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Mit dem Fahrrad genussvoll reisen

Die Natur genießen

Stand: 12.09.2016

Man muss ja nicht gleich wie der Inder Pikay 7.000 Kilometer mit dem Rad von Indien nach Europa fahren (er tat es der Liebe wegen). Der Weser-Radweg von Hann. Münden bis Bremerhaven tut es auch. Als Kleinfamilie haben wir auf Fahrrädern die Weser eine Woche lang bis nach Minden auf rund 200 Kilometern begleitet. Eine herrlich entschleunigte Reise durch wunderschöne Mittelgebirgslandschaften.

Erst mal ein Geständnis: Wir haben noch nie eine Radreise gemacht. Deshalb wählten wir für den Anfang die bequemste Art mit den Rädern unterwegs zu sein: überschaubare Etappen, fest gebuchte Unterkünfte und Gepäcktransport dorthin jeweils inklusive. In unserer Vorstellung sollte vor allem der Gepäcktransport für Flexibilität während der Etappen sorgen – zum Beispiel einfach mal unterwegs in eines der schönen Freibäder gehen. Schon ein bisschen die „Warmduscher-Variante“, wenn wir nachträglich an die vollgepackten Räder denken, mit denen die wahren Pedalritter ihre teils wochenlangen Touren machen, stets Zelt, Schlafsack und alles, was man sonst noch braucht, „am Mann“ beziehungsweise am Rad. Vielleicht nächstes Mal.

Bei der Reiseplanung und Buchung war uns das nette und kompetente Team aus dem Touristikzentrum der Solling-Vogler-Region im Weserbergland behilflich. Es hat dafür gesorgt, dass alle Wünsche berücksichtigt wurden und alles ganz wunderbar klappte. Was für ihn den Reiz des Weserradwegs ausmache, haben wir Theo Wegener, Geschäftsführer des Touristikzentrums, gefragt. Er sagt: „Ein Flußradweg vom Mittelgebirge bis zur See, dies ist einzigartig in Deutschland. Er bietet wechselhafte Landschaft mit historischen Städten und Stätten in einer sehr geballten Form.“

Die Anreise wollten wir möglichst nachhaltig gestalten, also mit der Deutschen Bahn. Wer das Rad zum ersten Mal in einem Fernzug mitnehmen möchte, sollte sich im Reisebüro, in einem DB Mobility Center oder im DB Reisezentrum im Bahnhof beraten lassen, denn für Fahrräder gibt es Zusatz-Fahrkarten und Aufkleber, die ans Rad müssen.

Entschleunigung, Stille und wunderbare Düfte

Radfahren im Sommer bei meist schönem Wetter (nur einmal überraschten uns die Ausläufer einer Gewitterfront) bedeutete für uns Großstädter aus Hamburg vor allem Entschleunigung, auch weil wir den zehnjährigen Sohnemann auf seinem 24er-Fahrrad nicht überfordern wollten. Vom Weserbergland mit seinen Mischwäldern herrlich eingerahmt, radelten wir in gemächlichem Tempo durch die abwechslungsreiche Kulturlandschaft. Von der Sonne beschienene Kornfelder und Wiesen mit unzähligen Blumen und Kräutern fingen uns mit ihrem Duft ein – für uns neben der Stille beim Radeln das Schönste auf dieser Reise!

Oft eng am Fluss entlang, dann wieder etwas abseitig und auch mal durch ein Stückchen Wald oder an einem der zahlreichen Campingplätze vorbei ging die Fahrt den Tageszielen entgegen. Auf der ersten Etappe ging es einmal kurz so steil bergauf, dass wir in den „Schiebegang“ schalten mussten. Im späteren Verlauf blieb es im Wesentlichen flach. Bei Etappen bis zu 45 Kilometern hatten wir viel Zeit zum Schauen, für Pausen, zum Fotografieren und Rätseln, welche Pflanzen diesmal am Wegesrand standen (ein Dorado für Botaniker!). An interessanten Orten, zum Beispiel der Burg in Polle zwischen Holzminden und Bodenwerder mit ihrer fantastischen Aussicht auf das Wesertal, lohnte es sich, auch mal länger vom Rad abzusteigen. Orte von Interesse fanden wir in dem schönen Tourenbuch Weser-Radweg von bikeline, das wir zusammen mit den Buchungsunterlagen bekommen hatten.

Gut zu wissen ...

Die Aussage, dass der Weserradweg familientauglich und auch für nicht so konditionsstarke Personen bestens geeignet ist, können wir unterschreiben. Unsere Etappen waren teilweise etwas zu kurz gewählt, 40 Kilometer schafft man sicher am Tag. Die Infrastruktur an der Weser ist so gut auf RadlerInnen eingestellt, dass man nicht unbedingt alles vorbuchen muss. Wer Flexibilität schätzt, sollte also sein Gepäck mitnehmen und spontan entscheiden, wo übernachtet wird. Unser Rundum-Sorglos-Paket war prima für unsere Ansprüche. Die Unterkünfte lagen immer zentral.

Burgen, Fähren, eine Schiffstour und E-Bikes

Kartierte Haupt- und Nebenrouten erlauben, die Flussseite auch mal zu wechseln. Das geht über Brücken, aber viel schöner mithilfe der wunderbar antiquiert wirkenden Gierseilfähren (am Seil hängend, angetrieben nur von der Strömung) – mal größer, mal ganz klein und stets preiswert. Wir hielten uns aber im Wesentlichen an die vorgeschlagene Hauptroute, die die Nähe zur Bundesstraße meidet.

Eine wichtige Erfahrung: Proviant und Getränke in größeren Mengen mitzuführen lohnte nicht, denn es gab entlang der Strecke immer schöne bewirtschaftete Plätze zum Rasten, wie etwa gleich zu Anfang in Hemeln an der Fähre (montags geschlossen!). Selbst für VegetarierInnen und VeganerInnen fanden wir etwas Gutes direkt am Radweg: die Klostermühle in Bursfelde, gleich um die Ecke vom Kloster.

Einen kleinen Luxus erlaubten wir uns auf der Etappe von Holzminden nach Bodenwerder. Wir nahmen in Polle die Räder mit auf die „Karlshafen“, ein Schiff der „Fahrgastschifffahrt Flotte Weser“ und ließen uns eindreiviertel Stunden lang ganz gemächlich zum Zielort schippern. So bekamen wir mal beide Flussufer in den Blick, konnten an den Prallhängen des Flusses den offen anstehenden Kalk- oder Sandstein aus der Nähe bewundern, während am Gleithang auf den flacheren Ufern die Vögel sich in ihre Wohnzimmer schauen ließen. Schöner Nebeneffekt: Erholungszeit für die Beine an Bord und beim Genießen der Aussicht einen Kaffee trinken. Unbedingt für ein Teilstück einplanen!

Schiff? Nein danke!, dachten vielleicht die zahlreichen Nutzer von E-Bikes, die wir unterwegs trafen. Sie genossen ganz offensichtlich die Leichtigkeit des E-Seins und brauchten sich auch keine Gedanken über die nächste Aufladung zu machen, es gab dafür genügend Möglichkeiten, meist auch direkt in den Unterkünften. E-Bikes verleihen auch die Radreiseveranstalter.

Rostige Brücken und Kernkraftwerke

Zu den bleibenden Eindrücken auf der Strecke bis Minden gehörten auch zwei am Weser-Radweg liegende Kernkraftwerke: das AKW Würgassen (Siedewasserreaktor der ersten Generation, stillgelegt) und das Kernkraftwerk Grohnde mit seinem Druckwasserreaktor (noch in Betrieb). Ein seltsames Gefühl beschlich uns beim Passieren der Meiler auf der anderen Seite des Flusses. Auch beeindruckend: einige vom Rost befallene Stahlbrücken über die Weser, bei denen man nicht wusste, sind sie noch in Nutzung oder nicht. Sie sind es, genutzt von der NordWestBahn. An unserem Zielort Minden endet eine dieser Bücken aber auch im Nichts …

Apropos Orte: Alle Orte, in denen wir Station machten, hatten ihren eigenen Charme. Fans von Fachwerk und Weser-Renaissance kommen unterwegs voll auf ihre Kosten. Was es im Einzelnen zu sehen gibt, ist in Tourenplänen und auf Internetseiten hinreichend erklärt.

Tipps für die Planung

Wer eine Reise auf dem Weserradweg unternehmen möchte, kann sich vorher bestens beim Lesen von Büchern oder Internetseiten inspirieren lassen zu den folgenden Fragen:

  • Organisierte Tour oder auf eigene Faust? Eigenes Rad benützen, Leihrad nehmen?
  • Welche Strecke möchte ich fahren, wo komme ich gut mit der Bahn hin? (Für Familien: Auf jeden Fall an der für Kinder abwechslungsreichen Unterweser starten.)
  • In welchen Orten möchte ich gern länger verweilen und plane von daher eine Übernachtung ein? (Unser Lieblingsort wurde Hameln)
  • Was möchte ich mir unbedingt an der Strecke anschauen? (Weser-Renaissance und Fachwerkarchitektur, Burgen, Museen, Stadtführungen, auch zu Märchen und Mythen)
  • Wo gibt es abseits des Weserradwegs Interessantes, wo zweige ich auch mal ab? (zum Beispiel in den Hochsolling von Holzminden aus)

Tipps:

Buchtipp: „Bikeline Radtourenbuch Weser-Radweg”, Esterbauer ISBN-13: 978-3-850004527

Hörbuchtipp für unterwegs: Per J. Andersson: Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden – nach einer wahren Begebenheit 2 MP3-CDs, 19,95 Euro, ISBN 978-3-8398-1447-5, Kiepenheuer & Witsch

Infos im Internet:

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