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Mutter und Tochter schmünken den Weihnachtsbaum

Die Kraft der Rituale

Alle Jahre wieder

Stand: 05.12.2016

Sie wirken bei Hochzeiten, beim Abschiednehmen und natürlich jetzt zur Adventszeit: Rituale geben uns Halt, und wir fühlen uns durch sie geborgen. Und bei Stress helfen sie auch.

Das Jahresende ist reich an festlichen Zeremonien: Adventssonntage, Nikolaus, Heiligabend, Weihnachtsfeiertage, Silvester, Neujahr. In den meisten Familien sind diese Tage fest strukturiert, laufen Jahr für Jahr nach demselben Muster ab. Schon ab Oktober wird geplant. Oma backt den Stollen und die Tante ihre tollen Nussplätzchen, rote Kerzen und Lametta werden gekauft, Strohsterne gebastelt, Geschenklisten geschrieben. Auf diese seit Jahren existierenden und meist von den Eltern übernommenen Rituale freuen wir uns. Sie schweißen uns zusammen. „Gerade Familien finden im gemeinsamen Tun wie dem Keksebacken, dem Weihnachtsbaumschmücken Zusammenhalt“, erklärt Lore Galitz, studierte Religionspädagogin und Ritualmeisterin (siehe auch Interview unten im Kasten).

Rituale, ob Advent, Hochzeiten, Trauerfeiern oder Kommunion, erleichtern in einer Gesellschaft das Zusammenleben. Sie stärken das Wir-Gefühl. „Solche Rituale geben einen bestimmten Ablauf vor, der uns Ruhe und Sicherheit gibt“, sagt die Psychologin Prof. Dr. Meike Watzlawik von der Sigmund Freud Privatuniversität Berlin. „Wir alle brauchen Rituale, um unsere Umwelt zu strukturieren. So haben wir das Gefühl, mehr Kontrolle zu haben.“

Rituale sorgen für Klarheit

Gerade in Zeiten emotionaler Unsicherheit spielen Rituale eine stabilisierende Rolle. Das kann sich auf die gesamte Gesellschaft beziehen, aber auch im persönlichen Kreis von Bedeutung sein. Lore Galitz: „Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben, Arbeit und Freizeit, zwischen Lebensabschnitten und sogar den Jahreszeiten verschwimmen zunehmend. Damit verlieren wir die Fähigkeit, uns auf die jeweilige Lebenssituation einzulassen.“ Ob sich ein Paar trennt, die Kinder das Haus verlassen, eine neue Wohnung bezogen wird oder wir nach dem Winter das lang ersehnte lichte Frühjahr begrüßenwollen: Durch Rituale kommen wir unseren Gefühlen nahe, finden innere Ruhe, schaffen einen Rhythmus und klare Übergänge von einer in die nächste Lebenssituation.

Vor langer Zeit sorgten Kirche und Herrscher für Rituale, die in der Gesellschaft das Miteinander regelten und für soziale Kontrolle sorgten. So mussten sich im Mittelalter vom Gericht verurteilte Übeltäter auf dem Marktplatz oder neben der Kirche ein bis zwei Stunden lang dem Gespött ihrer Mitmenschen stellen. Auf dem Lande erhofften sich Bauern von Ritualen Segen und Schutz vor Unwettern und Missernten. Solche Rituale sind nie für die Ewigkeit gemacht. Sie helfen in bestimmten Lebenslagen, gehen unter und neue entstehen.

Vor einigen Jahren schwappte die Halloween-Maskerade von Amerika nach Deutschland über, die nicht nur Kinder gerne zelebrieren. Wie auch immer ein Ritual abläuft: Es muss bewusst vollzogen werden. Wunsch, Wort, Handlung verbinden sich.

„Nie war mehr Anfang als jetzt“

Walt Whitman

Der Sonntagskrimi ist nette Routine

Damit unterscheidet sich ein Ritual von der Routine. Zwar gibt auch sie Sicherheit, ist aber eher ein unreflektiertes Tun. „Der morgendliche immer gleiche Ablauf von duschen und Kaffee kochen erleichtert uns den Einstieg in den Tag. Die wiederkehrenden Handlungen entlasten das Hirn, das nicht darüber nachdenken muss“, erklärt Lore Galitz. Doch das Automatische ist eben kein Ritual. Wer nach der Arbeit gern in seine Jogginghose schlüpft oder sich wöchentlich zum Sonntagskrimi auf dem Sofa lümmelt, freut sich über seine Angewohnheit, auf diese Weise Arbeitstag oder Wochenende zu beenden.

Ein privates Ritual schaffen

Dabei sind gerade die individuellen Rituale, die wir uns selber schaffen, so wertvoll. Wer das tägliche Bettaufschütteln als lästige Pflicht empfindet, wird es mürrisch tun. Wer damit aber ganz bewusst, alles „Störende der vergangenen Nacht, Unruhe, alle etwaigen Grübeleien und unguten Träume“ mit abschüttelt, so Lore Galitz, schafft sich „alltäglich einen befreiten Raum.“ Diese kleinen täglichen Zeremonien, können uns den Alltag erleichtern. Besonders hilfreich sind Rituale in Zeiten der Suche und Neuorientierung. Dann geben sie uns die Möglichkeit, den nächsten wichtigen Schritt in unserem Leben zu tun.

Wer loslassen möchte, kann das symbolisch mit einem Stein tun, den er in einen See wirft. Bei Trennungen hilft das Ritual, ein Band durchzuschneiden. Verbindend wirken Fotos von Familienangehörigen oder Orten, denen man nahe sein möchte. Wer sich nach etwas sehnt, kann die Hände zum Kelch formen und sich auf seinen Wunsch konzentrieren. Damit Gesten wirken können, empfiehlt die Ritualexpertin, sich bewusst darauf einzustellen. „Deutlich markieren lässt sich der Beginn eines Rituals durch Entzünden einer Kerze oder das Schlagen eines Gongs“, rät sie. Das Ende sollte ebenso klar sein. „Jedes Ritual braucht eine Rahmenhandlung, einen Anfang, ein Ende. Nur wenn wir uns zentrieren, kommen wir innerlich zur Ruhe“, erläutert Lore Galitz. Dann entfalten Rituale auch ihre bindende Kraft – so wie ein gemeinsames Lied vor dem Weihnachtsbaum, das für viele zur Feier des Heiligabends dazu gehört.

So war es früher

Auch Bräuche unterliegen dem Wandel. Einige Rituale, die früher große Bedeutung hatten, erscheinen uns heute merkwürdig und sogar seltsam.

Die Braut trägt Schwarz

Der Traum vom weißen Hochzeitskleid ist noch gar nicht so alt. Früher wurde traditionell im schönsten Festkleid geheiratet und das war schwarz. 1813 berichtete das französische "Journal des dames" zum ersten Mal über weiße Hochzeitskleider. Zur Mode machte es Kaiserin Sissi, die 1854 in einem weißen Seidenkleid Kaiser Franz Joseph heiratete.

"Glück herein, Unglück hinaus"

Zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag wurden die Raunächte gefeiert. Ein Ritual, bei dem Haus und Hof ausgeräuchert wurden. Das sollte Unheil abwenden und Segen bringen.

Kommt die Schwalbe geflogen

Anblasen nannte man einen Frühlingsbrauch, mit dem am 25. März die erste Schwalbe begrüßt wurde. Vom Kirchturm aus wurde ihre Ankunft mit der Trompete verkündet.

Wir singen ihr ein Lied

Fensterln wird allgemein als heimlicher Einstieg eines jungen Mannes durchs Fenster seiner Angebeteten bezeichnet, um ein Techtelmechtel zu haben. Tatsächlich trafen sich drei bis acht Junggesellen und sangen Reime mit erotisch-satirischem Inhalt unter dem Fenster einer jungen Frau. Die Eltern wussten Bescheidund mehr als Singen war auch nicht.

Auszeit

Die Schlumwoche, auch Schlamperwoche genannt, war die Woche nach dem 11. November. Knechte und Mägde mussten nur das Notwendigste arbeiten und bekamen Freizeit, um Familie und Freunde zubesuchen.

„Mein Lieblingsritual zur Stressbewältigung: Ich atme“

Arianna Huffington

Ihre persönliche Zeremonie für den Alltag

Kleine Rituale, die wir je nach Bedarf in unseren Tagesablauf integrieren können, lassen uns positiv auf das schauen, was auf uns zukommt. Und sie schaffen die Möglichkeit für klare Abgrenzung.

Heute ist mein Tag

Statt missmutig aufzustehen, können Sie den Morgen mit einem freudigen „Ja!“ begrüßen. Heben Sie beide Arme so weit, dass Sie Schultern und Nacken nicht anspannen. Die Handflächen sind leicht gewölbt und zeigen nach oben. Sie sagen oder denken: „Ich begrüße diesen neuen Tag. Ich danke dafür, dass ich diesen Tag erleben darf.“ Während Sie die Hände über Ihrem Kopf zusammenführen, sagen Sie „Ich danke für alles Gute, das heute in mein Leben kommt.“ Die Handbewegung sammelt dabei gleichermaßen alles Gute ein. Danach senken Sie die Arme mitnach unten weisenden Handflächen vor den Unterbauch. Lassen Sie die gesammelte Energie in sich einströmen.

Der Abend gehört mir

Falls Sie auf dem Nachhauseweg noch in Gedanken bei Ihrem letzten beruflichen Termin sind und nicht abschalten können, hilft dieses Ritual. Beim Überschreiten der Türschwelle in Ihre Wohnung lassen Sie alles Unliebsame draußen. Lassen Sie mit einer wegwerfenden Handbewegung alles hinter sich auf den Boden fallen.

Im Flur legen Sie bewusst Ihre Tasche, Schlüssel und Jacke ab. Alles, was im Berufsalltag wichtig war, bleibt im Vorraum liegen. Nichts davon sollte auf dem Küchentisch oder im Wohnbereich ankommen. Denken oder sagen Sie dabei: „Ich lege alles Störende von draußen ab“, wenn Sie an der Garderobe stehen.

Schluss damit!

Einen Schlussstrich ziehen – das muss nicht nur ein Gedanke bleiben. Wenn Sie eine unerwünschte Begebenheit, immer wiederkehrende unangenehme Gefühle oder eine nicht beglückende Beziehung endgültig beenden wollen, können Sie auf einem Spaziergang oder einem Weg durch die Stadt ganz bewusst einen Schlussstrich ziehen. Nehmen Sie einen Stein oder Stock, konzentrieren Sie sich an einem geeigneten Ort auf Ihr Ritual mit den Worten „Ich mache einen ausdrücklichen Schritt nach vorn.“ Danach wenden Sie sich ein letztes Mal nach hinten und ziehen mit dem Stein oder Stock einen Strich auf den Weg hinter sich. „Ich ziehe einen Schlussstrich hinter mir.“ Dann können Sie mit den Worten „Ich gehe befreit voran“ einen neuen Weg einschlagen.

Rituale fördern den Zusammenhalt

Fragen an Lore Galitz. Die studierte Religionspädagogin ist Ritualmeisterin und Buchautorin. Seit Jahrzehnten beschäftigt sie sich mit rituellen Handlungen. Informationen zu Ritualen und Veranstaltungen finden Sie unter www.raumfuermehr.com

Wozu brauchen Menschen Rituale?

Lore Galitz: Im gemeinsamen Tun finden wir Halt. Wenn Familien ihren persönlichen Ablauf am Heiligabend vollziehen, verbindet sie das. Sie spüren die Zusammengehörigkeit, denn alle wissen ja, wie der Tag abläuft. Das gibt Halt.

Wie wichtig ist das immer Wiederkehrende?

Sehr wichtig. Das spüren wir besonders bei Kindern, die immer wieder Gleiches einfordern. Etwa die Zeremonie des Ins-Bettgehen, den Gute-Nacht-Kuss. Advent ohne morgens im Kalender ein Türchen zu öffnen, wäre eine große Enttäuschung.

Ist die Gruppe für ein Ritual wichtig?

Das kommt darauf an. Wenn sich ein Kreis Gleichgesinnter mit derselben Intention trifft und beispielsweise mit einem Osterfeuer den Winter austreiben und das Frühjahr begrüßen will, verstärkt das die Energie. Wenn solch ein Osterfeuer für viele der Anwesenden aber nur den Rahmen für ein Volksfest abgibt, nimmt das dem Ritual etwas. Dann ist ein Feuer in einem kleinen Kreis mit Menschen, die gleich empfinden, wirkungsvoller.

In welchen Lebenssituationen spielen Rituale eine Rolle?

In allen Zeiten von Übergängen, dem Wechsel von einer Lebenssituation in eine andere. Die Hochzeit ist stark durch Rituale geprägt. Auch Trauerfeiern. Es kann aber auch ein Umzug, eine berufliche Veränderung oder die Einschulung sein.

Wie helfen uns Rituale dann?

Veränderungen gehen meist mit Angst einher. Das Neue, Unbekannte verunsichert. Ein Ritual gibt uns die Gelegenheit, positive Wünsche bezüglich der neuen Lebensphase zu äußern. Und da Rituale immer mit dem Tun verbunden sind, machen sie uns deutlich, was auf uns zukommt. Im Handeln spüren wir uns und unsere Gefühle.

Zum Weiterlesen:

  • „Zeit für Rituale“ von Lore Galitz, Irisiana, 160 Seiten, 14,99 Euro. Einführung in die Praxis der Rituale mit über 20 Beispielen für alle Lebenslagen und Jahreszeiten.
  • „Rituale für jeden Tag“ von Lore Galitz, 112 Seiten, 9,99 Euro. Prall gefülltes Büchlein mit kurzen, einfachen Übungen und rituellen Handlungen für Job, Freizeit, Miteinander und inneres Wachsen.
  • „Die Heilkraft der Feste erfahren“ von Hans Gerhard Behringer, Patmos, 350 Seiten, 19,99 Euro. Der Theologe und Diplom-Psychologe deutet unsere christlichen Feste neu und entwickelt daraus eine Möglichkeit, mehr Freude am Leben zu entwickeln. Mit vielen Übungen.
  • „Verschwundene Bräuche“ von Helga Maria Wolf, Brandstätter, 232 Seiten, 34,90 Euro. Ein Lexikon untergegangener Rituale. Eine reich bebilderte Kulturgeschichte und ein vergnügliches Lesebuch.

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