Nach der Krankheit

Die Zeit danach

Interview mit Prof. Dr. med. Michael Stimpel

Stand: 02.10.2020 (02.10.2020)

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Nach schwerer Erkrankung wieder Zutrauen finden

Zehn Tage vor ihrer Hochzeit erfuhr Kerstin Chavent, dass sie einen Tumor in der Brust hat. Heute, acht Jahre später, sieht sie sich als geheilt an, auch wenn die Möglichkeit eines Rückfalls aus medizinischer Sicht noch viele Jahre lang bestehen bleibt. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird, und manchmal kommt Angst auf, doch ich sehe sie fortan als Besucherin und lasse sie nicht in mir wohnen. Ich weiß, was ich zu tun habe und zu welchen Quellen ich gehen kann, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.“

Die Zeit danach ist für Menschen, die eine lebensbedrohliche Erkrankung überwunden haben, geprägt von Nebenwirkungen – körperlichen und vor allem psychischen. Albträume, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen – und immer wieder die Angst. Jedes Ziehen, jeder Schmerz wird als Vorbote eines Rückfalls, eines neuen Infarktes gedeutet. Psychokardiologie und Psychoonkologie versuchen deshalb zurückzugeben, was oft gestört ist: Das Vertrauen in den eigenen Körper. Dabei helfen Entspannungsverfahren, Gespräche und ein bewusster Umgang mit sich selbst, gesunde Ernährung, Bewegung und unterstützende Naturheilmittel.

Prof. Dr. med. Michael Stimpel ist ärztlicher Psychotherapeut, Professor für Innere Medizin (Universität zu Köln) und Dozent am Saarländischen Institut zur Aus- und Weiterbildung in Psychotherapie (SIAP). Lange als Ärztlicher Direktor und Chefarzt an verschiedenen Akut- und Rehakliniken tätig, arbeitet er heute als Psychokardiologe, Coach und Gesundheitstrainer in eigener Praxis in Düsseldorf.

Wir haben mit ihm über die Überwindung seelischer Folgen gesprochen.

Reformhaus® Magazin: Wie sind Sie darauf gekommen, sich auf die Psychokardiologie zu spezialisieren?

Prof. Dr. med. Michael Stimpel: Ich habe viele Jahre als somatisch orientierter Arzt gearbeitet, bis vor 15, 16 Jahren immer mehr Patienten mit psychosomatischen Beschwerden zu mir kamen und ich feststellte, dass dieser Bereich der Therapie unterversorgt war. In der Onkologie gab es schon länger eine psychologische Begleitung, aber nicht in der Kardiologie. Hier wurde nach dem Motto gehandelt: Ist der Schaden behoben, gibt es keine Probleme mehr und wenn es Tränen gibt, können wir ja immer noch einen Psychologen holen. Das ist schauderhaft.

Warum?

Weil viele Herzpatienten sich mit dem Tod beschäftigen! Das Herz ist ein Symbol. Bereits umgangssprachlich gibt es kein anderes Organ des menschlichen Körpers, welches so häufig mit dem Seelenleben in Verbindung gebracht wird: Redewendungen wie „es bricht mir das Herz“, „mir stockt das Herz“, oder „mir rutscht das Herz in die Hose“ seien hier nur als einige wenige Beispiele genannt. Und es ist das einzige Organ, das man jederzeit spüren kann. Bei jedem Stolpern, jedem Ziehen, sind die Ängste sofort da.

Inwiefern benötigen Herzpatienten aus Ihrer Sicht und Erfahrung andere Unterstützung im Prozess, wieder Vertrauen in den eigenen Körper aufzubauen als Krebspatienten?

Bei beiden Erkrankungen ist es als Teil der Therapie wichtig, den Patienten wieder Zutrauen in ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu vermitteln. Bei Herzpatienten sind daher auch vom Psychotherapeuten gute kardiologische Kenntnisse zu fordern, um die zugrunde liegende Erkrankung beurteilen und die Belastbarkeit einschätzen zu können. Eine Gefährdung muss ja vermieden werden …

Welche Probleme haben Herzpatienten im Allgemeinen nach erfolgter Behandlung?

Albträume, Todesängste, Einschlafstörungen, Depressionen, Existenzängste, Zukunftsängste, posttraumatische Belastungsstörungen, sexuelle Probleme.

Ziemlich viel. Wie lässt dich das therapieren?

Zunächst prüfe ich anhand der kardiologischen Befunde, ob der Patient seine Erkrankung wirklich „verstanden“ hat. Ist dem nicht so, bemühe ich mich, die Wissenslücken zu ergänzen. Lassen sich Missverständnisse klären, hilft das gelegentlich bereits.

Zum Beispiel?

Als Nächstes erkläre ich die Zusammenhänge zwischen Gedanken, körperlichen Symptomen und Ängsten. Man nennt das Psychoedukation. Beispiel: Der Patient klagt über Herzrasen in der Nacht. Als Auslöser finden sich auf Befragen Albträume, quälende Gedanken oder Sorgen um den nächsten Tag, Termine etc.. Ich erkläre dann, dass aufgrund dessen das Gehirn denkt: Oha, Stress! Ich brauche mehr Sauerstoff, ich will den Stoffwechsel beschleunigen! Herz, los, pumpe! Eine normale Reaktion. Der Patient aber glaubt, das Herzrasen könnte ein Vorbote des nächsten Herzinfarktes sein. 

Es ist wichtig, Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit zu geben.

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Was kann man dagegen tun?

In der Therapie erarbeiten wir, welche Teufelskreise es gibt und wie man sie unterbricht. Zum Beispiel, indem man eine Rechenaufgabe löst, sich imaginativ an einen sicheren Ort denkt oder den quälenden Gedanken in einen „Tresor“ legt. Auch lernt der Patient Atem-Übungen, durch die er den Vagus, den Entspannungsnerv aktivieren kann.

Für den Prozess, wieder Vertrauen zum eigenen Körper zu entwickeln, nennen Sie in Ihrem Buch verschiedene hilfreiche Faktoren, unter anderem gesunde Ernährung. Abgesehen von ernährungsphysiologisch bedingter positiver Wirkung – wie hilft das der Psyche?

Indem Sie sich bewusst sind, dass Sie etwas Gutes für Ihren Körper tun! Nehmen sie bei Übergewicht ab, so verringern sie ihr Herz-Kreislauf-Risiko… - Sportliche (Ausdauer-)Betätigung trainiert darüberhinaus das Herz, verbessert die Kondition und erneuert das Selbstvertrauen in die eigene, körperliche Leistungsfähigkeit. Patienten, die sich das zunächst nicht zutrauen, empfehle ich die Teilnahme an Herzsportgruppen oder begleite sie selber im Rahmen einer Therapiestunde beim Treppensteigen oder bei Belastungen im Freien. Schritt für Schritt verbessert sich durch das sich langsam verbessernde Körpergefühl auch die Stimmungslage.

Warum helfen Gespräche mit Familienmitgliedern, Freunden, einer Selbsthilfegruppe bei diesem Prozess? Gibt es auch Gespräche, die im Gegenteil toxisch wirken?

Der Dreisatz positiver Gespräche lautet: Zuhören – verstehen – motivieren. Gespräche sind wichtig, um Feedback zu bekommen, gemeinsame Aktivitäten zu initiieren, neue Möglichkeiten des Lebens kennenzulernen. Was nicht gut ist: Die Krankheit banalisieren, sich krank reden, Medikamente schlecht machen und in Selbstmitleid baden. Angehörige sind häufig damit überfordert, deshalb sollten der Hausarzt, vielleicht die Kirche und die Psychotherapie hinzugezogen werden.

Sie nannten eingangs sexuelle Probleme. Wie helfen Gespräche, damit umzugehen?

Da gibt es auf beiden Seiten der Paare erhebliche Ängste. Das muss ich offensiv ansprechen und die Fakten besprechen. Aufklären, was man sich zutrauen kann. Die meisten können es sich nämlich zutrauen! Die Paare müssen lernen, Ängste zu akzeptieren und den neuen Körper zu entdecken. Ähnlich wie bei der Paartherapie mit Programmen des langsamen Herantastens.

Welche Naturheilmittel können der Psyche helfen?

Ich empfehle, in einen Kneipp-Verein zu gehen: neben neuen sozialen Kontakten steigern viele bewährte, naturheilkundlich orientierte Maßnahmen die Lebensqualität. Reiztherapien (Wassertreten, Wechselgüsse usw.) trainieren den Kreislauf und das Abwehrsystem, gemeinsames Wandern fördert Sozialkontakte und körperliche Leistungsfähigkeit, Ordnungstherapie hilft, seinen inneren Biorhythmus zu erkennen und danach zu leben. Glauben Patienten an alternative „Gesundheitsansätze“ (z. B. Bachblüten, Homöopathie, Reiki, Auspendeln usw.) spricht solange aus medizinischen Gründen nichts dagegen, so lange die Wirksamkeit und Sicherheit von notwendigen Medikamenten nicht beeinflusst oder deren Einnahme weggelassen wird.

Positive Gedankenkraft?

Auch das. Schreiben Sie zehn Sätze auf: So wäre mein Leben wunderbar. Jeden Abend vor dem Einschlafen nehmen Sie sich einen Satz vor. Nur als Beispiel: Ich bin fit und erklimme den Großglockner. Spielen Sie die Situation durch, sehen Sie, riechen Sie, hören Sie, fühlen Sie. Das Unterbewusstsein unterscheidet nicht zwischen Realität und Imagination. Machen Sie das mit allen zehn Sätzen, dann rückwärts mit allen zehn Sätzen. Jeden Tag einen. Dadurch schaffen Sie neue, positiv besetzte neuronale Netze.

Alle genannten Faktoren beinhalten eine proaktive Handlung der Betroffenen. Inwiefern trägt dies zur Rückgewinnung des Vertrauens in sich und den Körper bei?

Indem ich die Opferrolle ablege. Fatalismus ist nicht gut für die Zellen, man gibt Ihnen die Information, schwach, ohnmächtig und unglücklich zu sein. Wer hingegen Verantwortung für den Teil der Krankheit übernimmt, den er beeinflussen kann, erlebt sich als selbstwirksam und stark. Motto: Ich kann mich zwar nicht selbst operieren, aber mich gesund ernähren, Sport treiben, meine Übungen machen.

Wie unterscheiden sich Männer und Frauen bei der Bewältigung der Erfahrung, beim Prozess, wieder Vertrauen in sich aufzubauen?

Der emotionale Zugang ist bei Frauen manchmal etwas leichter, man kann besser mit Ihnen arbeiten. Bei vielen Männern gibt es diese Barriere: Gefühle als Schwäche zu sehen. Aber das lässt sich nicht pauschalisieren. Ich habe Patientinnen erlebt, die keine Emotion zulassen und Männer, die beim ersten Gespräch zwei Stunden geweint haben. Abgesehen davon beobachte ich, dass Männer eher Sport treiben und Frauen eher in Selbsthilfegruppen gehen.

Hilfe im Netz

Literatur, Arbeitsgruppen, Adressen von Ärzten, Psychotherapeuten und klinische Einrichtungen,die sich schwerpunktmäßig mit der Behandlung psychokardiologischer Fragestellungen befassen, finden Sie unter

www.psychokardiologie.org

Wie gehe ich mit der Angst um? Wie spreche ich mit Kindern über Krebs? Umfassende Informationen,Adressen, Links, Unterstützung für Betroffene und Angehörige unter www.krebsinformationsdienst.de 

Buchtipps

 

Leben mit Herzerkrankungen: Wenn die Seele mitleidet 
von Michael Stimpel,

Wie erkenne ich seelische Folgen einer Herzerkrankung und wie werden sie behandelt? Wie kann ich mir selber helfen? Wann brauche ich Hilfe? Wer oder was hilft mir bei einem seelischen Tief? Diese und viele andere Fragen beantwortet Michael Stimpel aus Sicht der ganzheitlichen Herzmedizin.Springer Verlag19,99 €

 

Krankheit heilt. Vom kreativen Denken und dem Dialog mit sich selbst. 
Kerstin Chavent

„Als mir die Haare ausgingen, wusste ich,ich muss anders in Aktion treten.“ Kerstin Chavent machte sich auf den Weg und erlebte, wie heilsam Traditionelle Chinesische Medizin, Atemübungen, Meditation und innere Dialoge, autogenes Training und positive Gedankenkraft wirken.
Silberschnur Verlag
12,95 €

 

Die Heilkraft der Naturmedizin nutzen
Dr. Matthias Frank

Sie sind Ihrer Krankheit nicht hilflos ausgeliefert. Wie Sie mit sanfter Hilfe aus der Natur Ihre Therapie unterstützen und der Angst begegnen, erläutert ein Experte für Naturheilverfahren.
Trias Verlag,
19,99 €

Podcast - Mit Ernährung heilen

Wie eine vitalstoffreiche, pflanzenbasierte Ernährung vorbeugend, therapiebegleitend oder nachsorgend aussehen könnte – hören Sie in den Reformhaus® Ernährungs-Podcasts mit Prof. Michalsen. Unter www.reformhaus.de auf das Podcast-Symbol klicken und dann können Sie wählen, ob Sie sich über die gesunde Wirkung von Fasten, über Gewichtsreduktion mit der richtigen Ernährung oder vielleicht doch über den Zusammenhang von gesundem Schlaf und Ernährung informieren wollen, oder ...Am besten Sie hören in alle 11 „Mit Ernährung heilen“-Reformhaus® Podcasts von Prof. Andreas Michalsen.

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