Im Gespräch mit Alexandra Kuchenbaur

Hochwertige vegane Ernährung

Stand: 12.09.2016 (09.03.2016)

Empfehlen über:

Alexandra Kuchenbaur ist Heilpraktikerin und arbeitet seit 1994 therapeutisch in eigener Praxis. Gemeinsam mit ihrem Mann führt sie eine homöopathische Privatpraxis in der Nähe von Augsburg. Ernährungsberatung im Sinne einer individuell abgestimmten veganen Gesundheitskost ist dabei ein wesentlicher therapeutischer Eckpfeiler.

„Eine hochwertige vegane Ernährung ist ein glückbringendes Instrument der Fürsorge für uns selbst und unsere Umwelt. Sie nährt nicht nur unseren Körper und unsere Gesundheit, sondern auch unser Mitgefühl, unser Wohlbefinden und einen friedvollen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen.“, ist der Leitspruch von Alexandra Kuchenbauer.

Wie lange arbeiten Sie schon als Heilpraktikerin?

Seit über 21 Jahren.

Seit wann empfehlen Sie eine vegane Ernährungsform zur Behandlung von Krankheiten und wie kamen Sie darauf?

Ein wesentlicher Teil unserer therapeutischen Vorarbeit besteht darin, genau zu erforschen, welche Faktoren die Gesundheit beim Patienten stören und Krankheit erzeugen. Erst wenn wir Schädigendes aus unserem Leben entfernen und dafür Gesundheitsförderndes in unsere Lebensführung aufnehmen, ist der Boden für eine tiefgehende Heilung bereitet, dann fängt die eigentliche Therapie erst an.

So kam es, dass pflanzliche Nahrungsmittel in meinen therapeutischen Empfehlungen von Beginn an eine große Rolle spielten. Allerdings konnte ich feststellen, dass die Therapieerfolge bei bestimmten chronischen Krankheiten umso deutlicher waren, je weniger Tierprodukte gegessen wurden. Diese Beobachtungen aus der Praxis bestätigten die Ergebnisse unzähliger wissenschaftlicher Studien der letzten Jahrzehnte. Dies führte dazu, dass wir in unserer Praxis seit circa sieben Jahren vegane Ernährung ganz konsequent als therapeutisches Mittel einsetzen. Die Erfolge sind verblüffend.

Leben Sie auch vegan und wenn ja, seit wann leben Sie vegan? Was war dafür ausschlaggebend?

Mein Mann und ich lebten zunächst vegetarisch, kauften unsere Lebensmittel ausnahmslos in Bioqualität und machten uns eigentlich keine Gedanken um die Milchproduktion. Im Jahr 2009 fiel uns der Bericht einer Studentin der Veterinärmedizin in die Hände, die ein Praktikum am Schlachthof absolvieren musste. Als wir zu der Stelle kamen, wie ungeborene Kälber aus den Leibern ausgedienter Milchkühe geschnitten werden und grausam zwischen Blut und Innereien ersticken, legten wir den Bericht zur Seite und räumten unseren Kühlschrank aus. Seit dem leben wir vegan.

Welche Erfahrung machen Sie, wenn PatientInnen auf vegan umstellen? Fällt es den Menschen sehr schwer und bleiben Sie dann auch dabei?

Je größer die Not ist, umso eher sind die Menschen bereit für eine konsequente Ernährungsumstellung. Deshalb tun sich Schwerkranke oft leichter, sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden als Menschen, denen es noch einigermaßen gut geht. Ich erlebe aber oft, dass Menschen, die aus Tierschutzgründen auf vegan umstellen, viel weniger Probleme damit haben als Menschen, die diesen Weg wählen, weil sie aufhören möchten, sich selbst durch die falsche Essenswahl Schaden zuzufügen.

Auch sind soziale Komponenten nicht zu unterschätzen: Eine Umgebung, die eine Ernährungsänderung wohlwollend unterstützt, ist in der Anfangszeit eine wertvolle Hilfe. Sind die ersten unsicheren Wochen überstanden und wird das Neue zur Gewohnheit, bleiben viele unserer Patienten dabei, weil sie recht schnell deutliche Verbesserungen ihrer Situation wahrnehmen.

Wie sind die „Erfolgschancen“, durch vegane Ernährung gesund zu werden und zu bleiben?

Die richtige Ernährung löst zwar viele Probleme, kann aber bei Schwerstkranken nicht immer alle Schäden ungeschehen machen. Deshalb: Je früher Sie damit beginnen, vegan zu essen, umso besser. Falls bereits Beschwerden bestehen, sollten Sie Geduld mitbringen und in Monaten und nicht in Tagen denken.

Wenn Sie dann das Ziel haben, eine radikale Verbesserung Ihrer Situation zu erreichen und in den Genuss aller Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährung zu kommen, ist dies nur mit einer konsequenten Ernährungsumstellung zu erreichen. Dann aber lassen sich mit einer vollwertigen Pflanzenkost viele Beschwerden lindern oder sogar heilen: Übergewicht, Stoffwechselstörungen (Harnsäure-, Blutzucker- und Cholesterinerhöhungen, Steinleiden), Durchblutungs- und Hormonstörungen, gefäßbedingte Herzerkrankungen, Entzündungen von Gelenken, Magen, Galle und Darm, Hautprobleme, Infektanfälligkeit, einige Migränearten, Bluthochdruck, Verstopfung, Laktoseintoleranz, Störungen der Bauchspeicheldrüse u.v.a.

Spielen andere Punkte des Veganismus (Tierwohl, Umweltschutz, Klima…) für Sie eine Rolle und werden diese bei der Behandlung mitbedacht?

Für mich persönlich ist es sehr bedeutsam, auf eine Art zu essen, durch die ich möglichst kein Leid erzeuge. In der Therapie steht allerdings das Wohl der PatientInnen voll und ganz im Mittelpunkt. Deswegen waren die gesundheitlichen Aspekte des Veganismus Ausgangspunkt meiner Forschungsbemühungen zu diesem Thema. Das Großartige dabei ist: Essen wir vegan, erzeugen wir positive Resultate für uns selbst, unsere Umwelt und unsere Mitlebewesen ganz automatisch.   

Ihr Buch „Vegan. Warum vegane Ernährung uns und die Welt heilt“ (2015) ist ein ganz schön dicker ‚Schinken‘ – und wird als Grundlagenwerk zur veganen, vollwertigen Ernährung angekündigt. An wen richtet sich ihr Buch?

Stimmt, das Buch ist sehr umfangreich. Unsere Gesundheit ist jedoch eine so wichtige Angelegenheit, dass es sich lohnt, tiefer zu blicken. Es gibt in unserem Leben viele Dinge, die wir nicht beeinflussen können und die bei uns selbst und in der Welt ihre Wirkung hinterlassen. Unsere Ernährung liegt jedoch in unseren Händen, und hierbei haben wir eine erstaunliche Gestaltungskraft. 

Im Ernährungssektor begegnen uns so vielfältige und teils widersprüchliche Aussagen, dass viele Menschen schlichtweg verwirrt sind und nicht mehr wissen, was sie glauben sollen. Deshalb liefert dieses Buch jedem gesundheitlich interessierten Menschen auf leicht verständliche Weise ein breites Hintergrundwissen, denn erst Verstehen macht uns handlungsfähig. So finden Sie im Buch eine große Vielfalt von modernen Erkenntnissen in Bezug auf unsere tägliche Kost und auf anschauliche und überprüfbare Weise Erklärungen dafür, wie einzelne Nähr- und Wirkstoffe in unserem Körper arbeiten. Zudem zeigt es, warum Mensch, Tier, Natur und Umwelt untrennbar miteinander verbunden sind.

Was war ausschlaggebend für Sie, dieses Buch zu schreiben?

Bei Therapiebeginn mit einem neuen, umstellungswilligen Patienten kommen im Grunde immer die drei gleichen Fragen auf mich zu: 1. Warum ist vegane Ernährung so vorteilhaft? 2. Warum sind Tierprodukte schädlich? Und 3. Wie genau sieht gesundes, veganes Essen aus? Die Antworten auf diese drei Fragen haben ein ganzes Buch gefüllt.

Wie heilt eine vegane Ernährung uns und die Welt?

Wir Menschen fühlen uns allzu oft hilflos. Wir meinen, auf Krankheiten, Umweltprobleme, Klimaerwärmung, Tierleid, Welthunger, Regenwaldabholzung, Bodenzerstörung, Wasserverknappung etc. keinen Einfluss nehmen zu können. Bei unserer Ernährungsentscheidung sehen wir jedoch, dass jeder einzelne von uns Tatsachen schafft. Viele Dinge hängen direkt miteinander zusammen – wir brauchen nur unsere Wahrnehmung dafür zu schärfen. Denn die gute Nachricht ist: Wir können viel mehr tun, als wir denken.

Wenn wir uns vegan ernähren, sind zwei Aspekte von elementarer Bedeutung: Wir tun etwas (Pflanzen essen), und gleichzeitig tun wir etwas nicht (Tiere essen). Beides hat fundamentale Folgen. Nicht nur für uns persönlich, sondern auch für andere Menschen, Tiere und die Umwelt. So können wir mit unserer Ernährungsentscheidung nicht nur unser eigenes, sondern auch kollektives Wohlsein formen.

Stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn wir alle nur noch biologisch angebaute Pflanzen essen würden. Unsagbar viel Leiden würde einfach aufhören:

Tiere: Wir haben ein nie dagewesenes Ausmaß an Missbrauch von Leben erreicht: Statistisch isst jeder Deutsche pro Jahr 150 Land- und Wassertiere. Weltweit werden jährlich 50 Milliarden Tiere zum Schlachter transportiert. Tiere leiden unvorstellbar, wenn sie zum Massennahrungsmittel entwertet werden.

Welthunger: Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Gleichzeitig landen 90 Prozent der Soja- und 50 Prozent der weltweiten Getreideernte im Futtertrog. In Lateinamerika werden auf circa drei Millionen Hektar Land Sojabohnen für die deutsche Tierindustrie angebaut. Gleichzeitig bleiben die Teller der Menschen dort leer.

Für die Produktion von ein Kilogramm Fleisch werden bis zu 16 Kilogramm Getreide gebraucht. Aus einer Kalorie Getreide bekommen wir eine Kalorie Brot. Subventionierung von Exportfleisch, Futtermittelimporte aus Drittweltländern, Vertreibung, Landraub, Zerstörung von Märkten durch Nahrungsmittelspekulationen etc. zementieren die Probleme.

Klima: Wir sind mitten im Klimawandel: Das World Watch Institute hat schlüssig gezeigt, dass die Produktion von tierischen Lebensmitteln für 51 Prozent der weltweit erzeugten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist.

Umwelt: Die Umweltschäden durch Intensivlandwirtschaft sind immens. 2007 wurden weltweit für 33 Milliarden Dollar Pestizide verkauft, ein Viertel davon versprühen europäische Bauern auf ihren Feldern. Dazu kommen Luft- und Wasserverschmutzung, Stickstoffüberfrachtung durch Gülle, Seuchen, Feinstaub- und Schwermetallbelastung, rasante Abnahme der Biodiversität durch Monokulturen u.v.m.

Regenwald: Große Bereiche des Amazonas-Regenwaldes sind bereits zerstört. In Brasilien sind über 60 Prozent der entwaldeten Flächen Rinderweiden. Waldabholzung geht in Südamerika, Asien und Afrika rasant weiter, wenn wir nicht umdenken.

Wasser: Ein Kilogramm Rindfleisch verbraucht in seiner Herstellung bis zu 15.500 Liter Wasser. Damit könnte ein Mensch für ein Jahr einmal täglich duschen.

Wie ist die Resonanz auf das Buch?

Ich habe in der kurzen Zeit schon viel positives Feedback bekommen, auch von ErnährungswissenschaftlerInnen, was natürlich eine wundervolle Bestätigung ist. Im Buch steckt viel Zeit, und noch mehr Liebe, auch das wird wahrgenommen. Am Schönsten sind die Berichte von Menschen, denen es mit veganer Ernährung bereits besser geht.

Welche Vorteile sehen Sie persönlich in der veganen Ernährung? Warum raten Sie auch an sich gesunden Menschen, vegan zu leben?

Vollwertige Pflanzenkost ist bemerkenswert vitamin- und nährstoffreich. Ihre sekundären Pflanzenstoffe sind gesundheitsfördernde Substanzen mit Heilkraft. Sie wirken vor allem vorbeugend und verhindern Entzündungen, Schäden durch freie Radikale und Zellentartung, sie wirken abwehrstärkend, cholesterin- und blutzuckersenkend, entgiftend u.v.m. Je mehr Pflanzen wir essen, umso mehr kommen wir in den Vorzug der sekundären Pflanzenstoffe.

Wir können mit einer biologischen, pflanzlichen Ernährung nicht nur viele unserer Gesundheitsprobleme im Vorfeld verhindern, sondern betreiben damit so ganz nebenbei aktiven Tier-, Klima-, Umwelt-, Trinkwasser- und Regenwaldschutz.

Sehen Sie auch Risiken und Grenzen einer veganen Ernährung? Wenn ja, wo liegen die? Wo müssen wir aufpassen (beispielsweise Supplementieren)?

Eine vegane Ernährung ist dann gesund, wenn sie abwechslungsreich und vollwertig zusammengestellt ist und einen angemessenen Rohkostanteil enthält. Wenn wir den Anspruch haben, gesund vegan zu essen, müssen wir gut informiert sein, damit wir alles an Nähr- und Wirkstoffen bekommen, was wir brauchen. Pflanzennahrung muss ausreichende Quellen von Omega-3-Fettsäuren, Eisen, Vitamin B2 und B6, Jod, Selen und Zink enthalten. Vitamin B12 sollte substituiert werden, Vitamin D in der dunklen Jahreszeit ebenso.

Und es gibt Krankheiten, die in der Umstellung eine umsichtige Betreuung brauchen, zum Beispiel Nierenleiden und Diabetes – für chronisch Kranke würde ich eine therapeutische Begleitung empfehlen, zumal auch Medikamentendosen angepasst werden müssen, wenn eine Besserung der Beschwerden eintritt. Auch Schwangere, Stillende und Kinder haben spezielle Ernährungsbedürfnisse, die gut bedacht werden müssen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Reformhaus® gemacht? Haben Sie vielleicht eine ganz lang zurückliegende Erinnerung/Anekdote? Was bedeutet Reformhaus® für Sie, „damals“ und heute?

Zu Beginn meiner Heilpraktikerzeit in Augsburg vor über zwei Jahrzehnten gab es nur wenige Einkaufsmöglichkeiten für hochwertige Lebensmittel in Bioqualität. Da war ein großes Reformhaus in der Stadtmitte mein Quell der Freude. Es wurde von einer fachkundigen Dame geführt, die unter der Woche einen vegetarischen  Mittagstisch anbot, und in meiner Mittagspause war ich dort gerne zu Gast. Man traf dort die unterschiedlichsten Menschen, die sofort durch das gemeinsame Interesse an gutem Essen ins Gespräch kamen. Unzählige Taschen voller Essen habe ich im Laufe dieser Jahre aus dem Laden geschleppt und damals meine ersten Pflanzenwürstchen, veganen Pasteten, Soja- und Nussdrinks, exotischen Gewürze und vieles mehr kennengelernt. Einiges davon kaufe ich bis heute.

Wie kann das Reformhaus® Menschen unterstützen, sich gesünder und vegan zu ernähren?

Bleiben Sie so anspruchsvoll wie bisher! Gerade für Menschen, für die vegane Ernährung noch Neuland ist, ist es wichtig, einen Einkaufsort vorzufinden, wo die Mitarbeiter erklären können, was man mit den einzelnen Pflanzennahrungsmitteln zubereiten kann, wo sie nach Austauschprodukten fragen können und Alternativen finden. Wir brauchen vertrauensvolle Händler, die sich um hochwertige, biologische, gentechnikfreie Nahrungsmittel kümmern.

Das Buch:

Alexandra Kuchenbaur, Vegan. Warum vegane Ernährung uns und die Welt heilt. TRIAS Verlag, ISBN 978-3-8304-8256-7, 29,99 Euro.

Schauen Sie auch in Alexandra Kuchenbaurs Tipps zur veganen Warenkunde.

Weitere Infos zu Alexandra Kuchenbaucher: forum-nat.de

Empfehlen über:

Weiterscrollen, um zum nächsten Artikel zu gelangen