Zart besaitet

Hochsensibilität

Stand: 14.12.2016 (21.04.2011)

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Schon als Kind spürte Sabine Hachmann, dass sie anders war als ihre Klassenkameraden. Der Lärm im Klassenzimmer verursachte bei ihr fast täglich Kopfschmerzen. Statt nachmittags zum Spielen in den Hof zu gehen, zog sie sich lieber in ihr Zimmer zurück, um ihre Ruhe zu haben. Inzwischen kennt sie den Grund für ihr großes Ruhebedürfnis: Sie ist hochsensibel.

Der Wunsch, sich zurückzuziehen, begleitet hochsensible Menschen durch ihr Leben. Auch später, während des Studiums und im Beruf, fühlte sich Sabine Hachmann dem Stress, der Hektik und den vielen zwischenmenschlichen Kontakten oft kaum gewachsen. "Immerzu wurde mir gesagt, dass ich zu empfindlich sei und mich nicht so anstellen solle", erzählt die 43-jährige Sozialpädagogin heute.  "Als ich dann irgendwann hörte, dass es so etwas wie Hochsensibilität gibt, fiel mir ein Stein vom Herzen. Endlich hatte ich das Gefühl, nicht mehr mangelhaft zu sein. Und ich konnte etwas tun."

Übergroße Sinneseindrücke für Hochsensible

Ende der 1990er Jahre belegte die amerikanische Psychologin Elaine Aron, dass fünfzehn bis zwanzig Prozent aller Menschen von sogenannter "sensory processing sensitivity", sprich Hochsensibilität, betroffen sind. Die Betroffenen reagieren stärker als der Bevölkerungsdurchschnitt auf optische und akustische Sinneseindrücke wie Lärm, Licht, Gerüche, Wärme und Kälte. Auch von emotionalen Stimmungen und Konflikten fühlen sich Hochsensible stärker beeinträchtigt als ihre Mitmenschen.

Elaine Aron zufolge liegt dies an der speziellen Konstitution: Die Gehirne hochsensibler Menschen nehmen zwar nicht mehr Informationen auf, filtern aus den eingegangenen Reizen aber weniger Sinneseindrücke heraus, so dass ihr Nervensystem schneller überstimuliert ist. Daher sind Hochsensible ständig bemüht, sich vor Reizen zu schützen. Sie haben ein hohes Ruhebedürfnis. Dieser Rückzug allerdings führt nicht selten in eine Außenseiterrolle.

Hochsensible laufen Gefahr, sich selbst auszugrenzen - im Beruf, in Freundschaften oder in der Liebe. Deshalb versuchen viele angestrengt, sich an ihr Umfeld anzupassen. Mit dem Ergebnis, dass sie nervlich schnell überfordert sind - und andere vor den Kopf stoßen. "Bleib locker", hören sie dann häufig von ihren Bekannten. Aber genau das können sie nicht.

Hochsensibilität: Wahrnehmung regulieren

Für Hochsensible ist es wichtig zu lernen, die eigene Wahrnehmung zu regulieren. Sprich: Sie müssen daran arbeiten, gleichzeitig im Außen und auch im Innen zu sein. Doch nur, wer um seine eigene Neigung zur Reizüberflutung weiß, kann sich die Zeit geben, Eindrücke gründlich zu verarbeiten und sich außerdem Ausgleich in Form von Sport oder mentaler Entspannung zu holen.

Gelingt dies, dann folgt der nächste Schritt: die eigene Aufmerksamkeit zentrieren. "Statt sich von den Reizen dort draußen bestimmen zu lassen, können Sie lernen, Ihre Wahrnehmung auszurichten", schreibt etwa der auf Hochsensibilität spezialisierte Heilpraktiker Rolf Sellin. Das können Betroffene zum Beispiel in einem speziellen Coaching üben. Danach sollten Hochsensible selbst in stressigen Situationen wie inmitten eines Einkaufszentrums ihre Aufmerksamkeit selektiv nach innen richten können, um die hereinprasselnden Reize ein Stück weit von sich fern zu halten.

Sabine Hachmann hat es geschafft. Dank einiger Sitzungen bei einem auf Hochsensibilität spezialisierten Psychologen kommt sie heute im Alltag bestens klar. "Selbst Weihnachtsbummel in der Münchner Innenstadt sind heute möglich für mich", freut sich die Sozialpädagogin, "Dass ich irgendwann mal so unbeschwert an der Welt teilnehmen kann, hätte ich früher nie gedacht".

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