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Frau macht Wechselatmung

Tiiiiieeeef Luft holen!

Endlich durchatmen

Stand: 02.04.2020 (02.04.2020)

Atemlos durch die Nacht? Bloß nicht! Erst wenn unser Atem frei fließt, fühlen wir uns wohl. Entspannt durchatmen – so klappt es.

Und wieder ausatmen … kleine Pause … und dann wieder ein- atmen und bitte genauso viel Luft rauslassen wie Sie eingeatmet haben …

Das ist doch logisch, sagen Sie? Na ja, nicht so ganz. Atmen will nämlich gelernt sein – glaubt man den unzähligen Seminaren, Apps und Anleitungen: Es gibt „Atem-Workouts“, in London macht die Atem-Workshop- Firma „Xhale Breathwork“ Furore, hippe New Yorker ersetzen Therapiestunden durch „Virtual Breathwork“-Sessions und Apps wie „Breethe“ erklären, wie es geht. Hat der moderne Mensch das richtige Atmen verlernt?

„Es gibt kein richtig oder falsch“, erläutert Veronika Langguth, Atemtherapeutin und Coach aus Berlin. Seit mehr als drei Jahrzehnten berät sie KlientInnen, gibt Seminare und schreibt Sachbücher. Sie sagt: „Jeder Mensch hat seinen ureigenen Atemrhythmus, er ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Aber der ist in der Regel durch unsere täglichen Herausforderungen verschüttet und deshalb könnte das Atmen besser sein.“

Unsere Expertin: Veronika Langguth, Heilpraktikerin, Atemtherapeutin und Buchautorin

Atmen nicht vergessen

Denn irgendwie hat der moderne Mensch das Einatmen / Ausatmen unter „ferner liefen“ abgespeichert. „Wir lassen uns von Geräten dominieren, fühlen uns getrieben, haben Angst, etwas zu versäumen und den Anschluss zu verlieren.“ Deshalb sind uns die 148.713 Mails wichtiger, deshalb halten uns die Anforderungen zwischen Job, Familie, Haushalt, Fitness „in Atem“ und selbst durch die Nacht hetzen wir „atemlos“ zur Musik von Helene Fischer – da bleiben weder Raum noch Zeit, sich auch noch über so etwas scheinbar Selbstverständliches wie das Atmen Gedanken zu machen. Sollten wir aber. Denn der Atem ist die einzige Konstante in unserem Leben.

Wissenschaftlich ist der Atemvorgang reichlich erforscht. Als Atemzug bezeichnet man die Inspiration (das Einatmen) von Atemluft, und was wir einatmen, entspricht dem relativ konstanten Gasgemisch unserer Atmosphäre (circa 21 Prozent Sauerstoff, 0,03 Prozent Kohlendioxid, 78 Prozent Stickstoff und 0,97 Prozent Edelgase). Beim Ausatmen (Expiration) entlassen wir etwas weniger Sauerstoff und etwas mehr Kohlen- dioxid in die Umwelt. Gemessen werden Strömungsgeschwindigkeiten und Turbulenzen, zwischen Nase und Lunge existiert eine wundersame Welt aus Bläschen, Schwellgeweben, Schleimhäuten, die jede Sekunde unseres Daseins ihren Dienst für uns tun – und auf Störungen so sensibel reagieren wie ein Seismograph.

„Die Atembewegung setzt sich wie eine Welle über muskuläre Verflechtungen durch den ganzen Körper hindurch bis in den großen Zeh fort“, so Veronika Langguth. „Bei Babys läuft das noch ungehindert so, aber später sorgt der Stress des Alltags für physio-psychische Anspannungen. Wir verlernen, uns zu lösen. Und diese Anspannung geht in die Muskulatur und bis hinein in die Organe.“ Die Pause zwischen Aus- und Einatmen, die im Idealfall so lang wie das Ein- und Ausatmen selber ist und unter anderem die wichtige Aufgabe erfüllt, das Nervensystem zu beruhigen und zu stärken, fällt nicht selten weg, was den Stress für den Organismus zusätzlich erhöht.

Veronika Langguth, Atmen Sie sich gesund. Mit Finger-Druckpunkten den heilsamen Atem aktivieren, Irisana, 10 Euro

„Atem ist Lebensenergie“

So bringt es die Expertin auf den Punkt, was seit Anbeginn der Zeiten im kulturellen Gedächtnis der Menschheit steht. Vom chinesischen Daoismus über den Hinduismus bis zur griechischen Antike galt der Atem als Verbindung mit dem göttlichen Geist, dem großen Ganzen, als Brücke zwischen Innen- und Außenwelt. Besonders populär ist heute wieder das Pranayama, was sich aus Prana (= Lebensenergie) und Ayama (kontrollieren) zusammensetzt. Die bewusste Kontrolle des Atems soll durch Achtsamkeit erreicht werden und gilt als ein essentieller Weg zur Gesunderhaltung von Körper und Geist.

Keine Yoga-Übung ohne Vollatmung, Uijai oder die Wechselatmung, die seit Hillary Clintons biographischem Bekenntnis, diese Art der Atmung habe ihr geholfen, die Wahlniederlage zu verkraften, zum A-Promi unter den Atemtechniken avancierte. Durch Atemtechniken können Energieblockaden in Körper und Geist gelöst, das Nervensystem beruhigt, und die Zellen besser mit Sauerstoff versorgt werden, wodurch sich die Organe und der Hormonhaushalt besser regenerieren können.

Nützt das denn wirklich was?

Ja, sagt jeder, der es ausprobiert hat und regelmäßig praktiziert. Und „Ja“ sagt auch die Wissenschaft: „Der Atem ist unser einziger Zugang, um bewusst das vegetative Nervensystem zu beeinflussen“, so Thomas Loew, Professor für Psychosomatik und Psychiatrie am Universitätsklinikum Regensburg. Loew und sein Team beschäftigen sich seit vielen Jahren damit, wie man Patienten und gesunden Stressgeplagten mit der richtigen Atemtechnik helfen kann. Sie haben ein einfaches Rezept gefunden: vier Sekunden lang einatmen und sechs Sekunden lang ausatmen. Das ist der Takt, bei dem sie im EEG den stärksten Gleichklang von Atmung und Hirnaktivität beobachteten. Bei sechs Atemzügen pro Minute zeigt sich außerdem der Einfluss des Atems auf den Herzschlag am deutlichsten.

Ja, sagt auch Veronika Langguth, schränkt aber ein: „Atemtechniken helfen, aber das durch Wille und Vorstellung bewusst geführte Atmen hilft mir nicht, ein Empfindungsbewusstsein für meinen Atem und meinen Körper zu entwickeln.“ Durch den „Erfahrbaren Atem nach Prof. Ilse Middendorf“ hingegen „spüre ich sozusagen das Geheimnis des Atems. Wir lassen unseren individuellen Atem unbeeinflusst von Wille oder Vorstellung fließen und lernen dadurch die durch die Anspannung gestörte Urbewegung unseres Atems – und damit uns selber – besser kennen. So dringen wir zu den Ursprüngen unserer körperlichen und psychischen Verfassung vor, und Wandlung wird möglich.“

Hierzu können zum Beispiel Druckpunkte an den Fingerkuppen, im Gesicht und an den Füßen sanft aktiviert werden, was die Atembewegung in bestimmten Bereichen des Körpers stärkt. Mehr Atembewegung im Becken zum Beispiel kann uns ruhiger machen, Stress lösen, Prüfungsangst mindern, mehr Atembewegung im oberen Bereich stärkt die Aufmerksamkeit (siehe Übungen). Eins gilt indes für jede Form des bewussten Atmens: Bleiben Sie am Ball. Nur wer regelmäßig übt, erfährt, wie jeder Atemzug uns in eine Welt jenseits von Stress und Angst trägt. Wenn wir es denn zulassen.

Katzenpfötchen gefällig?

Drei Übungen, mit denen Sie den „Erfahrbaren Atem“ kennenlernen können:

  1. Stresslöser: Legen Sie Ihre Fingerkuppen vom rechten und linken Ringfinger und von Ihren beiden kleinen Fingern mit sanftem Druck aneinander. Die anderen Finger falten Sie so ein, dass deren Fingerkuppen nicht in Kontakt mit anderen Bereichen Ihrer Hände kommen. Für circa 5 -7 Atemzüge. Die Atembewegung vom Nabel bis zum Beckenboden wird gesteigert, was hilft, Stress- situationen besser zu bewältigen. Halten Sie die Hände im Schoß, können Sie diese Übung auch unbemerkt von Ihrem Gegenüber während eines schwierigen Gesprächs anwenden.
  2. Wachmacher: Tupfen Sie mit den Kuppen von Zeige-, Mittel- und Ringfinger beider Hände sacht über Ihr Gesicht, als würde ein Kätzchen darüber laufen. Dadurch wird die Atembewegung im Gesicht und im ganzen Körper gesteigert, was Sie erfrischt und munter macht. Gut geeignet auf langen Bahnfahrten oder Flügen.
  3. Bessere Konzentration: Stellen Sie sich im Wechsel für jeweils fünf bis sieben Atemzüge auf Ihre Fersen und anschließend auf Ihre Ballen und Zehen. Die Ballen-Zehen-Position sorgt dafür, dass Ihre Atembewegung verstärkt in Kopf, Schultergürtel und den gesamten oberen Raum fließt, was Ihre Konzentration und Aufmerksamkeit steigert.
    Mehr Infos unter: www.veronikalangguth.de

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Atmen und Gehen - Yoga Walking

Eine Alternative zu Jogging und Nordic Walking. BreathWalk hilft beim Abbau von Stress und Verspannungen, beugt Erschöpfungszuständen vor und unterstützt das Immunsystem. BreathWalk stärkt die Selbstheilungskräfte.

Mehr Informationen unter www.akademie-gesundes-leben.de oder telefonisch: 06172/300 98 22

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