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Äpfel, aber mit Liebe

Zu Besuch auf dem Hof Augustin

Stand: 26.10.2018 (26.10.2018)

Eigentlich wollten wir nur etwas über die Bienen und ihre Bestäubungsleistung im größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Deutschlands erfahren, aber dann wurde es ein spannender Ausflug in den Demeter zertifizierten Apfelanbau des Obsthofes Augustin im Alten Land. Und den würde es ohne die Bienen eben nicht geben.

Einmal Richtung Süden durch den Elbtunnel, dann runter von der Autobahn und sich durch die Industrielandschaft des Hafens bewegen, dann noch das Airbus-Gelände bei Finkenwerder umfahren und schon ist man in einer ganz anderen Welt: Obstbäume so weit das Auge reicht und herausgeputzte Obsthöfe mit ihrem Fachwerk und den verzierten Giebeln. Wir sind mit Katrin Augustin verabredet, deren Familienbetrieb in Jork liegt, im Herzen des Alten Landes. Im Frühjahr blühen die Kirschen, dann die Äpfel, dann kommen Touristen, bestaunen das Blütenmeer.

Das ist die Zeit, in der die Bestäuberinsekten ganze Arbeit leisten: Jedes Jahr werden im Alten Land für die Bestäubung etwa 4.500 Bienenvölker mit insgesamt rund 120 Millionen Bienen benötigt. 90 Prozent der Anbaufläche sind mit Apfelbäumen bepflanzt (s. dazu auch den Beitrag „Ohne Bestäubung kein Apfel“ ).Frau Augustin bittet uns in der Diele an einen riesigen Tisch, an dem die Großfamilie tafeln kann – Obstanbau im Alten Land ist Familiensache. Katrin Augustin erzählt zunächst aus der Historie: Wie das Alte Land von holländischen Siedlern vor rund 900 Jahren besiedelt, eingedeicht und in der heutigen Struktur vom 13. bis 15. Jh. mit Entwässerungsgräben, alle 16 Meter einer, urbar gemacht wurde.

Meeresklima: Äpfel mit Säure-Kick

Katrin Augustin berichtet von den fruchtbaren, aber schweren Marschböden im Elbe-Urstromtal, die zusammen mit dem milden Meeres-Klima den Bauern gute Erträge und früh Wohlstand brachten und darüber, dass früher die Höfe gemischte Landwirtschaft, mit Viehzucht und Ackerbau betrieben haben. Das Meeres-Klima sorgt übrigens beim Apfel für ein ausgewogenes Zucker-Säure-Verhältnis, „die Äpfel haben den gewissen Säure-Kick und schmecken dadurch besonders gut“, so Frau Augustin. Und damit auch anders als ein sortengleicher Apfel etwa aus Südtirol.

Wenn man über den Obstanbau spricht, kommt man an den Krisen nicht vorbei: Früher machten die Sturmfluten den Bauern zu schaffen, später war es die Überflutung mit billigem Obst. Warum also betreiben die Augustins einen Obsthof mit Demeter-zertifiziertem Bio-Anbau? Frau Augustin sagt, dass es dem Hof in den 80er-Jahren wirtschaftlich nicht gut ging, für ihre Ernte gab es in den Erzeugergemeinschaften nicht mehr Geld als für Äpfel, die mit weniger Arbeit gewonnen wurden. Die Ernten wurden gemischt und gemeinschaftlich vermarktet – zur großen Unzufriedenheit der Augustins.

Ende der 80er-Jahre stellte ein Freund auf Bio-Landbau um. „Das war für uns damals unmöglich, wir sind ja konventionell großgeworden“, so Katrin Augustin. Auf ihr Bitten hin wurden alte Flächen versuchsweise auch bei ihnen auf bio umgestellt – bis 1992 wurde komplett umgestellt. Probleme und Fragen gab es anfangs genug, doch es fehlte die Beratung von außen. Was folgte war ein learning by doing, sehr viel Handarbeit. Im Bio-Landbau sind Kupfer und Schwefel zugelassen, was half, den Schorfpilz in den Griff zu bekommen.

Bis heute haben die Augustins es geschafft, die erlaubte Menge Kupfer pro Hektar auf die Hälte zu reduzieren. Nach drei Jahren gab es Probleme mit Läusen. Da hieß es Nerven behalten. Die Läuse wurden von Nützlingen gefressen, die Äpfel aber waren geschädigt. Aufgefangen wird das mit einem Verkauf von Äpfeln in fünf Qualitäten, von fehlerfreier Tafelware über Äpfel mit Schalenfehlern zu Schäläpfeln, Musäpfeln und bis hin zu Mostäpfeln.

Demeter: viele Stunden Mehrarbeit

Ende der 90er-Jahre kam eine Demeter-Zertifizierung ins Gespräch. Dazu muss man wissen, dass diese Zertifizierung als Kreislaufwirtschaft auf Rudolf Steiner und die Anthroposophie zurückgeht und das Rind als Nutztier ins Zentrum stellt (mehr zum Thema: https://www.demeter.de/). Obstanbau und Gemüseanbau gelten als Sonderbetriebe, die eine Demeter-Zertifizierung bekommen können, wenn sie mit Viehbetrieben kooperieren.

2001 bekamen die Augustins die Anerkennung und wenden seitdem die Demeter-Präparate an und machen Kompostwirtschaft. Abnehmer der Äpfel sind Großhändler für den Naturkost- und Reformwarenhandel. „Nur wenige Läden in Hamburg beliefern wir direkt, wir haben auch keine Direktvermarktung“, sagt Frau Augustin und in ihrer Stimme schwingt Bestimmtheit mit.

Mittlerweile sind zwei Brüder von Frau Augustin als Demeter zertifizierte Produzenten dazugekommen. Als das immer noch nicht reichte, um die Nachfrage zu befriedigen, wurde die Bio Obst Augustin KG 1998 als Handelsbetrieb gegründet, zu dem heute neun Demeter-Betriebe gehören. Im Alten Land sind 15 Prozent der Flächen bio, Tendenz weiter steigend.

Konventioneller Anbau gerät immer stärker unter Preisdruck, da denken auch nicht Öko-Bewegte darüber nach, in den besser bezahlten Bio-Anbau zu wechseln. „Es stellen viele auf bio um, aber wie sie das dann machen, ist natürlich die Frage. Gehen sie auch los und sammeln Löwenzahn oder Baldrian, um daraus Präparate zu machen, wie wir das hier tun? Stopfen sie Hörner mit Kuhmist, buddeln die ein und wieder aus und machen sich dabei den Rücken krumm? Es sind ja viele Stunden mehr Aufwand“, sagt Frau Augustin zum Demeter- Prinzip. „Noch können wir aufklären, für Transparenz und Wertschätzung unserer Arbeit sorgen, aber ob das auf Dauer hält, niemand weiß es.“

Gut zu wissen

Das Sortiment: nur Äpfel und Birnen, aber größere Biodiversität heute als früher im Mischbetrieb. Warum?

  • Vernetzung des gesamten Betriebs mit Blühstreifen
  • Beregnungsteiche durften sich zu Biotopen entwickeln
  • Anpflanzung heimischer Gehölze als Hecken
  • Neues EU gefördertes Projekt für die Zukunft: Puten und Hühner in mobilen Ställen in Obstanlagen. Die sollen die Larven der Schädlinge aus dem Boden picken. Die Kräutervielfalt, circa 50 verschiedene gibt es in den Anlagen, schlägt sich dann auch in der Qualität der Eier nieder.

Für Katrin Augustin ist es indes klar: Demeter ist die Zukunft – dem Boden mit wenigen natürlichen Mitteln Impulse geben, damit sich eine vernünftige Mikroorganismen-Flora entwickelt. Humuswirtschaft gehört hier unbedingt dazu. Bei Augustins gibt es dazu eine 800 Meter lange Kompostmiete. Geeignet für den Kompost, der gepflegt werden muss, ist alle organische Substanz. Wird der Kompost zu heiß, sterben die Mikroorganismen. Neu angelegter Kompost braucht vier bis sechs Monate, bis er verwendbar ist. Die Bodenqualität, so Frau Augustin, habe sich durch den Demeter-Anbau verbessert – bessere Entwicklung der Feinwurzeln und das Abpuffern von Wetterextremen sind positive Effekte.

Nach dem Erzählen geht’s raus. Wir konnten erleben, worum es in diesem Anbau geht, haben an Kompost, getrocknetem Kuhmist in Hörnern geschnuppert und Biotope inmitten langer Baumreihen gesehen. Wir wissen nun, Demeter-Erzeugung macht viel Arbeit. Die macht nur, wer überzeugt ist: Äpfel, mit Liebe gemacht! Eine Frage bleibt: Warum sehen die Apfelbäume im Alten Land nicht wie Bäume aus? Frau Augustin: „An den großen Bäumen hängen 80 Prozent der Äpfel im Schatten, nur 20 Prozent  in der Sonne. Bei den kleineren Bäumen haben wir 80 Prozent in der Sonne, nur 20 Prozent  im Schatten. Und die Qualität der Äpfel ist besser, sie werden besser mit Nährstoffen versorgt, sind länger lagerfähig. Klar, wir haben hier eine Kultur-, keine Naturlandschaft. So ist es immer gewesen, sie ist von Menschen geschaffen.“

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