Im Gespräch mil Hilal Sezgin

Tierisch gut!

Stand: 15.08.2016 (15.08.2016)

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Vegan leben? Kein Burger, kein Schnitzel, kein Milchshake? Da kann man ja gar nichts mehr essen, und gesund kann das doch auch nicht sein, oder? Wir haben bei Hilal Sezgin nachgefragt. Ihr Buch „Wieso? Weshalb? Vegan!” ist ein Muss für junge VeganerInnen und solche, die es werden wollen.

Sie leben vegan. Was war der ausschlaggebende Punkt? Gab es ein spezielles Erlebnis?

Hilal Sezgin: So wie viele Leute wurde ich zunächst einmal Vegetarierin, da war ich ungefähr zwölf Jahre alt. Wir waren sowieso eine sehr tierliebe Familie – meine Mutter hatte mir nie erlaubt, Kaninchen oder Meerschweinchen zu halten, weil sie es verabscheute, Tiere im Käfig zu sehen. Eines Tages verbrachte ich den Nachmittag damit, Kühe zu zeichnen; ich bewunderte ihre Ruhe und Stärke … und mir fiel auf: Zu Hause würde ich vermutlich etwas von einer Kuh essen. Ich ging heim und sagte, ich wolle kein Fleisch mehr essen. Meine Eltern haben das sofort unterstützt.

Veganerin wurde ich dann über zwanzig Jahre später, als ich einen Demeterhof mit Milchkühen besuchte. Da standen wenige Tage alte Kälber in den Plastikhütten, und eine Kuh rief unentwegt nach ihrem Kalb, das ihr nach der Geburt weggenommen worden war. Ebenfalls auf dem Land sah ich dann auch, wie Bio-Hennen „leben“... Da wurde mir endlich klar, wer nicht will, dass Tiere für ihn eingesperrt und geschlachtet werden, muss vegan leben. Denn geschlachtet werden die Legehennen und Milchkühe nach ihrem kurzen schlechten Leben ja auch.

Sie leben in der Lüneburger Heide. Auf Ihrem Hof haben auch viele Tiere ein Heim gefunden. Wie viele Tiere haben Sie denn?

Ich habe 35 Schafe, zwei Ziegen, zwei Gänse und fünf Kaninchen. Auch zwei Katzen, aber die leben ja mit im Menschenhaus, daher zähle ich sie nicht wirklich dazu. Doch auch die anderen Tiere sind mir über die Jahre sehr vertraut geworden; die Schafe und ich kennen einander seit neun Jahren, sie betrachten mich ungefähr wie ein Mitglied der Herde. Die Atmosphäre, die sie im Stall und auf der Weide schaffen, ist wunderschön. Sie freuen sich ihres Lebens auf eine ruhige und gleichzeitig intensive Art. Jetzt zum Beispiel liegen sie wiederkäuend in der Sonne, genießen die Wärme auf dem Leib – wenn es zu heiß wird, trippeln sie plötzlich alle zusammen in den kühlen Stall. Wenn ich sie abends füttere, mampfen sie das Heu weg, als ob es das Beste wäre, was man überhaupt essen kann!

Was bedeutet Ihnen diese Gemeinschaft?

Was bedeutet mir das? Ich finde, diese Tiere zeigen einem ein bisschen, wie man auch als Mensch leben sollte, wie man die von uns so geschmähten „kleinen Freuden“ wertschätzen kann. Wie schön es ist, einfach nur „mit der Herde“, also mit Familie und Freunden zusammen zu sein. Und wenn man im Tierrechtsbereich arbeitet, ist es natürlich auch schön und heilsam, einige Tiere zu sehen, die frei und unbehelligt irgendwo leben können – als Kontrapunkt zu all den Grausamkeiten, mit denen man sonst befasst ist.

Sie sind Philosophin und Journalistin. Nach „Artgerecht ist nur die Freiheit“ (2014) nun „Wieso? Weshalb? Vegan!“ Ihre Bücher beschäftigen sich mit Tierrechten und Tierethik: Bezeichnen Sie sich selbst als Tierrechtsaktivistin?

Auf Demos, zum Beispiel, gehe ich fast gar nicht mehr, da sehe ich mich eher als Publizistin, die darüber schreibt. Ich finde, dass dieses Schreiben auch eine politische Seite hat. Zum Beispiel ist es mir wichtig, dass wir Geschichten, Meldungen und Berichte über Tiere überhaupt als ernst zu nehmendes Thema ansehen – das ist es allerdings für viele nicht. In Deutschland schlachten wir jedes Jahr knapp eine Milliarde Tiere, aber das taucht in den „vermischten“ Meldungen nur auf, wenn mal wieder ein Tiertransporter auf der Autobahn umgekippt ist. Wir müssen das Leben der Tiere mit und unter uns viel mehr ins Bewusstsein rücken – gerade weil wir unsere Grausamkeiten ihnen gegenüber ja gern unsichtbar machen oder wegschauen. Wir müssen daran erinnern, davon erzählen, was in den Labors, Ställen und Schlachthöfen passiert.

Ihr neues Buch wird als „neues Standardwerk für junge Veganer“ angekündigt – wie kam es zu der Idee, ein Buch an Jugendliche zu adressieren?

Das war gar nicht meine Idee, das war die Idee des Lektors vom Fischer Verlag. Ein Jugendbuch zu schreiben, ist eine tolle Erfahrung. Normalerweise huscht man ja beim Reden und Schreiben über vieles hinweg, weil man annimmt: „Na ja, das weiß man ja.“ Denn für ein Jugendbuch hält man inne und fragt sich, wie das eigentlich genau war und warum! Dabei habe ich gemerkt: Nicht alles, was wir in der Schule gelernt hatten, gilt heute noch als richtig. Erst wenn man versucht, es anderen zu erklären, lernt man vieles selbst.

Was möchten Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben?

Nicht alle, aber viele Kinder und Jugendliche empfinden ein starkes Unbehagen, wenn sie hören, wie unsere Gesellschaft mit „Nutz“-Tieren umgeht. Sie werden da oft einfach von den Erwachsenen angelogen, getröstet, wo es nichts zu trösten gibt, und ruhig gestellt. Ich glaube, ich würde meinen jüngeren Leserinnen und Lesern gern das Gefühl vermitteln, dass es zwar nicht immer „schön“ ist, wenn man die Wahrheit erfährt, aber dass es sich lohnt, sie herausfinden zu wollen. Und dass es sich auch lohnt, seinen moralischen Impulsen zu folgen, auch wenn alle um einen herum so tun, als wäre es zum Beispiel „normal“, Tiere zu essen.

Wieso? Weshalb? Vegan!

Hilal Sezgin, Wieso? Weshalb? Vegan! Warum Tiere Rechte haben und Schnitzel schlecht für das Klima sind. Fischer Kinder- und Jugendsachbuch, ISBN 978-373502287, 12,99 Euro.

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