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Obstbaumblüte

Ohne Bestäubung kein Apfel

Zu Besuch beim Obsthof im Alten Land

Stand: 26.06.2018

Reformhaus® hat sich dem Bienenschutz verschrieben und die Kampagne „Lasst uns Bienen schützen!“ ins Leben gerufen. Die fleißigen Tiere leisten Großes, denn sie bestäuben die Blüten, aus denen Früchte werden – zum Beispiel die leckeren Äpfel aus dem Alten Land nahe Hamburg. Wir wollten mal sehen, wie das Bestäuben im großen Stil funktioniert und haben den demeter Obsthof der Familie Augustin in Jork besucht.

Einmal Richtung Süden durch den Elbtunnel, dann runter von der Autobahn und sich durch die Industrielandschaft des Hafens bewegen, dann noch das Airbus-Gelände bei Finkenwerder umfahren und schon ist man in einer ganz anderen Welt: Obstbäume so weit das Auge reicht, Deiche, Gräben, Flüsschen, Teiche, Kanäle und natürlich die herausgeputzten Obsthöfe mit ihrem Fachwerk und den verzierten Giebeln.

Wir sind mit Katrin Augustin verabredet, deren Familienbetrieb in Jork liegt, im Herzen des Alten Landes, Nordeuropas größtes zusammenhängendes Obstanbaugebiet. 90 Prozent der Anbaufläche sind hier mit Apfelbäumen bepflanzt, zweitwichtigstes Obst sind die Kirschen.

Blühender Klatschmohn entlang der Zufahrt zum Hof der Augustins sieht wunderschön aus, entschädigt aber nur ein bisschen für die verpasste Obstblüte, eine Attraktion, für die manche von ganz weit anreisen. Erst blühen die Kirschen, dann die Äpfel, aber auch die sind jetzt, am 18. Mai, auch schon durch. Wir interessieren uns für die Bienen, die hier eine gigantische Bestäubungsleistung vollbringen müssen und sie auch dieses Jahr wieder vollbracht haben. Davon können wir uns später an den Bäumen überzeugen.

Katrin Augustin, Jahrgang 1957, stammt aus einer Obstbauernfamilie im Nachbardorf und hat in eine eingeheiratet. Sie sagt: „Mir war früh klar, dass ich einen Obstbauern heiraten wollte.“ Sie erzählt uns kenntnisreich und ausführlich über die Geschichte des Obstanbaus im Alten Land, über die Umstellung aus konventioneller Produktion zu bio und weiter bis zur demeter Zertifizierung, über Wandel im Handel und beim Verbrauchergeschmack und überhaupt alles, was mit ihrem Hof zu tun hat. Darüber werden wir später zur Zeit der Apfelernte noch einmal länger berichten. Jetzt aber geht es um die Bienen beziehungsweise die Bestäuberinsekten, ohne die es kein Obst hier gäbe.

Riesenleistung der Bestäuberinsekten

Jedes Jahr werden im Alten Land für die Bestäubung etwa 4.500 Bienenvölker mit insgesamt rund 120 Millionen Bienen benötigt. Eine solche Leistung kann die Natur, also Hummeln, Wildbienen und andere, nicht allein vollbringen.

Die meiste Arbeit erledigen Honigbienenvölker, die zur Blüte in die Plantagen gebracht werden. Die Höfe arbeiten meist seit Langem schon mit lokalen Imkern zusammen. Seit 2016 gewinnt auch die Firma BEEsharing an Bedeutung, ein Start-up aus Hamburg. Bei BEEsharing geht es ums Netzwerken von Imkern, Bieneninteressierten und Landwirten bis hin zur Vermittlung professioneller Bestäubung.

Besonderheit bei den Augustins: Sie haben mit dem Auszubildenden Arndt Sumfleth jemanden, der seine Leidenschaft vor ein paar Jahren für Wildbienen entdeckte und uns zeigen kann, wie er sich um sie kümmert. Von ihm lernen wir einiges über die nützlichen Insekten. So erfahren wir als Erstes, dass für die Birnenblüten die Hummeln zuständig sind. Sie fliegen früh im Jahr aus, auch bei kälteren Temperaturen, was zur frühen Birnenblüte passt. Auch andere Insekten können eingesetzt werden, doch um im Erwerbsanbau die Bestäubung zu der frühen Jahreszeit sicherzustellen, werden gerne Hummeln genommen. Völker der Honigbienen sind meist noch im Aufbau, die gehörnte Mauerbiene fliegt auch früh aus und könnte Birnen bestäuben. 

Wildbienen müssen gehegt werden

Dann geht es um seine Schützlinge, die Wildbienen, genauer um die rote Mauerbiene (lat. Osmia bicornis) und die gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta). Letztere fliegt deutlich eher als die rote Mauerbiene, schon bei Temperaturen von fünf bis sechs Grad im März. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Wildbienen in den Plantagen anzusiedeln. Etwa in einem Insektenhotel mit Bambusröhrchen. Bienen sind wählerisch, für die gehörnte Mauerbiene brauchen die „Hotelzimmer – sprich Röhrchen – circa acht Millimeter Durchmesser, für die rote vier bis sechs Millimeter, die kleine Löcherbiene (Heriades truncorum), die auch in Gärten zu sehen ist, bevorzugt drei Millimeter Röhren. Dann gibt es auch Nisthilfen, quasi „Siedlungen“, mit künstlichen Röhren. Wer sich ein Insektenhotel selbst bauen möchte, so Arndt, sollte unbedingt darauf achten, dass das Reet glatt geschnitten ist und die Röhrchen nicht an den Rändern ausgefranst, sondern glatt sind. Bienen achten sehr darauf, sich ihre Flügel nicht zu verletzten. Verständlich, sie sind lebenswichtig.

Die Mauerbienen lagern Pollen in den Röhrchen ein. Weibchen legen ein Ei an den Pollenvorrat. Daraus entsteht eine Larve, die sich mehrmals häutet und anschließend als Kokon verpuppt. Kokons sind die verpuppten Larven, die Form, in der die Bienen überwintern. Die Männchen liegen vorn, die Weibchen hinten, denn die Männchen fliegen früher im Jahr los. Die Brutzellen werden kontinuierlich verschlossen, denn die Wand zum Verschluss der einen Brutzelle dient gleichzeitig als Rückwand der neuen Brutzelle. Vorne wird der komplette Gang am Ende ordentlich mit Erde verschlossen. Das hält Parasiten fern.

Soweit der Lauf der die Natur. Jetzt der Eingriff des Menschen: Arndt öffnet im Winter die Röhrchen, entnimmt die Kokons, legt sie in verschlossene Schälchen und dann ab damit in die Kühlräume. Lagerung bis zum Frühjahr bei unter drei Grad. So wird verhindert, dass die Bienen bei einer zu frühen Warmphase im Jahr zu fliegen anfangen, ohne dass ein Nahrungsangebot an Blühpflanzen vorhanden ist. Sie wären, ausgehungert wie sie nach dem Winter sind, auf Nahrungssuche programmiert, würden aber nichts finden. Draußen blühen früh zwar die Weiden, aber das würde im Sinne des Obstbaus nicht reichen. Arndt „weckt“ die Bienen, wenn draußen das Nahrungsangebot reicher ist.

Mauerbienen sind standorttreu und haben einen Flugradius von 300 bis 500 m, Honigbienen fliegen mehrere Kilometer und haben so die Chance, mehr Nahrung zu finden. Spannend auch zu erfahren, dass Mauerbienen die Pollen unter dem Bauch transportieren, „so gibt es bei jeder Landung auf der Blüte einen Volltreffer“, so Arndt, Honigbienen tragen den Nektar an den Füßen. Wildbienen haben dadurch eine erheblich höhere Bestäubungseffizienz als Honigbienen. Da macht es dann die Masse. Und die Insekten haben in den Baumreihen in diesem Jahr ganze Arbeit geleistet, davon zeigen die sehr vielen ausgebildeten Fruchtansätze an den Bäumen.

Für die Bieneneinwanderung und auch für die -auswanderung gibt es im Alten Land offizielle Termine. Es existiert eine Übereinkunft der Obstbauern mit den Imkern, dass über Tag während des Bienenflugs keine Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden, auch wenn diese als bienenunschädlich eingestuft sind. Nur zwischen 19:00 Uhr bis 8:00 Uhr darf appliziert werden. Ausnahmen gibt es zum Beispiel bei Regen, wenn die Bienen eh nicht ausfliegen würden. Auch der demeter Hof der Augustins muss sich daran halten, denn auch der Strahl beim Besprühen mit Präparaten könnte den Bienen schaden. 

Der Wildbienenbestand im Alten Land wächst wieder und ist, zumindest auf dem Obsthof Augustin, so gut, dass er sich natürlich fortentwickeln kann. Nisthilfen, so Bienenliebhaber Arndt, werden im Alten Land dennoch immer mehr aufgestellt. Bienenschutz und -hege ist für Obstbauern essenziell. 

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