Holzkorb mit bunten Blüten drin und drum herum

Immer mehr Menschen wenden sanfte Medizin an

Hilfen und Hausmittel mit Dr. Franziska Rubin

Stand: 30.04.2020 (30.04.2020)

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Mehr als die Hälfte aller über 65-Jährigen nimmt täglich fünf verschiedene Medikamente ein. Und viele Jüngere versuchen, belastbar und fit zu bleiben, etwa durch freiverkäufliche Schmerzmittel. Mit dem Risiko starker Nebenwirkungen. Dabei wünschen wir uns alle, natürlich gesund zu bleiben.

Unsere Expertin Dr. Franziska Rubin klärt auf über die Möglichkeiten der Naturheilmedizin – auch während der Wechseljahre – sowie der Selbstbehandlung und wo die Grenzen liegen.

Dr. Franziska Rubin hat Humanmedizin studiert und im Bereich der Nervenheilkunde promoviert. Die beliebte Moderatorin und Fernsehärztin ist Autorin vieler Bücher zu Gesundheitsthemen.

Reformhaus® Magazin: Sie haben ganz klassisch Medizin studiert, gab es einen bestimmten Moment, der Sie veranlasst hat, sich näher mit Naturheilverfahren zu beschäftigen?
Dr. med. Franziska Rubin: Ja, diesen Aha-Moment gab es. Ich hatte im 1. Staatsexamen heftige Rückenschmerzen und stellte mich in meiner Verzweiflung bei einer Homöopathie-Vorlesung zur Verfügung, sozusagen als Versuchskaninchen. An eine mögliche Wirkung geglaubt habe ich als Tochter eines sehr hochschulmedizinischen Rheumatologen überhaupt nicht. Umso erstaunter war ich, als ich am nächsten Tag Bauchmuskelkater hatte und dann meine Rückenschmerzen für lange Zeit verschwanden. Das hat mich verunsichert und geöffnet für andere Medizinsysteme. Meine Famulaturen (praktischen Teile des Studiums) habe ich dann in den verschiedensten Naturheilkundlichen Kliniken verbracht, was sehr spannend war.

Wie können Naturheilverfahren die ärztlichen Diagnose- und Therapie-Möglichkeiten ergänzen?
Die beste Medizin ist aus meiner Sicht eine Kombination aus Hochschulmedizin, Naturheilkunde und Mind-body-Medicine, also mit Methoden der Achtsamkeit sowie Entspannung. Körper und Geist müssen beachtet werden. Je nach Schweregrad der Erkrankung braucht man eher das eine oder andere, oft alles gemeinsam, um zu heilen. Grundsätzlich kann man sagen, dass der Vorteil der Naturheilkunde ist, dass sie dem Körper hilft, sich selbst zu kurieren, also die Selbstheilungskräfte anregt. Dazu muss der Körper aber noch in der Lage sein. Wenn es dafür zu spät ist, braucht man dann eben doch zum Beispiel das Antibiotikum. Naturheilkunde kann aber wiederum die Nebenwirkungen dämpfen – beispielsweise die angegriffene Darmflora mit fermentierten Lebensmitteln aufbauen oder den Körper zusätzlich stärken.

Wo stößt die Schulmedizin an ihre Grenzen?
Die Schulmedizin ist Segen und Fluch zugleich, denn oft wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen, zu viele Menschen sterben durch Medikamentennebenwirkungen oder bei Operationen. Ärzte haben zu wenig Zeit für den Patienten, dadurch kommen Gespräche und der Blick auf den seelischen Hintergrund einer Erkrankung zu kurz. Was wiederum dazu führt, dass körperliche Erkrankungen chronisch werden, deren seelische Ursache nicht erkannt ist.

Sie haben ein paar Jahre in Australien gelebt, welche Heilgeheimnisse haben Sie dort
entdeckt?

Wir waren vier Jahre in Australien und ich hatte das Glück, Ureinwohner treffen zu dürfen und über ihre Lebensart und Medizin mehr zu erfahren. Besonders beeindruckt hat mich, wie verbunden sie sind – mit sich, der Natur, ihrer Familie, dem Stamm, ihrer Entstehungsgeschichte und Aufgabe. Wenn sie so ursprünglich leben können wie früher. Ich habe deutlich gespürt, dass uns unsere Entwurzelung nicht bekommt. Wir übersehen häufig, dass wir soziale Wesen sind und auch, welche Kraft die Natur für uns birgt. Stattdessen versuchen wir, alleine klar zu kommen und zerstören viel.

Welche Hausmittel der Aborigines können wir auch verwenden?
Auch wir können Teebaumöl zum Desinfizieren, Eukalyptus gegen Erkältungen, Manukahonig als Wundauflage, oder Kanukaöl bei rheumatischen Beschwerden verwenden und viele andere. Buschblüten ähnlich unseren Bachblüten finde ich sehr interessant und Papayas zum Beispiel werden von den Aborigines gegen Verdauungsbeschwerden, aber auch als Antikrebsmittel verehrt. Beweise hierfür gibt es natürlich nicht.

Auch bei uns gibt es traditionelle Hausmittel, die oft schon seit Jahrhunderten angewendet werden, haben Sie da auch Gemeinsamkeiten entdeckt?
Unsere Heilkunde hat eine lange Tradition und ist auch sehr gut dokumentiert. Mittlerweile sind zudem viele Pflanzenwirkstoffe isoliert und in Studien untersucht. Bei den Ureinwohnern Australiens ist das anders, weil jeder Stamm seine eigene Art hat zu ernten, Pflanzenteile zu verwenden und das zumeist nur mündlich überliefert wird. Interessant finde ich, dass ernsthaftere Erkrankungen dann auch eine Behandlung der Seele durch den Nangkari (Heiler) erfordern.

„Immer mehr Menschen wenden sanfte Medizin an.“

Dr. Franziska Rubin

Bei welchen Beschwerden würden Sie immer zuerst zur Selbsthilfe greifen?
Bei fast allen, außer ich brauche einen Notarzt, eine Operation oder mein Zustand verschlechtert sich unter den Selbsthilfemaßnahmen.

Und was haben Sie deshalb immer zu Hause vorrätig?
Ich habe natürlich hilfreiche Lebensmittel im Kühlschrank (weil ich auch gerne esse), aber auch eine schulmedizinische und homöopathische Notfallapotheke, Wickel und viele pflanzliche Medikamente sowie Wirkstoffe.

Was empfehlen Sie für möglichst tägliche Routinen, um gesund zu bleiben?
Menschenverstand. Bewegung, frische Luft, soziale Kontakte, gute Gespräche, ausreichend Schlaf, abwechslungsreiche Ernährung und ein paar Hausmittel, um jeden Infekt im Keim zu ersticken. Außerdem dusche ich mich jeden Morgen kalt ab, um das Immunsystem fit zu halten.

Bei welchen Beschwerdebildern ergänzen Heilpflanzen die Schulmedizin besonders erfolgreich?
Naturheilkundliche Anwendungen sind gut gegen Schmerzen und akute Infekte, helfen aber auch bei Volkskrankheiten wie Arthrose, Bluthochdruck, Diabetes und anderem. Nicht umsonst weist das Sprichwort (dagegen ist kein Kraut gewachsen) darauf hin, dass eigentlich gegen fast alles ein Kraut gewachsen ist.

Welche der vielen traditionellen Medizinsysteme faszinieren Sie besonders?
Die ayurvedische und chinesische Medizin sind die ältesten Medizinsysteme dieser Welt und bergen auch für uns viele Anregungen. Zwar fällt es uns schwer, die Wirkweisen zu verstehen, aber sie existieren nicht ohne Grund so lange. Zudem haben beide den Ansatz, den Patienten gesund zu erhalten und nicht nur zu reparieren.

Sie sind Mutter, bietet sich eine sanfte Medizin besonders bei Kindern an?
Durch meine drei kleinen Mädels habe ich erfahren, wie häufig Kinder krank sind, aber auch, wie gut Hausmittel da helfen. Wir haben viele Hausmittel selbst ausprobiert und manchmal sogar Spaß dabei gehabt. Sie alle stehen im Buch „Meine sanfte Medizin für Kinder“.

Welche Hausmittel können Sie speziell für die Kleinen empfehlen?
Jedes Kind hat seine persönliche Schwachstelle, deshalb muss man oft nur wenige Mittelchen zu Hause parat haben oder kennen. Ava brauchte oft das Zwiebelsäckchen fürs Ohr, Livi den Bienenwachsbrustwickel gegen Husten und Flora Wickel gegen Fieber.

Sind Frauen immer noch die Gesundheitsmanagerinnen der Familie und besser informiert als Männer?
Ich vermute ja, mit Ausnahmen. Doch viele Menschen wollen sich mehr um ihre Gesundheit kümmern und wenden Naturheilkunde und Hausmittel an – mit Erfolg. Auch gesundes Essen gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Und woran hapert es?
Oft hapert es an der Zeit, leider.

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