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Frau streckt Arme in blauen Himmel

Zuversicht: Seelisch stabil bleiben

Wir lieben das Leben

Stand: 29.05.2020 (29.05.2020)

Stark durch die Krise: Großes Special, um Zeiten der Verunsicherung gesund und zuversichtlich durchzustehen und mit neuem Lebensmut in die Zukunft schauen.

Bei dieser Frage erwischten wir uns das eine oder andere Mal: Wann wird Corona „vorbei sein“ und wir können wieder zur Normalität zurückkehren? Doch je weiter die Zeit voranschritt, desto deutlicher wurde, das Coronavirus wird weiterhin unser Leben verändern. Wie werden wir im nächsten Jahr auf diesen Frühling, diesen Frühsommer zurückblicken? Hat die körperliche Distanz, zu der uns das Virus zwang, zu unserer Vereinsamung geführt oder, im Gegenteil, zu neuer Nähe – wir haben mit Nachbarn geredet, die wir sonst kaum grüßen, haben alte Freunde kontaktiert und mussten keine „Message“ auf dem AB hinterlassen, weil wir niemanden erreicht haben. Nebenbei: Allein im Netz der Telekom ist die Zahl der Festnetz-Anrufe um etwa 50 Prozent gestiegen, wohingegen die Mobilfunk-Nutzung zurückging. Bleibt diese Erreichbarkeit, die Verbindlichkeit? Was meinen Sie? Schreiben Sie uns: Worauf werden Sie zurückblicken, wenn Sie an das Frühjahr 2020 denken. Was bleibt? Wir freuen uns auf Ihre Briefe.

„Alleinsein ist ein Zustand, Einsamkeit ein Gefühl“

Seelisch stabil bleiben in schweren Zeiten: Wie schaffen wir das? Wir fragten Professor Arno Deister, Chefarzt am Zentrum für Psychosoziale Medizin des Klinikums Itzehoe

Reformhaus® Magazin: Unser Leben wurde auf den Kopf gestellt. Städte leergefegt, Kontakte stark eingeschränkt. Was bedeutet das für die Seele?
Prof. Arno Deister: Das ist eine völlig neue Herausforderung für die Seele, wir haben keine Vorerfahrung mit Epidemien wie der jetzigen und deshalb keine eingeübten Verhaltensweisen. In früheren Zeiten war das anders. Am schlimmsten wiegt der Kontrollverlust. Es gibt nichts, was wir aktiv tun können, um die Lage in den Griff zu bekommen. Und was wir nicht kennen und nicht kontrollieren können, löst einen permanenten Alarmzustand aus.

Wie reagieren Menschen, die einsam sind?
Alleinsein ist ein Zustand, Einsamkeit ist ein Gefühl. Wer allein ist und damit gut klarkommt, hat weniger Probleme mit der Situation als jemand, der sich einsam und alleingelassen fühlt. Auch hier gilt, sich der Welle der Solidarität bewusst zu werden, die wir derzeit erleben. Viele bieten per Aushang oder via Internet ihre Hilfe an, nicht nur zum Einkaufen, sondern auch für seelischen Zuspruch. Wichtig ist, sich sichtbar zu machen und solche Angebote anzunehmen.

Welche Auswirkungen hat diese Zeit auf Beziehungen, die Familie und die Kinder?
Die Situation ist hochproblematisch, weil die räumliche Enge konfrontiert wird mit hohen Erwartungen, ähnlich wie denen an Feiertagen: Alles muss gut sein! Aber das Gegenteil ist der Fall. Nach einigen Tagen brechen alte Konflikte auf, die Stimmung kippt. Und man hat keine adäquate Rückzugsmöglichkeit! Beziehungen funktionieren nicht in der Symbiose und nun erlebt man eine erzwungene Symbiose. Da hilft es, sich bewusst zu machen, dass Beziehungen immer im Prozess sind und dass man diesen Prozess aktiv gestalten kann. Mit Kindern bilden Eltern ein System und darin übernehmen die Eltern gerade neue Rollen: Heimarbeiter, Lehrkräfte. Bei aller anfänglichen Freude der Kinder, daheim sein zu dürfen, irritiert sie dieses Verhalten.

Was können wir tun, um seelisch stabil zu bleiben?
Erwartungen zurückschrauben. Konflikte sind normal und gehören zur Situation. Struktur im Alltag schaffen. Feste Zeiten für Mahlzeiten, Schullektionen, Homeoffice, Schlafengehen, Körperpflege, Spielen, Internet einplanen. Arbeit und Privates zeitlich wie räumlich so gut wie möglich voneinander trennen. Und an die frische Luft gehen. Spaziergänge sind gute Rückzugsgelegenheiten.

Wären wir in Deutschland in kompletter häuslicher Quarantäne, wäre die Lage schwieriger. Sehr wichtig ist es, die Kommunikation, auch mit Kindern, transparent zu gestalten. Auszudrücken, was man fühlt. Kinder haben ein gutes Gespür für unsere Gefühle. Wir sollten sie ernst nehmen und ihre Fragen beantworten. Was ein Kind fragen kann, kann es auch verstehen.

Wie geht man mit negativen Gefühlen um?
Man muss Ängste und Stress anerkennen und gleichzeitig die positiven Gefühle stärken. Dabei hilft es, für sein körperliches Wohlbefinden zu sorgen, sich gesund zu ernähren, Sport zu treiben, auch über entsprechende Internet-Angebote. Nur geregelte Informationen, nicht jede Push-Nachricht lesen. Achtsamkeit pflegen. Im Wort steckt alles: mich achten, andere achten, achtsam im Moment sein. Besonders wichtig ist es, den Alltag zu strukturieren, weil Sie auf diese Weise Kontrolle über die Situation behalten oder wiedergewinnen und das Gefühl von Selbstwirksamkeit erlangen. Das ist die Überzeugung, durch eigenes Handeln selbst größte Probleme meistern zu können.

Welche möglichen positiven Folgen erkennen Sie?
Wir bekommen ein Gespür für das, was wir wirklich brauchen. Vor Corona haben wir Dinge häufig nur dann geschätzt, wenn sie weit weg, teuer oder eilig waren. Auslandsreisen, materieller Besitz, Termine. Jetzt lernen wir, die nahen Dinge wahrzunehmen, das Sein auf Balkon und im Garten, Nachbarschaftshilfe, emotionale Nähe herstellen durch das Telefonieren, nicht aus Zeitdruck nur noch Nachrichten senden. Es wird interessant sein, wenn wir die Dinge zurückbekommen, auf die wir jetzt verzichten müssen.

Werden wir jemals wieder leben wie vor Corona?
Nein. Menschen sind erfahrungsorientiert. Wir werden die Erfahrung aus der jetzigen Situation also mitnehmen und sie wird unser Leben verändern. Wir werden mit diesen Erfahrungen in der Zukunft experimentieren müssen und ausprobieren, was bleiben  kann. Was das sein wird – das wird sich zeigen.

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