Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie diese Website weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.

Schwangere Frau

Hebamme verzweifelt gesucht

Eine Bestandsaufnahme

Stand: 29.04.2019 (29.04.2019)

Kaum halten sie den positiven Schwangerschaftstest in der Hand, glücklich und überwältigt, geht für die werdende Mutter auch gleich die Suche nach einer Hebamme los, die sie durch die Schwangerschaft begleitet, die Geburt betreut und sie im Wochenbett versorgt. Mancherorts ist sie in der vierten, fünften Woche schon fast zu spät dran…

Was macht eine Hebamme

In Deutschland steht jeder Schwangeren die Betreuung durch eine Hebamme gesetzlich zu (SGB V, Art. 1, § 24d, Ärztliche Betreuung und Hebammenhilfe). Die Kosten werden von den Krankenkassen getragen. Die Unterstützung durch eine freiberufliche Hebamme bietet eine sinnvolle Ergänzung zu den ärztlichen Leistungen: Sie ist die Fachfrau rund um Schwangerschaft, Geburt und die Zeit danach. Sie kann von Anfang an alle Mutterschaftsvorsorge-Untersuchungen inklusive Blutabnahme durchführen und diese im Mutterpass, den jede Frau bei Feststellung einer Schwangerschaft erhält, dokumentieren. Nur die Ultraschalluntersuchungen macht der Frauenarzt.

Die Hebamme ist die kompetente Ansprechpartnerin bei allen Fragen, Sorgen und Ängsten, bereitet auf die Geburt vor, begleitet die Geburt im Krankenhaus, im Geburtshaus oder Zuhause, betreut die junge Familie im Wochenbett (beobachtet die Rückbildungs- und Abheilungsvorgänge der Mutter, schaut auch nach dem psychischen Wohl der Frau, guckt nach der Entwicklung des Kindes und der Beziehung zwischen Mutter und Kind) und unterstützt rund um das Thema Stillen / Ernährung. Die Hebamme kommt bis zu zwölf Wochen nach der Geburt nach Hause. Auch drüber hinaus besteht ein Anspruch auf Hebammenhilfe: bis mindestens ein Jahr nach der Geburt bzw. bis zum Ende der Stillzeit – das ist individuell zu regeln.

Unterschiedliche Möglichkeiten der Hebammenbetreuung

Da längst nicht mehr jede Hebamme alle Leistungen anbietet, sollten sich werdende Mütter erst einmal darüber klar werden, was sie sich wünschen und brauchen:

  • Eine Hebamme, die die Vor- und Nachsorge macht, aber nicht bei der Geburt sein muss, weil bei der Geburt dann eine im Krankenhaus angestellte Hebamme dabei ist (Achtung: Schichtwechsel inklusive).
  • Eine sogenannte Beleghebamme, die sowohl die Vor- und Nachsorge macht und auch die Geburt im Krankenhaus begleitet (hier kommen für die Rufbereitschaft zusätzliche Kosten auf die werdenden Eltern zu).
  • Eine Hebamme, die nur zur Nachsorge, also ins Wochenbett (so werden die ersten acht Wochen nach der Geburt eines Kindes bezeichnet, die dem gegenseitigen Kennenlernen, der Genesung der Mutter und des Ankommens im neuen Familienalltags dienen) kommt;, da während der Schwangerschaft alle Vorsorgetermine vom Gynäkologen / Gynäkologin oder in Kooperation einer dort ansässigen Hebamme gemacht werden.
  • Eine außerklinisch arbeitende Hebamme für Hausgeburt oder eine Geburt im Geburtshaus.

Film-Tipp:

Je früher, desto besser

Doch wer nun weiß, welche Art der Hebammenbetreuung für den eigenen Anspruch die richtige ist, steht nun vor der Aufgabe, eine solche Hebamme zu finden: Denn obwohl viele Frauen gar nicht wissen, dass ihnen die Betreuung durch eine Hebamme zusteht, finden dennoch viele andere keine Hebamme mehr, die ihre Schwangerschaft begleiten kann. Nicht selten kontaktieren schwangere Frauen weit über 50 Hebammen, bevor sie, wenn sie Glück haben, eine Hebamme finden, die ihnen eine Zusage gibt.

Gerade in Großstädten und in geburtsstarken Vierteln kann die Suche nach einer Hebamme ziemlich zermürbend sein. Wer früher anfängt, hat sicher mehr Chancen, aber aufwendig ist es allemal. Wenn dann der Geburtstermin noch auf Feiertage wie Weihnachten oder in die Ferienzeit fällt, dann wird es noch einmal schwieriger. Aber auch auf dem Land oder in Kleinstädten sieht die Lage kaum entspannter aus.

Wer heute eine Hausgeburt machen möchte, muss sich am besten schon in der Kinderwunschphase schlau machen, denn Hebammen, die noch Hausgeburten betreuen, sind noch rarer gesät. Auch die Plätze in Geburtshäusern sind begrenzt, eine frühzeitige Kontaktaufnahme lohnt sich.

Viele Hebammen bieten auch Kurse wie Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungsgymnastikkurse an – auch hier zahlt sich frühes Kümmern aus, denn auch diese Plätze sind begehrt und schnell ausgebucht.

Mehr Geburten, zu wenig Hebammen

Fakt ist, dass wieder mehr Kinder in Deutschland geboren werden. Seit 2012 steigen die Geburtenzahlen wieder an, so kamen 2017 knapp 785.000 Babys lebend auf die Welt (im Vergleich 2011: 663.000 Lebendgeburten, Quelle: Statistisches Bundesamt). Die meisten Geburten (über 98 Prozent, Quelle: Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe e.V.) finden heutzutage in Krankenhäusern statt.

Doch leider ist die Lage in der Geburtshilfe nicht adäquat auf den Anstieg der Geburten angepasst: Rund 24.000 Hebammen (seit 2010 liegt die Zahl der Hebammen recht stabil bei über 20.000, Quelle: Statista) stehen den werdenden Müttern mit ihren Diensten zu Verfügung. Nicht schlecht, könnte man vielleicht erstmal denken. Wenn jede Hebamme rund 35 Frauen pro Jahr betreuen würde, käme es wohl knapp hin.

Doch wenn man genauer hinter die Zahlen schaut, sieht man Folgendes: Von der Gesamtzahl der Hebammen arbeiten 70 bis 80 Prozent freiberuflich – in Voll- oder hauptsächlich in Teilzeit und mit unterschiedlichem Leistungsangebot. Und über 70 Prozent der in Krankhäusern angestellten Hebammen arbeiten in Teilzeit. Die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage ist also kaum verwunderlich.

Hebammenmangel in Deutschland

Schauen wir uns die Situation einmal genauer an: In vielen Kliniken herrscht akuter Personalmangel, freie Stellen können nicht nachbesetzt werden. Was sind die Gründe? Zum einen entscheiden sich immer weniger Menschen (es gibt auch ein paar wenige männliche Hebammen) dazu, eine Ausbildung als Hebamme zu absolvieren – auch weil die Arbeitsbedingungen sind, wie sie sind (geringe Bezahlung, Work-Life-Balance, steigende Haftpflichtversicherung etc.). Zum anderen wollen immer weniger Hebammen in Klinken arbeiten, weil die Zustände mit bis zu drei oder mehr gleichzeitig zu betreuenden Geburten, steigendem bürokratischen Aufwand, schlechter Bezahlung usw. kaum mehr tragbar sind. Ein Teufelskreis.

Vielerorts schließen außerdem wegen fehlender Rentabilität (60 Prozent der Geburtsstationen können nicht kostendeckend arbeiten; interventionsfreie Geburten bedeuten gar einen wirtschaftlichen Verlust für die Klinik) und dem Mangel an Hebammen die Kreißsäle komplett oder auch nur vorübergehend, beispielsweise rund um Feiertage. Dies führt dazu, dass Frauen besonders in ländlichen Regionen weite Strecken bis zum nächsten Kreißsaal zurücklegen müssen. Es wird auch berichtet, dass Kliniken Frauen mit Geburtswehen abweisen müssen, weil das nötige Personal fehlt.

Man könnte meinen, dass Gebärende die schlechte klinische Betreuungssituation durch die Wahl einer Beleghebamme, die eine 1 zu 1 Betreuung unter der Geburt ermöglicht, ausgleichen könnten – doch immer weniger freiberufliche Hebammen bieten diese Leistung heute noch an.

Generell ist diese unzureichende Betreuung während der Geburt eine Gefahr für Mutter und Kind. Dies führt zu vermehrten Komplikationen, Interventionen und steigenden Kaiserschnittraten.

Wer sein Kind gar nicht im Krankenhaus entbinden möchte und eine Hausgeburt oder eine Geburt im Geburtshaus vorzieht, steht aktuell vor dem Problem, eine Hebamme zu finden: Immer mehr Hebammen geben die außerklinische Geburtshilfe auf; in vielen Regionen findet sich mittlerweile keine einzige Hebamme mehr, die eine Hausgeburt macht.

In den Jahren 2009 bis 2013 haben viele hebammengeleitete Geburtseinrichtungen ihre Türen geschlossen. Auch wenn die Zahl der Geburtshäuser wieder leicht ansteigt, kann die große Nachfrage durch steigende Geburtszahlen und den Wegfall von Beleggeburten jedoch nicht gedeckt werden.

Das Recht auf freie Wahl des Geburtsortes ist für viele Frauen nicht mehr gegeben. Eine flächendeckende sichere Versorgung wird abgebaut.

Gründe für die desolate Situation der deutschen Geburtshilfe

Stetig steigende Anforderungen an freiberufliche und angestellte Hebammen führen dazu, dass dieser wichtige und schöne Beruf seine Attraktivität verliert. Abgesehen von der schlechten Vereinbarkeit von Beruf und Familie (Rufbereitschaft, Geburtsbegleitung ist schlecht planbar etc.), der schlechten Vergütung der Hebammenleistungen, die nicht dem Aufwand und der Verantwortung entsprechen und der hohen Arbeitsbelastung besonders in Kliniken, kommen noch gesetzliche, bürokratische und von Schwangeren gewünschte Anforderungen hinzu, wie beispielsweise:

  • Hebammen machen nun, bedingt durch den Wegfall vom einst unterstützenden Familiengefüge, zwölf statt nur sechs Besuche im Wochenbett
  • Steigende Haftpflichtprämien (2000: 413 Euro, 2010: 3.689 Euro, 2018: 8.170 Euro, Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV) e.V.), die die Hebammen an die Versicherungen zahlen müssen, führen dazu, dass die Hebammen von ihrem Beruf kaum mehr leben können. Hintergrund: Bessere und längere Versorgung geschädigter Kinder, was die Kosten für freiberufliche Hebammen, aber auch die Krankenhäuser in die Höhe treibt.
  • Freiberufliche Beleghebammen dürfen seit 2018 i.d.R. nur noch zwei Frauen gleichzeitig bei der Geburt betreuen und dafür Leistungen abrechnen, sodass auch hier die Wirtschaftlichkeit kaum mehr gegeben ist.
  • Der Sicherstellungszuschlag, den die Krankenkassen den Hebammen zur Entlastung zahlen sollen, ist mit zusätzlichem bürokratischem Aufwand verbunden und wird erst verzögert ausgezahlt.

Friede, Freude, Frustration

Dies alles hat ganz individuelle Auswirkungen auf Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Diese fragile Zeit wird durch fehlende Hebammenunterstützung zunehmend medizinisiert und in den Zustand von „Krank-Sein“ gedrängt. Das intuitive Wissen der Frau und ihres Körpers, wie Geburt und Mama-Sein funktionieren, geht mehr und mehr verloren, wenn Hebammen diese Kräfte nicht mehr fördern und unterstützen können. Durch den Hebammenmangel geht Frauen das Recht auf eine selbstbestimmte Geburt und einen frei gewählten Geburtsort verloren, denn wo es an Orten und Personal mangelt, muss es schnell gehen, damit alle an die Reihe kommen. So ist es kaum verwunderlich, dass die Kaiserschnittraten steigen, natürliche Geburten abnehmen.

Auch zu Hause im Wochenbett sind die frischen gebackenen Familien ohne eine Hebamme auf sich allein gestellt, können bestenfalls zum Hörer greifen und sich telefonischen Rat (gegen Bezahlung) bei unterschiedlichen Anbietern einholen. Immerhin, mag man denken, doch kann das auch keine langfristige Lösung sein! Oder sie müssen mit ihrem Neugeborenen und vielleicht einer frischen Bauchwunde nach einer großen Bauch-OP, die ein Kaiserschnitt ist, zu einer Wochenbettsprechstunde (wo Hebammen die sonst zu Hause stattfindenden Leistungen anbieten) oder zurück ins Krankenhaus gehen. So werden Stillprobleme versucht zum Beispiel mittels YouTube-Videos zu lösen… Die sensible Phase des Wochenbettes wird ohne die Betreuung einer Hebamme vor Ort unnötig gestört, führt zu Stress und hindert Genesung, Bindung und Ankommen.

Es ist nicht egal, wie wir geboren werden und die Arbeit der Hebammen ist so wichtig, dass wir ihre Arbeit nicht genug schätzen und unterstützen können. Es ist viel zu tun!

Was können Sie tun

  • Kontaktieren Sie Ihre Krankenkasse und bitten Sie um Unterstützung: Missstand unbedingt rückmelden!
  • Bei Verweis von Krankenkassen an Wochenbettsprechstunden, rückmelden, dass sie kein adäquater Ersatz für die Arbeit einer Hebamme sind.
  • Landkarte der Unterversorgung: Hier können Sie eintragen, wenn Sie keine Hebamme finden oder eine Hebammenleistung nicht verfügbar ist.
  • Lieber Jens: Schreiben Sie dem Bundesgesundheitsminister eine Nachricht (fertiger Text oder selbst formuliert) über Ihre persönliche Erfahrung bei der Hebammensuche. 
  • Mother Hood: Unterstützen Sie die Bundeselterninitiative, die sich seit 2015 für bessere Bedingungen rund um Schwangerschaft, Geburt und die erste Elternzeit einsetzt. 

Hilfreiche Links und weiterführende Infos

  • Deutscher Hebammenverband e.V.: Interessenvertretung von angestellten und freiberuflichen Hebammen, Lehrerinnen für Hebammenwesen, Wissenschaftlerinnen, Familienhebammen, Hebammengeleiteten Einrichtungen und werdenden Hebammen
  • hebammensuche.de: Bundesweites Verzeichnis für Hebammen und Geburtshäuser
  • vonguteneltern.de: Blog von einer Hebamme und einem Kulturredakteur rund um Eltern-Gedanken und Hebammen-Wissen

Empfehlen über:

Weiterscrollen, um zum nächsten Artikel zu gelangen