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Die Kraft der Zuversicht

Optimismus kann man trainieren

Stand: 03.09.2018 (03.09.2018)

Wir Menschen sind auf Optimismus gepolt, das ist inzwischen wissenschaftlich bewiesen. Wir neigen dazu, selbst in dunklen Zeiten noch das Licht am Horizont zu sehen – oder zumindest daran zu glauben. Doch worauf gründet sich diese wunderbare Fähigkeit und lässt sie sich trainieren?

Ein Satz wie ein Mantra: „Ich weiß, dass ich stark bin.“ Und vielleicht war es dieser Satz, der Angelique Kerber immer wieder neu beflügelt hatte. So sehr, dass sie nach mehr als zwei Jahrzehnten harten Trainings auf dem Tennisplatz doch noch an die Weltspitze gelangte, obwohl es zuvor gar nicht mehr danach aussah und sie daran dachte, den Tennisschläger an den Nagel zu hängen.

„Für mich stand es schon fest“, erinnerte sie sich in einem Interview, „meine Eltern sagten, sie unterstützen mich auch in einem anderen Job, wenn ich nicht mehr will.“ Aber dann hat sie doch weiter gemacht – und schaffte den Triumph. 2016 wurde ihr Jahr: Sie gewann die größten Turniere, holte Silber bei Olympia. Als erste Deutsche nach Steffi Graf war sie die Nr. 1 der Tennis-Weltrangliste. Und in diesem Juli gewann sie nach vielen Rückschlägen das Tennistunier in Wimbeldon.

An sich glauben, Stärke zeigen, an Krisen wachsen – in Sport, Beruf, auch privat hilft uns das weiter. Zuversicht nennt man diese innere Haltung. Trotz Problemen, Hindernissen oder sogar schlimmen Schicksalsschlägen hoffen wir auf eine gute Wendung, vertrauen auf unsere Fähigkeiten, glauben sogar daran, dass wir letztlich selber unseres (neuen) Glückes Schmied sein werden. Solch ein Optimismus führt zwar nicht automatisch immer zum Erfolg, entspannt aber den Alltag. Und hält sogar gesünder. Lebensbejahende Menschen schütten nachweislich weniger Stresshormone aus als Pessimisten.

Trotz Problemen und Hindernissen an die eigene Stärke glauben

Doch woher kommt solche Zuversicht? Warum hat der eine fast zu viel davon und neigt ein wenig zur Selbstüberschätzung, die andere zu wenig und traut sich nichts zu? Das Fundament entsteht in den ersten Kindheitsjahren. Geben uns unsere Eltern oder andere Bezugspersonen Sicherheit, Geborgenheit und Liebe, entwickeln wir Vertrauen zu ihnen und in das Leben. Wer als Kind dagegen ständig Schwankungen und Probleme erlebt, sei es im Innen oder Außen, leidet später eher an Selbstzweifeln und düsteren Gedanken bis hin zur Depression.

Und doch schaffen es auch manche, trotz schlimmster Defizite, an sich zu glauben. So US-Autorin Jeanette Walls: In ihrer 2005 erschienenen Autobiographie „Schloss aus Glas“ beschreibt sie ihre bedrückende Kindheit. Die Familie – Vater, Mutter, vier Kinder – zog ständig bettelarm umher, hauste in Bruchbuden und Wohnwagen. Der alkoholkranke

Vater versprach seinen Kindern ständig ein herrliches Schloss, versoff aber jeden Cent. Die Mutter sah sich als Künstlerin und Anarchistin und kümmerte sich nur um sich selbst. Und den Kindern blieb keine andere Wahl, als das unstete Leben der Eltern zu teilen. Sie mussten nicht nur für sich selbst, sondern oft auch für die Eltern sorgen – was hieß, im Müll nach Essbarem zu suchen.

Resilienz: die Gabe, auch in schwierigen Zeiten zuversichtlich zu bleiben

Und doch gelingt Jeannette Walls später eine tolle Karriere als Journalistin und Bestseller-Autorin, ihr bewegendes Buch „Schloss aus Glas“ wurde 2017 verfilmt und lief auch bei uns im Kino. Es war ihre große innere Gabe, sich ihre Zuversicht zu bewahren und dann auch danach zu handeln – Psychologen nennen diese Gabe Resilienz, übersetzt in etwa Spannkraft oder Elastizität. Der Begriff kommt aus der Physik, dort nennt man ein Material resilient, das auch nach extremer Verformung wieder seinen Ur-Zustand annimmt, zum Beispiel Gummi. Nur, kann das auch die menschliche Seele?

Anscheinend ja, wie die prominenten Beispiele zeigen. Deshalb suchen Wissenschaftler schon länger nach den Mechanismen der Zuversicht. Berühmt wurde eine Langzeitstudie der US-amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner auf der Hawaii-Insel Kauai, für die sie einen ganzen Geburtenjahrgang, knapp 700 Kinder, mehr als 40 Jahre lang beobachte. Deren Chancen im Leben standen miserabel. Vernachlässigung, Streit, auch Misshandlung und Armut prägten den Alltag in ihren Elternhäusern. Wie erwartet zeigten etwa 65 Prozent der Kinder früh Lern- und Verhaltensprobleme, stürzten als Erwachsene sozial ab oder wurden kriminell. Doch ein Drittel der Kinder entwickelte sich als Erwachsene anders, positiv, sie glaubten an sich, gingen gerade ihren Weg, gründeten Familien, hatten Freunde, viele schöpften auch Sinn aus ihrem Glauben.

Die Studie gilt heute als Beleg dafür, dass seelische Resilienz mehrere Ursachen haben kann und zum Teil genetisch bedingt ist. Vor allem ein bestimmtes Gen, das den Glücks-Botenstoff Serotonin in Gehirn und Stoffwechsel reguliert, hilft dabei, die Zuversicht auch in harter Zeit zu bewahren. Das bestätigte u. a. auch eine Studie nach dem Wüten des Hurrikans „Katrina“ 2005 in New Orleans. Leute mit einer „ungünstigen Variante“ des Gens reagierten auf den dramatischen Verlust von Hab und Gut mutloser, verzweifelter und passiver als andere Hurrikan-Opfer.

In einem Punkt sind sich Biologen, Neurowissenschaftler und Psychologen heute einig. Zuversicht wird uns tatsächlich genetisch in die Wiege gelegt, zumindest zu einem gewissen Anteil, die Zahlen differieren zwischen 30 und 50 Prozent. Der Rest wird erlernt durch Sozialisation, durch eigene Erfahrungen mit Erfolg und Glück, durch Vorbilder und positiven Zuspruch. Auch bei den starken Kindern von Kauai kam ein sozialer Faktor dazu, alle hatten wenigstens eine fürsorgliche Bezugsperson, eine Tante, einen Lehrer, ein älteres Geschwisterkind.

Zuversicht ist wie ein Muskel – man muss ihn trainieren

Und wer als Kind und Jugendlicher mehr gute als schlechte Erfahrungen sammeln konnte und sich froh dabei fühlte, nimmt nämlich auch künftig positive Eindrücke einfach stärker und bewusster wahr als schlechte. Die emotionalen Zentren im Gehirn sind dann einfach auf Zuversicht gepolt. Das erklärt, warum wir selbst nach zehn Absagen weiter daran glauben, dass wir einen neuen Job finden werden, auch nach drei gescheiterten Ehen noch ans ewige Liebesglück. Zuversichtliche Menschen sind wie ein Baum im Wind: biegsam und standhaft.

Im gewissen Grad ist Zuversicht demnach auch erlernbar – wie ein Muskel, den man trainiert. Die kalifornische Professorin und langjährige Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky empfiehlt eine „Wunsch-Ich-Übung“: Wir dürfen uns ausmalen, wie unsere Zukunft aussieht, wenn alles nach Wunsch verläuft und wir all unsere Träume verwirklichen können. Ihre Studienteilnehmer, die vier Wochen lang täglich 20 Minuten Wunsch-Ich-Fantasien aufschrieben, fühlten sich im Anschluss deutlich glücklicher. 

So ein Schreibritual ist besonders wirksam am Morgen. Wer mit rosigen Aussichten ausgestattet gut gelaunt in den Tag startet, für den kann es eigentlich nur gut weitergehen. Auch andere Guten-Morgen-Rituale stimmen positiv ein – das Beobachten des Sonnenaufgangs, eine Teezeremonie, Yoga, Meditation. Hauptsache, Sie fühlen sich gut und entspannt dabei.

Übrigens gelten Langeweile und Routine als Feinde der Zuversicht. Neue Erlebnisse dagegen belohnen uns mit schönen Gefühlen wie Begeisterung und Lebensfreude. Menschen, die offen für Neues sind, die auch im Alter noch abwechslungsreich leben, die soziale Kontakte pflegen, sich aufgehoben fühlen, solche Menschen bewahren sich damit auch ihre Zuversicht.

Die Feinde der Zuversicht sind Langeweile und Routine

Psychologen und Coaches kennen heute viele Methoden, mit denen wir unseren „Zuversichts-Muskel“ stärken können. Dazu zählt auch, nach etwa einem Misserfolg oder schmerzhaften Einschnitt den Blickwinkel zu erweitern und die Perspektive zu variieren. Der Schlüsselsatz lautet: „Sieh es doch mal anders!“. Also nicht entmutigt denken „Geht nicht“, sondern nur „Geht halt so nicht“. Man schaut, ob eine Erwartung vielleicht zu hochgesteckt war und was es an realistischen Alternativen gibt – die man dann mit frisch genährter Hoffnung angehen kann.

Ganz wichtig ist es auch, achtsam mit unseren Ressourcen umzugehen. Öfter mal Pausen einlegen, auch mal „Nein“ sagen, wenn es uns zu viel wird und wiederum alles Schöne sehr bewusst wahrnehmen und genießen – ein leckeres Essen, Zeit mit Familie und Freunden, Zärtlichkeit und Sex, einen Tag am Meer. Bewusst erlebte Glücksmomente und daran geknüpfte Erinnerungen helfen uns, schneller wieder nach vorne zu schauen, falls es mal weniger rund läuft. Und so banal es klingt: Manchmal hilft es sogar, Schokolade, Nüsse oder eine Banane zu essen. Sie enthalten die Aminosäure Tryptophan, aus der unser Gehirn den Glücksbotenstoff Serotonin bildet.

Übungen zur Achtsamkeit, eine Gruppenstunde Lachyoga oder das bewährte „Glücks-Tagebuch“, in das man jeden Abend drei schöne Momente des Tages notiert: All diese Methoden helfen, unsere Aufmerksamkeit auf die schönen Dinge im Leben zu lenken und lösen damit gute Gefühle und Gedanken in uns aus, die unseren Zuversichts-Muskel stärken. Und der ist wohl ein ganz starker Pfeiler unseres Lebens – so komplex und fragil, wie es nun mal leider sein kann. Durch all die Höhen und Tiefen eines langen Lebens kann uns nur die Zuversicht tragen.

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