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Frau schaut zum Fenster

Zur rechten Zeit

Ein Leben nach der inneren Uhr

Stand: 19.02.2019

Unser Körper tickt in seinem eigenen Takt. Den erforscht die Chronobiologie. Denn nur ein Leben nach der inneren Uhr fördert Gesundheit und Gelassenheit.

Schuhe kauft man nicht am frühen Vormittag. Denn dann könnten die neuen Sneaker am Spätnachmittag zu eng werden. Woran das liegt? An der Durchblutung und daran,dass die Füße, wenn sie einige Stunden aktiv waren, eben dicker sind als am Morgen. So wie mit den Füßen ist es mit dem Rest des Körpers auch. Er verändert sich im Laufe des Tages. Kreislauf, Herz, Leber und alle anderen Organe unterliegen einem Tagesrhythmus, arbeiten mal mehr, mal weniger intensiv. Das spüren wir gerade auch jetzt, wenn wir uns über längere Tage freuen.

Denn mehr Licht bedeutet für die meisten, dass sie leichter aus den Federn kommen, aktiver und fitter sind. Die Antriebsarmut in der dunklen Jahreszeit hat nichts mit Phlegma oder Faulheit zu tun, sondern ist ein Fakt: Unser Organismus wird vom Wechsel von Licht und Dunkelheit gesteuert – und dagegen können wir gar nichts tun. Das innere Uhrwerk läuft autonom. So wie Blumen ihre Kelche am Morgen öffnen und Vögel anfangen zu singen, so regt Morgenlicht das Wachwerden des Menschen an. Das hängt mit den Hormonen zusammen. Licht stimuliert die Hormone Cortisol und Serotonin, die Blutdruck, Herzschlag, Muskelkraft, Sehschärfe sowie unsere geistige Konzentration anregen. Unser Auge nimmt das helle Tageslicht mit hohem Blauanteil über Rezeptoren wahr – auch durch das geschlossene Lid.

Zu viel helles Kunstlicht, Fernseher- oder Laptop Blau-Licht, aber zu wenig Tageslicht, bringen die innere Uhr aus dem Takt und uns um den Schlaf.

Dämmerung und Dunkelheit wiederum regen das Schlafhormon Melatonin an. Es bremst Aktivität, fährt die Körperfunktionen zurück und bringt Schlaf. Im Sommer brauchen wir deshalb weniger Schlaf, im Winter fühlen wir uns müder, gehen früher ins Bett – jedenfalls dann, wenn alles natürlich zugeht. Doch das ist in unserer Zeit nur selten der Fall. Straßenlaternen, Zimmerlampen, Fernsehen und Arbeit bei Kunstlicht entfremden uns diesem natürlichen Leben. Alle, die nachts oder in Schicht arbeiten müssen, sind besonders davon betroffen: Der normale Rhythmus ist aus dem Lot. Tagsüber bekommen viele zu wenig Licht, abends vor dem Fernseher und durch helle Lampen zu viel Licht, um langsam abzuschalten. Die Zeitumstellungen von nur 60 Minuten im März und Oktober sorgen zusätzlich für einen Mini-Jetlag. Diese Dysbalance wirkt sich auf die Gesundheit aus. Seit den 1990er-Jahren erforscht die Chronobiologie die Folgen: Müdigkeit, Unkonzentriertheit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Finnische Mediziner fanden heraus, dass in den zwei Tagen nach der Zeitumstellung das Risiko für Schlaganfälle höher ist. Auch eine deutsche Studie befasste sich mit Auswirkungen auf Herzkrankheiten. Das Infarktrisiko erhöhte sich in den ersten Tagen nach der Umstellung. In Israel ergab eine weitere Studie, dass die Zeitumstellung die Darmflora aus dem Rhythmus bringen kann. Der regelmäßige Tag-Nacht-Rhythmus hat offenbar weitergehende Auswirkungen als vermutet.

Leben im Takt mit sich selbst. Wie soll das denn gehen, wenn Arbeitsbeginn um acht Uhr ist und die 30 Minuten Mittagspause gerade für die Kantine mit Neonbeleuchtung reicht? Der Chronobiologe Till Roenneberg rät: „Die Menschen müssen dafür sorgen, dass sie nachts kein Licht und tagsüber viel Licht von draußen bekommen.“ Heißt: schon einmal eine Station eher aussteigen und laufen, so oft wie möglich nach draußen gehen. Lichtduschen auf dem Schreibtisch, die Tageslicht imitieren, können die Tage heller machen. In den skandinavischen Ländern gibt es sogar Lichtcafés und an den Haltestellen Lampen mit hohen Luxwerten – sozusagen zum Auftanken von Tageslicht. Abends sollten wir Laptop und Handy weglegen und den Fernseher möglichst oft ausschalten. Diese Geräte strahlen mit einem hohen Blaulichtanteil, der wie Morgenlicht wirkt und deshalb wachhält. Denn das blaue Licht signalisiert dem Körper: Es ist Tag und verhindert so die Produktion des Schlafhormons Melatonin. Und das stellt der Körper nachts in achtfacher Höhe her als am Tag. Die Ruhephase ist deshalb so wichtig, weil nachts alle Regenerations- und Reparaturmechanismen der Zellen ablaufen.

Auch die – von den Deutschen ungeliebte – Zeitumstellung, die am 31. März wieder ansteht, trägt zu einem verschobenen Rhythmus bei. Mediziner raten: Möglichst schon einige Tage vorher auf die neue Zeit eingehen und früher aufstehen, damit sich der Körper angleichen kann. Auch Gewohnheiten wie die Einnahme von Medikamenten, die Mahlzeiten oder Fütterungszeiten des Hundes peu-à-peu an die neue Zeit anpassen. Neben dieser äußeren „sozialen“ Zeit, verfügt jeder Mensch über seinen eigenen zirkadianen Rhythmus innerhalb von 24 Stunden, der nicht nur den Schuhkauf beeinflusst. In ihm kehren alle Abläufe wie Schlafen, Essen, Verdauung wieder und funktionieren sämtliche Organe. Dabei geht es immer um Ruhen und Aktion, ein Auf und ein Ab. Nur wer diesen natürlichen Wechsel beachtet und seine Lebensweise nicht überstrapaziert, kann gesund leben und in Harmonie mit sich und der Umwelt bleiben.

Lesen Sie gleich hier weiter zum Thema "Wann ist was aktiv?"

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