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Smartphone Alarm

Smartphone Alarm

Sind wir alle längst onlinesüchtig?

Stand: 22.05.2019

Im Bus, an der Haltestelle, auf Straßen und im Café: überall Menschen, die wie gebannt auf ihr Handy starren. Sind wir alle längst onlinesüchtig – fragen
Sie sich? Hier kommen Antworten.

Warum starren wir alle auf unser Smartphone?

Früher schaute man morgens aus dem Fenster, heute auf die Wetter-App. Kaum aufgewacht sind wir online und bleiben das 24 Stunden am Tag. Spielen, Mails und News lesen, Musik hören, shoppen, Bahntickets und Konzertkarten buchen, chatten oder flirten: Das Smartphone hat unzählige Funktionen, die im Alltag wichtig sind. Es ist der Draht zu unseren Lieben und zur Welt, niemand möchte mehr darauf verzichten.

Ist das etwa schon eine Form der Sucht?

Ganz klar: nein. Es ist erst einmal nur das, was alle tun. Dennoch gibt es natürlich Unterschiede zwischen einer normalen, einer exzessiven oder gar einer unkontrollierten Nutzung. In der neuen Trendstudie „B4P Trends“ analysiert die Gesellschaft für integrierte Kommunikationsforschung (GIK), wie wir Deutschen unser Smartphone nutzen. 64 Prozent haben es immer bei sich. 64 Prozent schauen vor dem Zubettgehen noch mal drauf, 58 Prozent lesen Nachrichten per SMS oder WhatsApp sofort. Und bei der Frage, worauf man für eine Woche am wenigsten verzichten könnte, nannten 36 Prozent das Smartphone. Es ist halt einfach unser liebstes Spielzeug!

Und dafür gibt es Gründe, die auch im Unbewussten liegen: „Mit jeder Nachricht und jedem Like wird unser Bedürfnis nach Belohnung befriedigt“, erklärt Gordon Emons, Leiter der Berliner Beratungsstelle „Lost in Space“ . Es sind nur Momente, in denen der Dopamin- oder Serotonin-Ausstoß steigt, ähnlich wie beim Sex oder einem guten Essen – aber die Summe der Momente macht‘s.

Wo beginnt gefährliches Suchtverhalten?

Fragen wir den Experten Gordon Emons: „Die Gefahr liegt darin, dass ich im wirklichen Leben nicht ständig solche Belohnungsmomente erleben kann wie im virtuellen Leben etwa beim Spielen. Dann kann es passieren, dass mein Belohnungssystem irgendwann nur noch auf diese speziellen Reize reagiert. Dadurch nimmt das Leben in der virtuellen Welt immer mehr Raum ein, was wiederum dazu führt, dass ich mich parallel aus meinen sozialen Bezügen zurückziehe. Der Computer oder das Smartphone wird das Wichtigste in meinem Leben.“ Die Betroffenen selbst würden es oft sehr spät merken, berichtet Emons. Zur Beratungsstelle kommen jährlich rund 350 Menschen – darunter auch einige, die ihre letzten Jahre fast nur noch vor dem Rechner gehockt haben.

„In unsere Beratung kommen zu 90 Prozent Männer, Durchschnittsalter 26 bis 29 Jahre, viele haben kaum noch echte Kontakte, haben das Studium oder die Ausbildung an die Wand gefahren oder ihren Job verloren.“ Da geht es zunächst vor allem um eine Reduktion der Online-Zeiten, meist per Sicherungs- Software, und um das Wieder-Erlernen eines strukturierten Tagesablaufs. Emons: „Wir bieten auch Freizeitgruppen an. Man unternimmt zusammen ganz einfache Dinge wie gemeinsam kochen, in den Park oder ins Museum gehen, Sport treiben. Oft entstehen hier neue Freundschaften, die Betroffenen helfen einander so gegenseitig.“

Sind Jugendliche besonders gefährdet?

„Da sind wir sehr vorsichtig mit der Wertung“, sagt Gordon Emons. „Denn das Computerspielen und Musikhören gehört einfach zur Jugendkultur dazu – und damit auch das Smartphone. Jugendliche erhalten zudem ständig Infos und Likes aus dem eigenen Freundeskreis; wenn sie die nicht bekommen, fürchten sie, sie könnten etwas verpassen.“ Smartphones stehen daher ganz oben auf der Wunschliste, wie eine repräsentative Umfrage im Auftrag von sechs Zeitschriftenverlagen belegt. Für die Kinder-Medien-Studie 2018 führte man 3.300 Doppelinterviews mit Kindern zwischen 4 und 13 Jahren und einem Elternteil. 41 Prozent der Kinder wünschten sich ein eigenes (oder neues) Handy oder Smartphone, 32 Prozent ein Tablet. 71 Prozent der 13- Jährigen besaßen bereits eines oder mehrere Geräte. Das heißt aber zunächst nur: Der Umgang mit dem Smartphone ist der Jugend so geläufig wie früheren Generationen der Umgang mit dem Plattenspieler. Und: Eine große Mehrheit nannte „mit Freunden zusammen sein“ (89 Prozent) und „im Freien spielen“ (81 Prozent) dennoch als liebste Freizeitbeschäftigungen. Das bestätigt auch Gordon Emons: „Gefährdet sind häufig diejenigen, die im echten Leben nicht genug verankert sind, und sich nicht mit Freunden treffen oder keine Zeit draußen verbringen. Deshalb müssen Eltern gucken: Sind sie anerkannt in der Klasse, haben sie genug Freunde?“ Eltern seien oft vorschnell besorgt, weil sie die Computernutzung aus eigener Erfahrung wenig einschätzen können.

Eine Umfrage der Kaufmännischen Krankenkasse KKH im Juli 2018 unter gut tausend Vätern und Müttern spricht da Bände. Viele Jugendliche, so klagten die Eltern, würden nur am Smartphone hängen. Für die KKH eine der Ursachen für die Zunahme an Übergewicht und Schlafstörungen, Sprach- und motorischen Entwicklungsstörungen in dieser Altersgruppe. Solche Zahlen spielen dem umstrittenen Hirnforscher, Arzt und Sachbuchautor Manfred Spitzer in die Karten. Seine radikale These, die er seit Jahren publiziert: „Digitale Medien machen dick, dumm, aggressiv, einsam, unglücklich und krank.“

Machen Smartphones also dumm und krank?

So pauschal ist das natürlich kompletter Unsinn. Zudem übersieht Spitzer: Ein souveräner Umgang mit Smartphone und Computer ist in der heutigen Arbeitswelt eine unabdingbare Qualifikation. Und doch gibt es eine schleichende Nebenwirkung, die Anlass zur Sorge gibt; die betrifft aber nicht nur Jugendliche, sondern uns alle: Der Bonner Informatik-Professor Alexander Markowetz hat 2015 mittels einer „Menthal App“ das Verhalten von mehr als 60.000 Menschen aufgezeichnet. Das alarmierende Ergebnis: Im Schnitt beschäftigen wir uns 53 Mal am Tag mit dem Smartphone. Circa alle 18 Minuten verschicken wir WhatsApp-Nachrichten oder Mails, surfen, spielen oder telefonieren. Und diese Dauer-Beschäftigung mit dem Smartphone führt dazu, dass es uns ständig bei unserem Tun unterbricht und das leider viel zu oft. Und was das mit uns macht, beschreibt die Journalistin Wenke Husmann in ihrem Artikel „Der letzte Klick“ auf Zeit online: „Wir sehnen uns danach, endlich das zu tun, was wir eigentlich tun wollen: beruflich Aufgaben zu Ende bringen und uns privat mit den Menschen verbinden, die uns lieb und wichtig sind. Auch ich will das. Wie gut würde sich das anfühlen. Stattdessen wache ich auf und lese zuerst im Chat mit meiner Kollegin von einem technischen Fehler in einem Artikel. Sie hat ihn schon behoben, schreibt sie, wolle mich aber rasch informieren.

Beim Kaffeemachen plingt eine WhatsApp von meiner Mutter auf. Sie schickt ein Bild und die Frage, ob diese Tasche der Enkelin gefallen könnte. Gleich darunter lese ich die Überschrift zu einer Rezension des neuesten Films, der einen Oscar verdient hätte. Dann antwortet meine Mutter auf meine Antwort, wegen der Tasche. Ich muss die aber ungelesen wegdrücken, denn die Tochter will auf dem Handy checken, ob nicht etwa ihre erste Schulstunde ausfällt. Die Nachricht meiner Mutter werde ich also später lesen, in der S-Bahn, wo ich mich eigentlich in die Schlagzeilen vertiefen wollte. Oder ich werde sie vergessen. Dann wird sie in meinem Bewusstsein wie Feinstaub nach unten sinken und zu dem grauen Gefühl beitragen, dass sich inzwischen regelmäßig am Abend einstellt, weil ich wieder zu wenig von dem geschafft habe, was ich eigentlich wollte. Und zu viel Zeit verbracht habe mit ... tja, womit eigentlich?“ Die Antwort liegt auf der Hand: mit Multitasking.

Machen Smartphones uns also sogar schlauer?

Multitasking gilt als eine hoch gelobte Fähigkeit, die man bedingt üben und trainieren kann. Wissen wir doch aus der Hirnforschung, dass unser Gehirn sich immer wieder neu anpassen und neue Synapsen bilden kann. Nur: So einfach ist es leider nicht! Unser Gehirn braucht nämlich genügend Zeit, um all die schnellen Infos zu sortieren, einzuordnen und sich dann wieder auf das konzentrieren zu können, womit wir zuvor beschäftigt waren. Wenn wir uns zu oft ablenken, zerfasert unsere Aufmerksamkeit – und damit unser Tag, unsere Woche, unsere Lebenszeit. Die ständige Smartphone-Nutzung lässt keinen Raum mehr für Kontemplation, Konzentration, geschweige denn Muße. Klick, klick, klick, unser Gehirn bleibt in ständiger Sende- und Aufnahmebereitschaft. Das aber bedeutet: Stress. Und Stress macht in der Tat auf Dauer unglücklich und krank. Schon 2015 ermittelte eine Befragung der Landesmedienanstalt NRW unter 500 Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 14, dass sich knapp die Hälfte durch das Handy abgelenkt fühlt, etwa von den Hausaufgaben. Und bei der bereits genannten B4P-Studie der GIK gab jede/r Vierte an, gestresst zu sein von dem Gefühl, ständig erreichbar sein zu können.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor Smartphonesucht zu schützen?

Tipps von Gordon Emons, 42, Leiter der Caritas Beratungsstellen Café Beispiellos und „Lost in Space“ für Glücksspiel- und Internetsüchtige in Berlin-Kreuzberg.

1. So spät wie möglich mit dem Handy einsteigen. Kinder müssen erst mal lernen, im sozialen Kontakt miteinander umzugehen. Sie sollen rausgehen, spielen, herumtollen, toben. Das heißt nicht, dass ein Fünfjähriger nicht auch mal am Tablet spielen darf. Aber da rate ich: höchstens eine halbe Stunde pro Tag und immer in Begleitung der Eltern.

2. Zeitliche Grenzen der Nutzung und Offline-Plätze in der Wohnung festlegen. Viele Spiele, die für Kinder gemacht sind, sind so konzipiert, dass sie immer wieder neue Runden spielen müssen. Eltern kennen das Bitten und Betteln zur Genüge: „Nur noch das eine Spiel, Mama...!“ Geben Sie deshalb exakte Zeiten vor, etwa: täglich vier Stunden für Computer und Smartphone, aber inklusive Schularbeiten. Regeln aufstellen wie: Beim Essen kein Handy am Tisch! Solche Regeln können Sie auch mit den Eltern der Freunde Ihrer Kinder abstimmen. Lassen Sie sich auch Spiele vorführen und erklären, was daran so anziehend ist. Und: nachts grundsätzlich das Smartphone aus dem Jugendzimmer verbannen.

3. Selber Vorbild sein! In Hamburg demonstrierte im letzten Jahr eine Gruppe Kinder gegen die übermäßige Handynutzung der Eltern. Die Kinder protestierten dagegen, dass manche Eltern sich mehr mit ihrem Smartphone beschäftigen als mit ihrem Nachwuchs. Das muss man sich mal vorstellen! Also, liebe Eltern, Vorbild sein! Wenn Mami und Papi immerzu am Smartphone hängen, machen Ihre Kinder das bald genau so nach – und das wollten Sie doch vermeiden.

4. Für genug echte Kontakte sorgen! Regelmäßig schauen und nachfragen: Trifft sich Ihr Kind mit seinen FreundInnen? Läuft die Schule einigermaßen? Geht es seinen Hobbies im real life nach? Wenn hier alles funktioniert, ist auch eine exzessive Online-Phase meistens noch kein Grund, sich Sorgen zu machen. In der Regel ebbt das Interesse früher oder später von allein wieder ab und die Phase geht vorüber. Wichtig dabei ist es, als Elternteil das nicht aus den Augen zu verlieren und immer wieder nachzuhaken.

Headerbild © Prostock-studio / Adobe Stock

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