sein. Geben Sie immer wieder ein neues Thema vor. Mal kann es eine Reise durch den eigenen Körper sein, mal das Liegen auf der berühmten Blumenwiese oder eine Reise zum Mond. Holen Sie sich Anleitungen in Büchern und oft dazugehörigen CDs. Viele Kinder sind auch für Yoga zu begeistern. Zur Beruhigung eignen sich vor allem Atemübungen. Zum Beispiel der Bären-Atem: Atme durch die Nase ein und zähle bis 3 oder 4, halte den Atem 3 bis 4 Zähler an, und dann wieder 3–4 Schläge ausatmen und für einen Augenblick den Atem wieder anhalten. Wie ein Bär, der ganz ruhig in seiner Höhle den Winterschlaf genießt und zwischen jedem Atemzug eine kurze Pause macht. Die Übung beruhigt und kann auch vor dem Einschlafen helfen.
  3. Ausreichend Bewegung und Sport in frischer Luft
    Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang, dem man ausreichend Raum geben sollte. Bewegung ist für die Entwicklung unabdingbar. Ausreichend Bewegung macht zudem müde. Faustregel für Bewegung: Säuglinge und Kleinkinder so viel wie möglich, Kitakinder 3 Stunden am Tag, Schüler mindestens 1 Stunde, besser jedoch mehr.

Buchtipps

  • Franziska Rubin: Meine sanfte Medizin für Kinder
    Einschlaf-Tipps für Erwachsene
    ZS Verlag
    24,95 €

  • Franziska Rubin: Mein kleines Buch vom guten Schlaf
    Knaur
    10 €

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