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6 bunte Origami-Schiffe auf blauem Untergrund

Die Kunst des Loslassens

Was nun?

Stand: 01.10.2019 (01.10.2019)

Dranbleiben oder loslassen? Ja oder Nein? Darauf gibt es oft keine klare Antwort, und sich richtig zu entscheiden, gehört zu den schwierigsten Aufgaben – aber es gibt kleine Hilfsstrategien.

Jahrelang läuft alles in vertrauten Bahnen, Familie, Alltag, Job. Wir fühlen uns geborgen daheim und bei Freunden, gehen gern zur Arbeit. Und wenn wir abends schlafen gehen, wünschen wir uns, alles möge so bleiben. Aber eines Tages merken wir, dass etwas Neues in der Luft liegt: Die Kinder werden flügge. Der Job ist nur noch Routine. Paare stellen fest, dass sie sich kaum noch etwas zu sagen haben. Und plötzlich tauchen diese Fragen auf: Bin ich hier jetzt noch richtig? Oder muss ich etwas verändern? Dranbleiben? Oder loslassen?

Wir haben die Verantwortung, unser eigenes Leben gut zu gestalten

Wir haben heute ungeahnt viele Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten. Den klassischen weiblichen Lebenslauf von früher – Schule, Heirat, Familie, Reife, Alter – gibt es so nicht mehr. 40-Jährige bekommen ihr erstes Kind. 50-Jährige wagen den Schritt in die Selbständigkeit. 60-Jährige fangen ein Studium an und 70-Jährige verlieben sich neu. Das ist zunächst mal eine gute Nachricht, doch sie enthält auch eine Crux: In einer solchen Vielfalt müssen wir uns ständig neu entscheiden.
Den sicheren Job kündigen und uns auf unbekanntes Terrain wagen? Die Beziehung beenden, auch wenn wir dann vielleicht alleine sind? Den Kontakt zu den alten Freunden abbrechen, weil wir uns auseinandergelebt haben? Einen lang gehegten Lebenstraum ad acta legen, weil es dafür wohl zu spät ist?

Wir schwanken hin und her. Haben Sorge, uns womöglich falsch zu entscheiden und das irgendwann zu bereuen. Also wägen wir ab, befragen Kopf, Herz und Bauch – und finden einfach keine klare Lösung. Ja oder Nein? Für beides gibt es Gründe. Etwa fürs Dranbleiben. Das haben wir schließlich als Kinder gelernt, dass es sich lohnt, ein Ziel zu verfolgen und nicht vorschnell aufzugeben. Und andererseits haben wir im Laufe unseres Lebens auch erfahren: Man kann sich auch völlig sinnlos an etwas aufreiben. An zu vielen Pflichten, einem fiesen Chef, einem egomanischen Partner. Und dann ist loslassen die bessere Lösung.

Wohl deshalb stehen Bücher zum Thema Loslassen seit Jahren auf den Bestsellerlisten. Das Spektrum reicht vom Ratgeber zum Entrümpeln der Schränke und Wohnungen bis hin zum Entscheidungshelfer in Ehekrisen. Loslassen, so das Credo der meisten Autoren, befreit uns, setzt neue Energien frei. Das mag oft zutreffen, doch eine Garantie dafür gibt es nicht. Wie viele Menschen bereuen später, dass sie Job oder Partner vorschnell gekündigt bzw. verlassen haben. Loslassen will also gut überlegt sein.

„Wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte. Wenn ich loslasse, was ich habe, bekomme ich, was ich brauche.“

Lao Tse, 6. Jh. v. Chr.

Loslassen bedeutet, Neues zu erleben. Das kann Angst machen

Loslassen oder Dranbleiben – wenn wir älter werden, bekommt diese Frage noch mehr Gewicht. Dann fragen wir uns: Was ist mir jetzt noch wichtig? Oder: Passt ein Mensch, ein Job, ein alter Traum noch zu mir? Eine Entscheidungshilfe ist, zum Beispiel, sich in die Zukunft zu träumen. Also: Wie, wo, mit wem lebe ich in fünf Jahren? Soll alles so bleiben oder anders sein? Wenn wir uns ab und zu Zeit nehmen für solche Fragen, fällt es uns vielleicht leichter, uns zu entscheiden, was das Richtige für uns in genau dieser Lebensphase ist.

„Loslassen oder Dranbleiben, beides hat mit dem Erkennen der Verantwortung zu tun, unser Leben gut und sinnvoll zu gestalten – weil wir ja nur eines haben, zumindest nur von diesem einen sicher wissen.“ So bringt es Irmtraud Tarr auf den Punkt. Die Psychoanalytikerin, Musikerin und Buchautorin aus Rheinfelden bei Basel schrieb schon 2003 ein Buch dazu, das längst als Klassiker gilt: „Loslassen – die Kunst, die vieles leichter macht“. Und sie erklärt auch, warum uns Loslassen oft so schwerfällt: „Wenn man loslässt, erlebt man etwas Neues, ein Abenteuer, eine Überraschung, Absturz oder Triumph. Und da wir das Neue nicht kennen, haben wir vor allem eines: Angst.“

Jeder kennt solche Beispiele: Menschen, die sich an einen Job oder an eine Liebe klammern, obwohl sie daran leiden und unglücklich sind. Sie wollen nicht wahrhaben, dass sie etwas festhalten, das ihnen längst entglitten ist. Sie haben Angst vor dem Schmerz, den eine endgültige Trennung bedeutet, Angst, danach nichts Besseres mehr zu finden. In unserem Gehirn herrsche Krieg zwischen Gefühl und Einsicht, erklärt Tarr: weil unterschiedliche Bereiche beteiligt sind, das Limbische System der Gefühle und der Neocortex fürs Denken. Deshalb können wir uns nicht zum Loslassen durchringen. Denn das verlangt uns vieles ab. Das Aushalten von Ängsten, Trauer, Zweifeln: Was, wenn sich mein Entschluss im Nachhinein als Fehler entpuppt? Natürlich müssen wir uns wandeln. Aber – und schon ist es wieder da, das quälende Aber: Es gibt doch auch Probleme, an denen man wachsen kann. Woran kann ich denn sicher merken, was wann richtig ist? Und gleich die nächste Frage: Womit kann ich den Platz füllen, der frei wird?

Entsprechend rät auch Irmtraud Tarr zu langer Überlegung: „Dieses ‚Lass endlich los‘ ist als Modetrend auch fast schon wieder zu einem neuen Zwang geworden“, mahnt sie und ergänzt: „Meine Werte, meine langjährigen Beziehungen, die kann und möchte ich nicht einfach mal eben loslassen. Treue ist ein hoher Wert. Im positiven Sinne heißt treu sein, Beständigkeit zu zeigen, ohne dass wir uns dabei verbiegen müssen.“ Sie ergänzt: „Ich glaube, dass es darum geht, beides zu lernen – es ist eine Art Lehrplan unseres Lebens. Denn beides hat mit Würde und Selbstbestimmung zu tun.“

Loslassen ist kein Zwang. Wir sollten beides lernen: loslassen und treu sein

Das bestätigt auch Lukas Niederberger. Der Schweizer Autor des Buches „Am liebsten beides“ war lange Jesuitenpater und kennt alle Zwickmühlen, in die Menschen geraten können, aus seinen Beratungsgesprächen. Bei Ehekrisen gehe es ja oft nicht nur um zwei Menschen, sondern um weitere Personen, etwa die Kinder, was das Entscheiden noch mehr erschwere. Er rät dazu, auch auf die Signale des Körpers zu achten. „Selbst wenn der Körper extrem rebelliert, erkennen viele Menschen darin noch immer kein Signal für eine nötige Veränderung. Krankheiten, Burnouts und Herzinfarkte nehmen einem dann oft erst den Entscheid ab. Auch die Intuition, das Bauchgefühl, sei wichtig. „Lernen auf die Intuition zu hören kann ich aber nur, wenn ich das wirklich will.“ Dazu brauche man Orte und Zeiten von bewusstem Rückzug und Stille, etwa bei einem Spaziergang.

„Vielleicht müssen wir auch begreifen lernen, dass keine Lösung manchmal die Lösung ist – erst einmal. Denn oft lösen sich die Dinge wie von selber, vielleicht nicht jetzt, aber später“, bestätigt Irmtraud Tarr. Manchmal sei es hilfreich, die Dinge zumindest eine Zeit lang so sein zu lassen, wie sie sind. Abwarten und Tee trinken? Ja, bestätigt eine psychologische Studie der Universität Nimwegen. Der Rat der Psychologen: Nicht grübeln, sondern sich ablenken und zerstreuen. Bei einem Städtetrip, auf einer Party. Wenn das Unbewusste genug Zeit habe, sich mit den Möglichkeiten vertraut zu machen, zeige sich die Lösung nämlich oft schlagartig. Beim Bummeln, tanzen und ja, sogar beim Tee trinken.

Man solle da auch auf die Sprache und ihre Bilder vertrauen, sagt Tarr: „Im Wort Aufhören steckt das Wort Hören. Das heißt: auf meine innere Stimme hören. Und auch auf die der anderen, auf Freunde, die uns gut kennen. Die Frage lautet: Was sollte ich tun, um meinem inneren Kern treu zu bleiben?“ Und dieser Kern, das wissen wir aus der Lebenslauf-Forschung, bildet sich früh aus. Es sind in der Regel zwei, drei Leitmotive, sie verdanken sich genetischen und familiären Einflüssen sowie persönlichen Erfahrungen. Und eben diese Leitmotive gilt es sich bewusst zu machen, wenn wir vor Entscheidungen stehen, etwa die Frage: Was ist mir wichtiger, meine Sicherheit oder meine Freiheit? Noch einmal Irmtraud Tarr: „Meine Leitfrage bei allem ist: Bringt es mir Seelenfrieden? Und wenn ich diese Frage klar beantworten kann, dann finde ich auch die jetzt bestmögliche Entscheidung.“

Zum Weiterlesen

  • Irmtraud Tarr: Loslassen – die Kunst, die vieles leichter macht. Herder Verlag, derzeit nur über Amazon ab circa 5 Euro
  • Lukas Niederberger: Am liebsten beides. Wie man gute Entscheidungen trifft. Patmos Verlag, 14,90 Euro

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