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Radeln auf der Route der Industriekultur

Eine lehrreiche Fahrt

Stand: 26.11.2018 (26.11.2018)

Der Vater (58) ist noch mit rauchenden Industrieschloten aufgewachsen, der Sohn (13) eher mit Windrädern und Energieeffizienz. Beide waren im Ruhrgebiet eine Woche unterwegs auf Radtour und kamen begeistert zurück. Sightseeing der anderen Art, eine tolle Sache!

Lust auf nette, hilfsbereite und auskunftsfreudige Menschen in Städten, die manchmal erst auf den zweiten Blick ihre Reize erkennen lassen sowie Radwege, an deren Seiten es sehr viel Spannendes zu entdecken gibt? Dann ab ins Ruhrgebiet!

„Kohlenpott“ ade! In diesem Jahr schließt die letzte noch arbeitende Zeche, dann ist die Kohleförderung in der Region Geschichte. Ruhrgebiet, das heißt Strukturwandel im größten Ballungsraum Deutschlands – mit erstaunlich viel Grün. Ruhrgebiet heißt auch Großraum der deutschen Industriegeschichte, und die steht auf der Radtour im Fokus. Stillgelegte Zechenanlagen, ein ehemaliges Hüttenwerk, ein Gasometer, besondere Abraumhalden, ein ganz spezieller Wasserturm, Kanäle, Bahnanlagen und vieles mehr werden wir unterwegs entdecken und besichtigen.

Wir haben uns für eine etwas bequemere Art des Radelns entschieden. Die Tourenplanung für das „Radeln auf der Route der Industriekultur“ stammt von der Tour de Ruhr GmbH mit Sitz im Landschaftspark Duisburg-Nord. Sie organisiert auch die Unterkünfte und den Gepäcktransport zwischen den Übernachtungsorten.

Unsere Packtaschen sind also immer schon da, wenn wir abends ankommen. Beim Radfahren haben wir nur einen Tagesrucksack mit und sind so flexibel für anstehende Besichtigungen. Am Ende werden wir rund 250 km auf dem Tacho haben – mit Abschnitten von circa 25 bis 70 Kilometern.

Viele Wege führen nach Rom, so die Redewendung, und viele, viele Radwege führen durchs Ruhrgebiet, das merken wir schon beim Start in Duisburg. „Radfahren im Ruhrgebiet, das ist ein Wachstumssektor“, sagt Hendrik Schäfer, im Hauptberuf Regionalverkaufsdirektor der Maritim Hotelgesellschaft mbh mit Büro in Gelsenkirchen.

Der frühere Radsportler ist Projektleiter für die Maritim Hotels im Bereich Radfahren und Kind des Ruhrgebiets und damit absolut sachkundig, was das Radeln „im Pott“ angeht. Das Maritim Hotel Gelsenkirchen liegt ideal in der Mitte des Ruhrgebiet, ist ADFC zertifiziert (Bett & Bike), hat einen Radverleih und ist ausgerüstet mit vielen Radkarten für das Ruhrgebiet, von denen wir noch einige zu Thementouren von Hendrik Schäfer mit auf den Weg bekommen.

Wir diskutieren mit dem Experten über die Vielfalt und die aus unserer Sicht leider damit auch manchmal verbundene Konfusion, denn für uns Ortsfremde ist es nicht so einfach, den richtigen Weg zu finden. Herr Schäfer lässt das so nicht gern stehen, denn die Wege seien doch sehr gut ausgebaut und gekennzeichnet und die noch fehlenden Knotenpunkte sollen noch bis zum Jahresende vervollständigt sein. Mit elektronischer Hilfe, sprich Navi oder Handy-App, sei das jetzt schon gar kein Thema. Damit hat er sicher recht, und auch Tour de Ruhr hatte in unserer Roadmap das Nutzen einer passenden App empfohlen. Wir aber wollten – ganz alte Schule – nur mit Auge und gedruckten Karten navigieren. Radtourismus, so viel ist nach dem Gespräch klar, ist auch ein Baustein für den Strukturwandel im Ruhrgebiet.

Auf „Schimmis“ Spuren in Duisburg-Ruhrort

Zurück auf die Strecke. Lokalkolorit gehört dazu. Und wer verkörperte das nicht besser als Götz George alias Horst „Schimmi“ Schimanski im „Tatort“ aus Duisburg. Und so gibt es in Duisburg-Ruhrort eine Horst-Schimanski-Gasse – auch ein Stück Kultur auf der ersten Etappe nach Oberhausen.

Hauptorientierungsweg in den ersten drei Tagen bleibt der Rhein- Herne-Kanal, von dem wir aber immer wieder abzweigen. In Duisburg schauen wir uns den Innenhafen, das Museum der Deutschen Binnenschifffahrt in einem restaurierten Jugendstil- Hallenbad und den Landschaftspark Duisburg-Nord an, eine stillgelegte Eisenhütte. Hier kann man sich lange aufhalten und den spannenden Weg des Eisens verfolgen. Wir ersteigen dort den Hochofen 5.

Eng vorbei über Treppen und Podeste an einer Vielzahl an Gerüsten, Rohren und Kesseln. Dabei drängt sich vor lauter Bewunderung die Frage auf, wer sich so etwas Großes und Komplexes bloß ausdenken konnte, das dann auch noch funktionierte? Oben auf etwa 70 Metern Höhe hat man einen wunderbaren Ausblick.

Auf der zweiten Etappe von Oberhausen nach Gelsenkirchen machen wir vor dem Radeln einen Abstecher in die Shopping-Szene. 100 m vom Hotel entfernt liegt das Centro, Europas größtes Einkaufszentrum – eine sehr ansehnliche Mall. Wir Männer schaffen es, „nur mal zu gucken“ und sind bald schon auf dem Weg zum nächsten Industriedenkmal, den Gasometer in Oberhausen – die höchste Ausstellungs- und Veranstaltungshalle Europas. Für Kurzentschlossene: Noch bis zum 30. Dezember läuft dort die imposante Ausstellung „Der Berg ruft“. Als Installation schwebt dort im 100 Meter hohen Luftraum des Gasometers eine gigantische Nachbildung des Matterhorns. Einmalig!

Oberhausen hätte noch weitere Sehenswürdigkeiten zu bieten, aber das Radel, das rollt. Man muss halt auswählen. Gelsenkirchen ist unser nächstes Ziel. Auf dem Weg machen wir Bekanntschaft mit den Halden im Ruhrgebiet, also künstlichen Bergen aus Abraum des Kohlebergbaus, Schlacke und Bauschutt. Hier geht es mal ordentlich rauf!

Zeche Zollverein – ein Muss auf unserer Tour

Unsere Ziele auf der Strecke: Tetraeder Bottrop, Gartenstadt Welheim (Zechensiedlung), Schurenbachhalde, Nordsternpark Gelsenkirchen. Die dritte Etappe führt uns von Gelsenkirchen nach Castrop-Rauxel.

Erstes Ziel ist „die schönste Zeche der Welt“, die Zeche Zollverein (UNESCO Weltkulturerbe), zu erreichen über einen kleinen Abstecher nach Süden. Ein Muss auf der Route der Industriekultur. Hier könnte man sich getrost einen ganzen Tag lang aufhalten, kann im Sommer sogar im Werksschwimmbad der Kokerei baden. Wir machen eine gut zweistündigeFührung und radeln dann weiter. Die Strecke ist gut ausgebaut und führt über die Erzbahntrasse zurück zum Rhein-Herne-Kanal.

Wer unterwegs Kettenöl oder Werkzeug fürs Bike braucht, bekommt das an Holgers Erzbahnbude an einem Radweg-Knotenpunkt. Das Büdchen ist bekannt wie ein bunter Hund! Weitere lohnende Ziele: Zoom Erlebniswelt (Zoo Gelsenkirchen), Kirmes in Crange (Riesenevent im August), Schiffshebewerk Henrichenburg in Waltrop.

Die vierte Etappe führt strikt nach Süden. Auf nach Witten! Wir picken uns zwei Highlights entlang der Strecke raus: die Halde Schwerin und die Zeche Zollern. Mit dem Rad bei gut 34 Grad auf die Halde zu fahren ist schweißtreibend, aber die „Bergankunft“ lohnt. Wir stehen dort mitten in einer begehbaren Sonnenuhr. Der Bildhauer Jan Bormann wollte mit dieser Installation von 1993 Sonnenlicht, Zeit und Energie sichtbar machen. In der Mitte der Sonnenuhr kreuzen sich auch die Achsen von vier Treppenaufstiegen, die die vier Haupthimmelsrichtungen abbilden. Gelungen!

Mit 14 als Arbeiter auf Schicht: Geschichte!

Ein paar Kilometer weiter schauen wir uns das „Schloss der Arbeit“ an, die Zeche Zollern in Dortmund- Bövinghausen. Eine Perle der Industriekultur mit prunkvollen Backsteinfassaden und einer sehenswerten Maschinenhalle mit Jugendstilportal. In der ehemaligenLohnhalle lernt man in einer mit  vielen Originalen bestückten Ausstellung die Lebenswelt der Bergleute kennen. Der 13-jährige Sohn erfährt hier zum Beispiel, dass Kinder beziehungsweise Jugendliche mit 14 bereits als Arbeiter in der Zeche auf Schicht waren. Harte Zeiten!

Die beiden letzten Streckenabschnitte führen uns auf den Ruhrtalradweg. Hatten wir in den vergangenen Tagen eher wenig Mitradelnde gesehen, wird es im Vergleich dazu nun beinah voll. Aber alles kein Drama, der Radweg ist ein Klassiker, top ausgebaut und beschildert! Wer früh aufsteht und viel anschauen will, kann in Witten gleich die Zeche Nachtigall besuchen, die in die Frühzeit des Kohlebergbaus weist, als man noch waagerechte Stollen in die Hänge treiben konnte, um Kohle abzubauen. Hier können Besucher auch in eine Grube einfahren.

Auch der Bergbaurundweg Muttental nahe Witten bietet Geschichte zum Anfassen. Wer sich das alles anschauen möchte, sollte einen Tag zusätzlich in Witten einplanen. Es wartet ein authentisches Bergbauerlebnis auf Sie!

Villa Hügel: Symbol der Industriegeschichte

Wir radeln weiter und „machen Strecke“ entlang des Kemnader Sees. Unser nächster Halt auf dem Weg nach Essen-Kettwig ist Hattingen, wir besuchen die historische Altstadt mit dem berühmten Bügeleisenhaus. Bald erreichen wir den aufgestauten Baldeneysee, ein herrliches Naherholungsziel nicht nur für die Essener.

Wir verlassen die Hauptroute kurz, um uns bei Werden über dem Ruhrtal die Villa Hügel anzuschauen. Dazu muss man nicht viel sagen, sie ist als Hauptsitz und Refugium der Familie Krupp ein Symbol der Industriegeschichte Deutschlands. Sehr schön ist auch der 28 Hektar große Park. Von dort ist es nicht mehr weit nach Essen-Kettwig. Hier erholen wir uns von unserem circa 70 Kilometer langen Ritt.

Schlussspurt zurück nach Duisburg. Wir nehmen die Nordroute an der Ruhr entlang und erfreuen uns an der schönen Flusslandschaft bis kurz vor Mülheim. Im Wasserbahnhof von Mülheim machen wir einen Stopp, erfrischen uns und fahren dann weiter vorbei an Schloss Broich zu unserer letzten großen Besichtigung, dem Aquarius Wassermuseum in Styrum.

Das hat einen halben Tag des Verweilens verdient, denn die interaktive Museumsgestaltung zum Thema Wasser lädt zum Mitmachen ein. Mal ganz abgesehen von der tollen Architektur. Wir erreichen dann bald wieder bekannte Gefilde sprich Duisburg, und schließen unsere Radtour auf der Route der Industriekultur im Innenhafen ab. Reformhaus® konform werden wir dort mit einem Markt oder Fest mit vielen vegetarischen oder veganen Angeboten empfangen. Das passt!

Fazit: Eine Radreise mit vielen Highlights für Interessierte an der Industriegeschichte Deutschlands und des Ruhrgebietes. Man muss auswählen, kann sich nicht alles auf einmal anschauen, aber eine baldige Rückkehr auf die Route der Industriekultur ist ja möglich. Fast alle Sehenswürdigkeiten unserer Reise und noch viel mehr finden Sie auf den Web-Seiten www.ruhrgebiet-industriekultur.de und www.lwl.org/industriemuseum. 

Für eine gute Orientierung empfiehlt sich, wie schon erwähnt, die elektronische Navigation. Wer radeln möchte ohne viele Stopps, dem sei der gut ausgeschilderte Ruhrtalradweg vom Sauerland bis nach Duisburg ans Herz gelegt (www.ruhrtalradweg.de) – ebenfalls im Angebot von Tour de Ruhr.

Mehr Informationen finden Sie unter:

Tour de Ruhr GmbH | Emscherstraße 71 | 47137 Duisburg

Tel. 0203 4291919 | www.tour-de-ruhr.de 


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