Rainer Plum und Luisa Neubauer

Dann werdet laut!

Fridays for Future

Stand: 23.12.2019 (23.12.2019)

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Luisa Neubauer, 23-jährige Studentin, Klimaschutzaktivistin und bekannteste Vertreterin der deutschen „Fridays for Future“-Bewegung, war zu Besuch in unserer Redaktion. Im Interview mit Reformhaus® Vorstand Rainer Plum äußert sie sich zu den aktuellen Fragen zum Thema Klimakrise.

Angeregt durch Greta Thunberg und ihre im Sommer 2018 vor dem schwedischen Reichstag begonnenen Aktion „Schulstreik für das Klima“ hat Ende des letzten Jahres eine globale soziale Bewegung streikender SchülerInnen und StudentInnen unter dem Motto Fridays for Future begonnen. Mittlerweile haben sich dieser basisdemokratischen Graswurzelbewegung nicht nur Millionen von jungen Menschen, die um ihre Zukunft auf diesem Planeten bangen, angeschlossen, sondern auch Hunderttausende WissenschaftlerInnen, UnternehmerInnen, KünstlerInnen, Eltern und Großeltern. Ein wesentliches Ziel der „Fridays for Future“-Bewegung ist die Forderung an alle nationalen Regierungen weltweit, alles Erdenkliche dafür zu tun, dass das im Weltklimaabkommen bei der Weltklimakonferenz 2015 in Paris beschlossene 1,5-Grad-Ziel der Vereinten Nationen eingehalten wird.

Luisa Neubauer studiert seit 2015 Geographie an der Georg-August-Universität in Göttingen und engagiert sich seit 2016 in verschiedenen Zusammenhängen für die Rechte zukünftiger Generationen. Seit Ende letzten Jahres ist sie eine der HauptinitiatorInnen der deutschen „Fridays for Future“- Bewegung und die bekannteste Vertreterin dieser politischen Massenbewegung. In zahlreichen öffentlichen Auftritten im Fernsehen, bei Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Talkshows, Online-, Radio- und Zeitungsinterviews vertritt sie nicht nur den Medien, sondern vor allem auch den verantwortlichen PolitikerInnen gegenüber, klar und eindeutig ihre Haltung zur weltweiten Klimakrise und der Dringlichkeit zu handeln.

Wir brauchen vielmehr das Engagement auf der Straße

Ende Oktober 2019 wurde ihr erstes Buch veröffentlicht: „Vom Ende der Klimakrise – Eine Geschichte unserer Zukunft“. Zusammen mit ihrem Co-Autor, dem Politökonom Alexander Repenning, beschreibt sie in zwölf Kapiteln die verschiedenen Aspekte und Auswirkungen der Klimakrise und ihre Antworten dazu. Gerade in den Schlusskapiteln „Informiert Euch!“, „Fangt an zu träumen!“ und „Organisiert Euch!“ ruft Sie alle Menschen und vor allem auch die jüngeren Generationen auf, gemeinsam aktiv zu werden, um der drohenden globalen Katastrophe etwas Substanzielles entgegenzusetzen.

Rainer Plum: Frau Neubauer, wie geht es Ihnen persönlich?
Luisa Neubauer: Gut! Die Freude über das Buch ist groß. Schön, dass es da ist und wir darüber sprechen können, denn da stecken aus zwei Jahren Gedanken drin.

In Ihrem Buch verwenden Sie den Begriff Possibilisten. Was ist eine Possibilistin?
Possibilismus ist etwas ganz Herrliches und rührt aus der Überlegung heraus, mit welcher Haltung können wir der heutigen Zeit, entgegentreten. In einer Zeit die so aufwühlend anmutet, wo multiple Krisen aufeinandertreffen und sich zu einem großen Ganzen vermischen. Wir haben uns gefragt, müssen wir jetzt alle Pessimisten sein, weil die Welt so schlimm scheint, oder müssen wir jetzt fanatische Optimisten sein und irgendwie an das Gute glauben und diese Hoffnung nicht verlieren. Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass sowohl der Optimismus wie auch der Pessimismus schnell zu einer Bequemlichkeitseinstellung werden, denn in beiden Fällen, ob jetzt alles gut oder alles schlecht wird, lehnt man sich im Zweifel zurück, denn es wird ja irgendwie.

Der Possibilismus bietet da eine Alternative. Er geht zurück auf Jakob von Uexküll, den Gründer des alternativen Nobelpreises, der den Possibilismus beschreibt als die Feststellung, was möglich ist und wie viel möglich ist, aber eben dabei auch das Verständnis, dass nichts geschenkt ist und diese Veränderungen auch bewirkt werden müssen von uns allen. Der Possibilismus stellt den aktiven Menschen in den Mittelpunkt, der sich einsetzt für die Veränderungen in der Welt, die er sehen möchte.

Wo war denn Ihr persönlicher Moment, mit dem alles begann?
Fridays for Future. Ich bin schon sehr lange in Themen involviert und engagiert, die klimapolitische und entwicklungspolitische Dimensionen betreffen. Jetzt gerade mit Fridays for Future, warum wir das in Deutschland ins Leben gerufen haben, warum wir das gestartet haben, geht massiv darauf zurück, dass ich mich Mitte letzten Jahres gefragt habe, ob wir eigentlich noch zu retten sind und wenn ja, wie. Es schien nicht mehr selbstverständlich, dass sich an Klimaabkommen gehalten wird, dass junge Menschen gehört werden, dass Umwelt- und Klimaschützer gehört werden. Dann habe ich mich gefragt, wenn darauf kein Verlass mehr ist, dann müssen wir was anderes machen und offensichtlich lauter werden und unbequemer und fordernder und vehementer. Und dann haben wir losgelegt.

Was würden Sie sich von den LeserInnen und KundInnen und uns im Reformhaus® Bereich wünschen?
Sprecht über die Klimakrise wie sie ist, sprecht vor allem auch darüber, welche Lösungen und Auswege es gibt und Möglichkeiten für andere Menschen sich einzubringen. Allen Menschen, die das Gefühl haben, sie möchten auch aus umwelt- oder klimabewegten Gründen im Reformhaus® einkaufen oder dieses Magazin lesen, die würde ich ermutigen, darüber zu reden. Wir müssen darüber reden, was wir tun, warum wir es tun, uns zusammentun. Ein einzelner Mensch, der sich entscheidet, kein Fleisch mehr zu essen, ist im Zweifel ein einzelner Mensch, der kein Fleisch mehr isst.

Aber die ersten Familien, die ersten Wohngemeinschaften, die ersten Klassen, Schulen, Unternehmen, Lehrstätten, Branchen, die sich gesammelt entscheiden, vegetarisch zu werden, können eben nun mal der Beginn einer Bewegung sein. Und ich glaube, in diese Richtung müssen wir viel, viel mehr denken und das, was wir verstehen, was wir tun oder lassen, als Teil von etwas Großem zu verstehen und uns zusammentun mit anderen, um unseren Handlungen tatsächlich Wirkung zu verleihen.

Der Reformhaus® Bereich ist im Bereich vegetarisch / vegan nicht nur Vorreiter, sondern auch gut´aufgestellt…
Dann werdet laut! Ja, laut und deutlich werden und einladend und vehement unbequem. Das brauchen wir nun mal, und es reicht eben nicht zu sagen, wir machen das so gut wir können und gucken dann, wo wir landen. Sondern wir müssen uns an den Ansprüchen der Zeit messen, d.h. auch zu schauen, was muss möglich gemacht werden.

Im Hinblick auf die nächsten großen Klimastreiks, was können wir noch tun?
Streiken! Streikenden Leuten eine Stimme verleihen, Unternehmen aufrufen, sich anzuschließen. Und eben auch zu verstehen, dass Unternehmertum kein Selbstzweck ist. Es geht nicht darum, zu unternehmen um des Unternehmens willen, sondern es geht darum, global betrachtet, dass Menschen glücklich und befreit und selbstverwirklicht im Einklang mit der Natur leben und alt werden können. Und es stellt sich auch die Frage, was ist eigentlich unsere Aufgabe dabei und wie werden wir der gerade gerecht.

Luisa Neubauer, Alexander Repenning: Vom Ende der Klimakrise, Tropen Verlag, 304 Seiten, 18 Euro

Der Schrei des Schmetterlings

... geht zurück auf ein Lied der kalifornischen Rock-Band The Doors mit ihrem charismatischen Sänger und Frontman Jim Morrison, der bereits 1966 in ihrem Song „When the music’s over“ folgenden Text gesungen hat:

Before I sink into the big sleep
I want to hear
The scream of the butterfly

What have they done to the earth?
What have they done to our fair sister?

Ravaged and plundered
And ripped her
And bit her
Stuck her with knives
In the side of the dawn
And tied her with fences
And dragged her down

I hear a very gentle sound
With your ear down to the ground -
We want the world and we want it,
We want the world and we want it, NOW!

Deutsche Übersetzung:

Bevor ich in den großen Schlaf sinke
möchte ich den Schrei des Schmetterlings hören

Was haben sie der Erde angetan?
Was haben sie unserer schönen Schwester angetan?

Verwüstet und geplündert
Und rissen sie auf
Und griffen sie an
Durchstachen sie mit Messern
Im Morgengrauen
Und fesselten sie mit Zäunen
Und zogen sie runter

Ich höre einen sehr sanften Ton
Mit dem Ohr auf den Boden -
Wir wollen die Welt und wir wollen sie,
Wir wollen die Welt und wir wollen sie, JETZT!

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