Mit Musik geht alles besser

Die Heilkraft der Musik

Musik hat eine erstaunliche Wirkung aufs Gehirn

Stand: 22.11.2021 (03.01.2022)

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Manchmal genügt nur ein kleines Lied – und wir fühlen uns entspannt, beschwingt, fangen an zu träumen, vergessen Rückenschmerzen und Sorgen. Immer mehr entschlüsseln TherapeutInnen und MedizinerInnen die erstaunliche Wirkung von Musik auf unser Gehirn und damit auf Seele und Körper. Eine Liebeserklärung.

Es war einer dieser magischen Momente, wie sie das Fernsehen selten bereithält, er passierte in der letztjährigen Staffel von „The Voice of Germany“. Bei den sogenannten Blind Auditions wählen die Coaches, alles bekannte Musiker und Musikerinnen, die späteren Talente aus. Sie sitzen dabei mit dem Rücken zur Bühne und entscheiden nur nach Gehör. Ein junger, langhaariger Mann mit Gitarre sang einen Song der Gruppe „Passenger“ und ließ schon bei den ersten Tönen sichtlich alle aufhorchen. Doch als er den Song beendet hatte, sich alle zu ihm umgedreht hatten und fragten, wer er sei, brachte er fast kein Wort über die Lippen, stammelte und stotterte. Noah Sam, so stellte sich heraus, stottert seit Kindertagen – aber wenn er zu seiner Gitarre greift und singt, gehen ihm die Worte fließend von den Lippen. Also stellte er sich singend mit einer Melodie vor: „Lalala, ich heiße Noah Sam, bin 22 Jahre und komme aus der Schweiz ...“

Der Auftritt des jungen Musikers zeigte eindrucksvoll, welche Heilkraft in Musik stecken kann. Eine Erklärung hatte Noah Sam auch parat: Das Singen spricht besonders viele Bereiche im Gehirn an, darunter welche, die vom Stottern nicht betroffen sind. Das bestätigt auch Professor Stefan Koelsch, Musikpsychologe und Neurologe an der Universität Bergen in Norwegen. Seit Jahren veröffentlicht er immer wieder Studien zur Wirkung von Musik auf Geist und Körper. Klassische Sinfonien zählen für ihn zu den komplexesten Schöpfungen. „Musik ist das Faszinierendste, was die Menschheit je hervorgebracht hat“, sagt Stefan Koelsch, keine andere Spezies verfüge über einen solchen Reichtum an Musik und Musikalität. Und dahinter stehe eine „Spitzenleistung des Gehirns“.

Heilenden Kräfte von Melodien und Rhythmen nutzen

Da man heute dank der Möglichkeit von Hirnscans erforschen kann, wie eng alle Vorgänge im Kopf mit denen im Körper gekoppelt sind, wundert es nicht, dass ÄrztInnen und TherapeutInnen zunehmend die heilenden Kräfte von Melodien, Klängen und Rhythmen nutzen. Dabei können sie auf viele Studien aus den vergangenen Jahren zurückgreifen. Um nur einige zu nennen: Kardiologen der Ruhr-Universität Bochum fanden heraus, dass Sinfonien von Mozart bei PatientInnen den Blutdruck und den Kortisolspiegel senken können.

Eine Studie der Uni Belgrad an Bypass operierten HerzpatientInnen zeigte, dass klassische Musik generell zu einem gesünderen Herzrhythmus und niedrigerem Blutdruck führte. An der Uni Marburg stellte man fest, dass das Hören der persönlichen Lieblingsmusik das Schmerzempfinden signifikant mindern kann. Andere Untersuchungen belegten, dass der Einsatz von Musik auch chronische SchmerzpatientInnen entlasten kann. An der Universität Helsinki zeigte sich, dass PatientInnen nach einem Schlaganfall schneller Fortschritte in der Genesung machten, wenn sie täglich „ihre“ Musik hörten. KrebspatientInnen auf Palliativstationen hilft das Musikhören gegen die extreme Müdigkeit, rhythmische Musik kann die motorischen Fähigkeiten von Parkinson-PatientInnen anregen. Und bei Demenzkranken kann man erleben, dass sie sich unverhofft an die Texte von Liedern ihrer Kindheit erinnern und diese sogar mitsingen können, auch wenn sie sonst ständige Betreuung brauchen.

Dabei kennt und nutzt die Menschheit die Heilkraft von Musik ja schon viel länger, man denke an die traditionellen Heilgesänge, die es in vielen Kulturen gab und gibt. Und rund um den Globus singt man Wiegenlieder, um die Kleinen in den Schlaf zu singen. Schon wenige Monate alte Babys zeigen deutlich, dass sie die Musik wiedererkennen, die man ihnen vorgespielt hat, als sie noch im Mutterleib waren. Und auf Frühgeborenen-Stationen singen Eltern gemeinsam mit MusiktherapeutInnen, um den Frühchen in einer Umgebung voller Apparate das Gefühl von Geborgenheit zu geben.

Je älter die Kinder werden, desto mehr spielt dann das gemeinsame Erleben von Musik eine Rolle. Musik, die wir in der Pubertät hören und vielleicht auf Konzerten live sahen, prägt uns fürs Leben. Viele Männer und Frauen, die in den Sechzigern groß wurden, hören auch heute noch am liebsten die Beatles oder die Rolling Stones – mag sein, weil sie sich so an ihre Jugend erinnern und „forever young“ fühlen können. Einen persönlichen Musikgeschmack zu entwickeln ist enorm wichtig beim Finden der eigenen Identität. SozialarbeiterInnen empfehlen, dass Kinder aus sozial schwachen Familien ein Instrument erlernen sollten, etwa Gitarre oder Schlagzeug. Denn die Musik kann dabei helfen, trotz ungünstiger Bedingungen Selbstwertgefühl und ein Gespür für das Gegenüber zu entwickeln. Und am besten gelingt das in einer Band, mit anderen Musik zu machen aktiviert im Gehirn die sogenannten Spiegelneuronen. Und nur wenn wir diese Nervenzellen entwickeln, haben wir die Fähigkeit, uns in andere Menschen hineinzudenken und zu fühlen.

Singen ist nachweislich gesund

Und eben darum geht es ja überall im Miteinander, ob privat oder beruflich: dass wir unsere Gefühle und die von anderen wahrnehmen und richtig deuten können. Und da spielt Musik eine ganz große Rolle. Ein Lied, eine Melodie, eine gefühlvolle Stimme kann uns zum Lachen oder Weinen bringen, kann auf der Haut am ganzen Körper Gänsehaut erzeugen und uns zutiefst berühren, ja erschüttern. Musik wirkt direkt auf unser emotionales Zentrum im Hirn, den Limbischen Kern und dort auf die Amygdala. Das ist ein mandelförmiges Areal in beiden Hirnhälften, das für Emotionen zuständig ist. Das nutzen auch Regisseure beim Einsatz von Filmmusik, man denke an Céline Dions „Titanic“-Song. Und das zeigte eben auch der Auftritt von Noah Sam in der Casting-Show: Mit seinem Song und seiner markant schönen Stimme verzauberte er die Voice-Coaches und auch das Publikum vor dem Fernseher.

Und noch etwas spielt eine Rolle: das Belohnungssystem im Kopf. Das untersuchte u. a. eine kanadische Studie. Hier brachten TeilnehmerInnen ihre Lieblings-Musik mit, von Klassik über Jazz bis hin zu Metal und Hiphop. Beim Hirnscan zeigte sich, dass beim Hören vor allem jene Region mit der „Belohnungsdroge“ Dopamin getränkt wurde, die zum menschlichen Belohnungssystem gehört, das uns etwa bei einem guten Essen, beim Liebesspiel oder beim Joggen angenehme Empfindungen beschert. Das führt zu einem weiteren Aspekt. Musik hat eine ganz starke gefühlsmäßige Bindungsfunktion. Vor allem beim gemeinsamen Singen werde das Gefühl der Zusammengehörigkeit gestärkt und das Belohnungssystem von Dopamin geflutet, bestätigt der Musikwissenschaftler und Neurologe Stefan Koelsch. Und dieses ureigene Instrument besitzen wir ja einfach so: unsere Stimme.

Mehr noch: Singen ist nachweislich gesund, es baut Stresshormone ab und stärkt die Immunabwehr. Lunge, Zwerchfell, Herz und diverse Muskeln werden aktiviert. Und um noch eins drauf zu setzen: Gemeinsam Singen mit anderen macht schlicht und einfach glücklich. Das erforschte der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz in Oldenburg, indem er dort den „Chor der Muffeligen“ ins Leben rief. Den LaiensängerInnen aller Altersstufen, von denen etliche in einer Lebenskrise steckten, gefiel ihr neues Hobby auch nach dem offiziellen Ende der Studie so gut, dass sie damit weiter machten und sogar öffentlich auftraten. Mit der Zeit stellten sie fest, dass sie sich auch gar nicht mehr als „Muffel“ empfanden. Denn Singen fördert das Glückshormon Oxytocin, ob Profis oder Ungeübte, ob im Chor oder im Gottesdienst, im Stadion, in der Fußgängerzone, wo auch immer. 

Mit Musik geht alles besser

Die ganz persönlichen Top-5-Tipps unserer Autorin Frauke Döhring für jede Stimmungslage, abseits üblicher Radiokost.

Musik zum Chillen und Energie tanken

  • „Renée Fleming: Sacred Songs: Die Operndiva und das Royal Philharmonic Orchestra mit Kompositionen von Händel, Schubert, Mozart u. a. – ideale Einstimmung auf die Weihnachtstage.
  • „Tina Dico, Fastland: Dänemarks Pop- und Folk-Königin Nr. 1 machte ein TV-Auftritt in Ina Müllers Sendung „Inas Nacht“ auch bei uns bekannt. Starke Stimme, kluge Texte, eingängige Melodien – Tina Dicos Markenzeichen.
  • „Chilly Gonzales, Solo Piano I, II und III: Unter seinen Händen verschmelzen alle Genres: Jazz und Pop, Rap und Hiphop, Klassik und Filmmusik. Einfach nur zuhören und sich verzaubern lassen.
  • „Elephant, The Best of Elephant: Die Band feierte in den 80ern spektakuläre Live-Konzerte. Mit seiner großen, unverkennbaren Stimme tritt Sänger Paul Botter heute wieder mit reformierter Elephant-Band auf. Zeitlos schöner Pop und Rock, tanzbar oder zum Träumen.
  • „Markéta Irglová, Muna: Mit gerade mal 20 Jahren gewann die Tschechin 2008 einen Oscar für den besten Filmsong („Falling Slowly“ in dem Film „Once“). In ihren Kompositionen finden sich musikalische Einflüsse aus der ganzen Welt. Ungewöhnlich (und) schön.

„Auftritt von Noah Sam: www.youtube.com/watch?v=deEA8cqgCo8

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