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„Wer heilt, hat Recht“

Ganzheitlicher Ansatz

Stand: 20.11.2019

Prof. Dietrich Grönemeyer, prominenter Verfechter einer wissenschaftlich begründeten ganzheitlichen Medizin plädiert für den Einsatz von Heilpflanzen zur unterstützenden Therapiebegleitung.

Reformhaus®: Herr Professor Grönemeyer, Sie beschreiten seit Jahren einen Weg, der die moderne Schulmedizin mit den traditionellen Heilmethoden aus aller Welt verbindet. Als Synthese ist nicht zuletzt das vielbeachtete Buch „Weltmedizin“ entstanden. Welchen Stellenwert nehmen die Heilkräuter in diesem Kontext ein?
Prof. Dietrich Grönemeyer: Sie waren die ersten Medikamente, über die unsere Vorfahren verfügten. Nur mit dem, was in der freien Natur wuchs, konnten sie Schmerzen lindern und Krankheiten heilen. So hat sich über die Jahrtausende ein Erfahrungsschatz angesammelt, der es erlaubte, bestimmte Kräuter, Samen und Wurzeln immer gezielter einzusetzen. Auch die Schulmedizin hat davon profitiert. Der Wirkstoff des Aspirin, die Acetylsalicylsäure, wurde zunächst aus der Weidenrinde gewonnen, später synthetisiert.

Wird die oft technisch ausgerichtete Medizin, die an den Hochschulen gelehrt wird, dem Menschen noch gerecht?
Für mich als Schulmediziner ist das keine Frage. Selbstverständlich wird sie ihm gerecht. Was wir dem schulmedizinischen Fortschritt verdanken, kann man nicht hoch genug schätzen. Epidemien wurden besiegt. Krankheiten, die früher zum Tode führten, sind heute heilbar wie die Tuberkulose oder das Kindbettfieber, Pest, Pocken und andere mehr. Organe bis zum Herz, Haut oder Zellen können wir verpflanzen. Moderne Diagnoseverfahren, vom Röntgen bis zum MRT, eröffnen uns den Blick in das Körperinnere und damit eine sehr genaue Diagnose sowie die Früherkennung drohender Krankheiten. Das alles haben wir der Schulmedizin, nicht der Naturheilkunde zu verdanken, einerseits.

Andererseits haben wir, fixiert auf den naturwissenschaftlichen Fortschritt, allzu oft Wesentliches aus dem Auge verloren. Ich meine die Kraft der Pflanzen in unserer Ernährung genauso wie zur Behandlung von Volkskrankheiten in der Frühphase. Auch die Tatsache, dass Körper, Seele und Geist eine Einheit bilden, haben wir Ärzte mehr und mehr aus dem Blick verloren. Nur wenn wir uns auf jeden Patienten individuell einlassen und Erkrankungen früh erkennen, lassen sich auch die besten Behandlungserfolge erzielen, zunächst mit Hausmitteln und traditionellen Heilweisen. Insofern mag es schon sein, dass die akademische Medizin dem Menschen nicht immer gerecht wird. Die Regel ist das aber keineswegs.

Warum ist es wichtig, auch traditionelle Heilverfahren zu berücksichtigen?
Weil sie in vielen Fällen, zumal bei leichteren Erkrankungen oder auch additiv zu schulmedizinischen Behandlungskonzepten hilfreich sind und meist schonender für den Patienten. Meine Behandlungsdevise ist „von leicht nach schwer“, also immer mit dem am wenigsten Belastenden anfangen. Niemand kann in der Heilkunst den Anspruch erheben, über das allein selig machende Wissen zu verfügen. Das absolute Gehör gibt es nur in der Musik. Alle Therapeuten sind gehalten, voneinander zu lernen. Mein Credo lautet: Wer heilt, hat recht.

Sie verfolgen einen ganzheitlichen medizinischen Ansatz. Hat Ihre Tochter Sie überzeugt, dass auch die Phytotherapie ein wichtiger Aspekt ist oder war es eher umgekehrt oder ganz anders?
Das ist die alte Frage danach, was zuerst da war: die Henne oder das Ei. Doch im Ernst, natürlich habe ich mich in den letzten Jahren gerade auch von dem Wissen meiner Tochter anregen lassen. Wir ergänzen uns gegenseitig. Sie verfügt als Psychologin und Naturheilkundlerin über fundierte Kenntnisse im Bereich der Phytotherapie, der Pflanzenheilkunde, ich über die Kenntnisse und Erfahrungen eines praktizierenden, auch forschenden Schulmediziners und Wissenschaftlers. Wir sind ein Team.

„Beschwerden immer von leicht nach schwer behandeln.“

Prof. Dietrich Grönemeyer

Soll Ihr Buch ein Anreiz für Menschen sein, ihre Gesundheit wieder selbst in die Hand zu nehmen, sich für sich selbst verantwortlich fühlen?
Richtig, genau deshalb haben wir das Buch geschrieben. Denn jeder ist zunächst selbst für seine Gesundheit verantwortlich. Wir Ärzte können ihm nur helfen, beistehen oder ihn in Notfällen retten. Das wusste schon Paracelsus, einer der großen Mediziner und Humanisten des Renaissance-Zeitalters.

Viele Menschen leiden unter chronischen Gesundheitsbeschwerden und greifen dann zu freiverkäuflichen Schmerztabletten mit dem Risiko starker Nebenwirkungen und einem Gewöhnungseffekt. Wo sehen Sie hier Chancen der Phytotherapie?
Werden Schmerzmittel längerfristig oder gar ständig eingenommen, besteht tatsächlich die Gefahr, dass die erhoffte Wirkung nachlässt. Schlimmstenfalls kann es zur Schädigung von Organen wie der Leber, des Magens, der Nieren oder einer Abhängigkeit kommen. Insofern ist von vornherein Vorsicht geboten. Deshalb sollte die Behandlung stets nach der Methode „von leicht nach schwer“ erfolgen. Und pflanzliche Heilmittel sind nun mal ein weniger schweres Geschütz. Nebenwirkungen treten eher selten auf, wenngleich sie nie ganz auszuschließen sind. Aber sicher muss man nicht bei jeder Erkältung sofort zu Antibiotika greifen.

In der Regel tut es auch ein Tee mit antibiotisch wirkenden Bestandteilen von Thymian, Kapuzinerkresse, Meerrettich, Lindenblüten oder Senfölen. Eine Einreibung mit Kräuterextrakten wie Minze-Campher oder Thymian kann den Hustenreiz lindern. Wickel senken das Fieber ebenso wie Mädesüß, Weidenrinde oder Lindenblüten. Allerdings sind die Phytotherapeutika auch nicht die Allheilmittel, als die sie mitunter angeboten werden. In leichteren Fällen helfen sie aber gleich zweifach. Erstens können sie zur Heilung führen und zweitens ersparen sie dem Körper die Belastung durch stärkere, synthetisch erzeugte Medikamente. Wenn sie aber nicht anschlagen, wenn zum Beispiel das Fieber trotz allem steigt, der Husten oder Schmerzen zunehmen, muss unbedingt ärztlicher Rat eingeholt werden.

Bei welchen Erkrankungen würden Sie selbst auch erst mal zur Heilpflanze greifen?
Bei dem sprichwörtlichen Husten und Schnupfen mit Salbei, Thymian, Pfefferminze oder Senfölen. Bei Fieber mir Wadenwickel, Arzneien mit Weidenrinde oder Mädesüß, bei Übelkeit mit Ingwer und Heilerde, bei Magen- und Darmproblemen wie Völlegefühl, Blähungen oder Bauchschmerzen mit Kümmel, Kurkuma, Kamille oder Melisse, bei Hautentzündungen mit Aloe vera oder Kamille, bei leichten Infekten mit Sonnenhut, mit Kapuzinerkresse bei Harnreizungen. Bei Muskelverspannungen, Rücken und Gelenkschmerzen hilft gut Weidenrinde, Mädesüß oder auch Pfefferminzöl und Teufelskralle.

Welche Heilpflanzen empfehlen Sie präventiv zur allgemeinen Gesunderhaltung oder zur Stärkung des Immunsystems?
Da gibt es eine breite Palette. Schon mit den Gewürzen, die wir dem Essen beigeben, können wir für eine gesunde Verdauung und die Stärkung unseres Immunsystems sorgen. Kümmel zum Beispiel tut dem Darm ausgesprochen gut. Extrakte der verschiedenen Kresse- und Rettichsorten, Senf oder Knoblauch wirken antibiotisch.

Welche Heilpflanzen sind auch für Säuglinge und Kleinkinder geeignet?
Kamillen- oder Zaubernusspräparate helfen gut gegen wunde Haut, mit verdünnter Melisse lässt sich gut der Bauch mit Massagen bei Blähungen beruhigen. Alles Weitere, besonders die innerlichen Anwendungen gehören in kompetente kinderfachärztliche Behandlung.

„Jeder Mensch ist selbst ein kleiner Medicus oder eine kleine Medica.“

Prof. Dietrich Grönemeyer

Welche Heilpflanzen begeistern Sie persönlich besonders und warum?
Ich könnte jetzt darauf verweisen, dass ein Minzöl, trägt man es auf die Schläfen auf, gut gegen Kopfschmerzen ist. Mir hat das immer wieder in meinem Leben bisher geholfen, da es dank der ätherischen Öle kühlend und entspannend wirkt. Thymian wiederum enthält antibiotische Wirkstoffe und kann daher bei Bronchitis und Husten, Salbei bei Halsentzündungen und Sonnenhut bei beginnenden Infekten helfen. Diese Wirkungen kenne ich seit meiner Kindheit. Und, und, und … Wollte ich jetzt alles aufzählen, würde das den Rahmen des Interviews sprengen. Immerhin umfasst das Buch, das ich zusammen mit meiner Tochter Friederike zu dem Thema geschrieben habe, rund 400 Seiten.

Haben Sie selber schon mal Kräuter gesammelt – trotz Ihrer begrenzten Zeit?
Ja, das kann sogar großen Spaß machen. Man lernt dabei viel über die Natur. Allerdings sollte man auch über gewisses Grundwissen verfügen. Denn nicht alles, was in Wald und Feld wächst, ist genießbar. Außerdem stehen viele Pflanzen unter Naturschutz. Wer ihre Blätter pflückt oder sie gar mit Stumpf und Stiel ausreißt, macht sich strafbar. Besser ist es, sich ein kleines Kräuterbeet im eigenen Garten oder auf dem Balkon anzulegen. Auch auf dem Fensterbrett kann man manches ziehen, Kresse, Salbei, Pfefferminze oder Petersilie zum Beispiel.

Gibt es bei uns noch neu entdeckte Heilpflanzen oder breiten sich durch den Klimawandel vermehrt mediterrane Arten bei uns aus?
Thymian etwa, ursprünglich rund um das Mittelmeer beheimatet, wächst heute in vielen unserer Gärten, auch Basilikum oder Kapuzinerkresse sind nördlich der Alpen angekommen. Weiteres, das bisher als exotisch galt, wird dazukommen. Dafür sorgt erstens die Globalisierung, die uns mit vielem bekannt macht, was wir noch nicht kennen; und zweitens die Klimaerwärmung, die wenigstens in diesem Fall etwas Positives bewirken würde.

Was würden Sie sich von einem Hausarzt wünschen?
Erst einmal möchte ich den Hausärzten und Hausärztinnen wünschen, dass ihre Arbeit in unserem Gesundheitssystem so anerkannt wird, wie sie es verdienen. Schließlich sind sie diejenigen, die ihre Patienten und Patientinnen besser kennen als all die Fachärzte, die dann nur gelegentlich eingreifen. Bei den Hausärzten darf sich der Patient noch aufgehoben fühlen, weil sie ihn als die Einheit von Körper, Seele und Geist begreifen. Das hat sie immer ausgezeichnet. Unterdessen aber stehen selbst die Hausärzte unter einem Zeitdruck, der das zunehmend schwieriger macht. Nicht zu reden von der vergleichsweise schlechten Honorierung durch die Kassen. Jeder Handwerker bekommt für einen Hausbesuch mehr als der Hausarzt.

Was von den PatientInnen?
Dass sie ihrem Körper und ihrer Seele wieder mehr Aufmerksamkeit schenken, ihnen sozusagen liebevoller begegnen, statt den Körper als eine Maschine zu betrachten, die man wie das Auto gelegentlich zur Inspektion bringt und notfalls reparieren lässt. Jeder Mensch ist selbst eigentlich ein „Kleiner Medicus“ oder eine „Kleine Medica“.

Und für die Medizin von morgen?
Dass sie sich nicht auf diese oder jene Schule versteift, sondern alles nutzt, was dem Patienten hilft. Gleich, ob es sich um naturheilkundliche, alternative, psychologische Verfahren oder die neusten Methoden der Hightech-Medizin handelt. Die Menschen haben einen Anspruch darauf.

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