Diagnose Reizdarmsyndrom

Reagiert Ihr Darm gereizt?

Stand: 28.02.2020 (28.02.2020)

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Heftige Bauchkrämpfe, Verstopfung oder Durchfall oder beides, aufgeblähter Bauch – die Symptome beim Reizdarmsyndrom sind vielfältig. Prof. Michalsen über die Rolle der Ernährung bei Reizdarm.

Noch vor ein paar Jahren war die Diagnose Reizdarmsyndrom (RDS) oft eine Verlegenheitsdiagnose, weil die Ärzte keine Ursache für die typischen Verdauungsprobleme finden konnten. Den Patienten wurde das Gefühl vermittelt, ihre Psyche sei vermutlich Auslöser der Schmerzen. Zwar ist die genaue Ursache für das Reizdarmsyndrom immer noch nicht geklärt, aber man weiß inzwischen, dass der krampfartige Bauchschmerz im Zusammenhang mit dem Stuhlgang auftritt. Die Funktionsstörung lässt sich durch eine veränderte Ernährung beeinflussen. Der Darm reagiert bei Reizdarm-Patienten besonders häufig sensibel auf bestimmte Zuckerarten, die bei der Verdauung verstoffwechselt werden. Die sogenannten Fodmaps sind unter anderem in Laktose, also Milchzucker, enthalten sowie in Fruchtzucker, also Fruktose. Das ist besonders ungünstig, weil künstliche Fruktose vielen Lebensmitteln als Süßungsmittel hinzugefügt wird.

Und die Psyche? Studien zeigen, dass ein Reizdarm zwar oft mit Depressionen, chronischem Stress und Angstattacken einhergeht, doch die Krankheit selbst ist kein psychisches Leiden. In Umfragen berichten etwa zehn bis 15 Prozent der Teilnehmer von typischen RDS-Beschwerden. Darunter deutlich mehr Frauen als Männer. Das führt zur Vermutung, dass auch hormonelle Faktoren eine Rolle spielen. Die Hälfte der Betroffenen fühlt sich durch die Bauchschmerzen stark in ihrer Lebensqualität eingeschränkt. Und das schlägt sicherlich auch dauerhaft auf die Stimmung.

Prof. Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor für Naturheilkunde der Charité Universitätsmedizin Berlin, bewertet die wichtigsten Trends zur Ernährung und zeigt, wie mit einer Umstellung Heilerfolge bei Erkrankungen und Beschwerden erzielt werden können. Diesmal: Reizdarm – welche Ernährungsumstellung helfen kann

„Bei diesen Ernährungsformen sehen wir die besten Erfolge“

Prof. Andreas Michalsen

Reformhaus® Magazin: Prof. Michalsen, immer mehr Menschen mit Reizdarm setzen auf die Fodmap-Diät, bei der Lebensmittel weggelassen werden, die im Verdacht stehen, Verdauungsbeschwerden auszulösen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dieser Ernährungsumstellung?
Prof. Andreas Michalsen:
Die Fodmap-Diät ist eine der wenigen Ernährungsformen, die sich in wissenschaftlichen Studien als ein wirksamer Therapieansatz beim Reizdarmsyndrom erwiesen hat. Insofern hat sie sich in den letzten Jahren stark verbreitet und wird auch von Ärzten gerne empfohlen. Allerdings gibt es auch deutliche Kritikpunkte an der Fodmap-Diät. So ist die Therapiestärke dieser Diätform sehr bescheiden. Das heißt, der Effekt ist zwar wissenschaftlich statistisch belegt, beim einzelnen Patienten erreicht die Fodmap-Diät aber nur eine überschaubare Besserung der Beschwerden und führt auch nur sehr selten zu einer ausgeprägten Besserung oder Heilung.

Problematisch ist aber vor allem, dass bei einer Fodmap-Diät eine Vielzahl von Nahrungsmitteln weggelassen wird. Fodmap steht für: Fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole. Damit ist zum Beispiel Fruktose oder Sorbit gemeint, was auf jeden Fall günstig ist wegzulassen. Andere Oligo-Saccharide wie Fructane haben andererseits aber auch eine positive Wirkung auf die Darmflora, also die Mikrobiota. Insofern führt die Fodmap-Diät zwar anfänglich zu einer Beschwerdebesserung, mittel- bis langfristig kann sich jedoch auch ein ungünstiger Effekt auf die Darmflora ergeben. Deswegen ist es bei Fodmap wichtig, die anfangs zu meidenden Nahrungsmittel auch Stück für Stück wieder einzuführen.

Wie gehen Sie bei Ihren PatientInnen mit Reizdarmsyndrom vor?
In unserer Klinik praktizieren wir neben der Fodmap-Diät die drei Ernährungsformen, bei denen wir über die Jahre die meisten Erfolge gesehen haben.

  1. Die Ayurvedische Ernährung: Hier werden individualisierte Ernährungsempfehlungen gegeben. Fast alle Speisen werden erhitzt und schonend zubereitet und insgesamt wird durch den gezielten Einsatz von Gewürzen die Verdaulichkeit verbessert. In einer gerade abgeschlossenen Studie haben wir hervorragende Ergebnisse mit diesem ayurvedischen Ernährungskonzept gesehen.
  2. Fastentherapie: Unterschiedliche Fastenformen, das Buchinger-Fasten, das F.X.-Mayr-Fasten, aber auch das Intervallfasten zeigen immer wieder erstaunliche Erfolge bei Patienten mit Reizdarmsyndrom.
  3. Eine naturheilkundlich orientierte, vollwertige Schonkost: Dieses Konzept hat Elemente der ayurvedischen Ernährung. So werden die Nahrungsmittel in der Regel erhitzt, insgesamt wird von einer wärmenden Kost gesprochen. Es wird also weitgehend Rohkost und Frischkost gemieden. Durch die pflanzenbasierte Ausrichtung ist dennoch eine ausreichende Versorgung mit sekundären Pflanzenstoffen gegeben.
    Wir empfehlen oft eine Kombination, also ein initiales Fasten gefolgt von einer ayurvedischen Ernährung oder einer naturheilkundlichen wärmenden, schonenden Kost.

Viele, die unter einem Reizdarm leiden, vertragen gerade gesunde Lebensmittel schlecht. Wie können Sie sich trotzdem ausgewogen ernähren?
Tatsächlich können an sich sehr gesunde Lebensmittel, wie Vollkornprodukte, Rohkost oder auch Hülsenfrüchte gerade die Beschwerden des Reizdarmsyndroms wie Blähungen oder Durchfall verstärken. Hier ist es wichtig, dennoch nicht völlig auf diese Lebensmittel zu verzichten, sondern sie zunächst in ganz kleinen Mengen zu verabreichen, beziehungsweise zu verzehren. Beim Vollkornbrot ist es wichtig, dass es fein gemahlen ist und sehr gut gekaut wird. Dreißig Prozent der Verdauung der Kohlenhydrate werden über die Speichelsekretion bewältigt. Deshalb ist ein langes und gutes Kauen hier elementar.

Bei der Rohkost empfehlen wir, diese nicht abends zu sich zu nehmen, da abends Speichel- und Enzymleistung abnimmt, und auch auf individuelle Verträglichkeiten und auf saisonale Aspekte zu achten. Bei den Hülsenfrüchten empfehlen wir, anfänglich nur eine kleine Menge zu sich zu nehmen und viele Gewürze einzusetzen, wie es auch im asiatischen Raum gemacht wird.

Sie forschen selbst an der Immanuel Klinik zum Reizdarm und zu möglichen Therapien. Können Sie uns schon etwas über die Ergebnisse berichten?
Wie schon erwähnt, sind die Ergebnisse der Reizdarmstudie und ayurvedischen Ernährung sehr positiv. Die ayurvedische Ernährungsberatung war der Fodmap-Diät und der herkömmlichen Ernährungsberatung hier überlegen. Details werden wir in Bälde in einem wissenschaftlichen Fachmagazin veröffentlichen. Eine weitere Studie hat sich mit der Wirksamkeit der Ganzkörper-Hyperthermie (einer Wärmebehandlung mittels Rotlichtbestrahlung, Anm. d. Red.) beschäftigt. Dies war eine sehr kleine Studie mit nur begrenzter Aussagekraft. Allerdings zeigten die Ergebnisse, dass subjektiv die meisten Patienten eine Verbesserung ihres Reizdarmsyndroms durch einige Hyperthermie-Behandlungen innerhalb mehrerer Wochen merkten.

Neben der Ernährung – gibt es auch etwas beim Trinken zu beachten?
Bei Reizdarmsyndromen empfehlen wir, nicht zu den Mahlzeiten zu trinken, um die Verdauung nicht zu stören und die Konzentration der Verdauungsenzyme nicht zu verdünnen. Insbesondere sollten auch keine kalten Getränke in größeren Volumina getrunken werden. Das Trinken sollte sich generell nach dem Durst richten und zu bevorzugen sind warme Getränke, zum Beispiel auch mit günstigen Wirkungen auf das Verdauungssystem wie Fenchel-Kümmel-Anis-Tee, Schafgarbe, Kamille oder auch Minz-Tee. Auch Ingwer-Tee wird oftmals als wohltuend empfunden.

Noch ist nicht ganz geklärt, warum manche Menschen an einem Reizdarmsyndrom erkranken. Wie kann ich mich so darmgesund ernähren, dass mein Risiko geringer sein wird?
Wichtig erscheint für die Vorbeugung eines Reizdarmsyndroms auf die Esskultur zu achten, also sich für die Mahlzeiten Zeit zu nehmen, auch selber kochen und das selber Zubereiten der Mahlzeiten ist hilfreich. Ein fester Essensrhythmus und / oder Intervallfasten ist zu empfehlen und schließlich besteht auch eine enge Verbindung zwischen Stress und der Prävalenz eines Reizdarmsyndroms, insofern sind stressreduzierende Maßnahmen und Entspannungstechniken beim Reizdarmsyndrom sehr zu empfehlen.

Sie wollen noch mehr wissen?

Prof. Dr. Andreas Michalsen „Mit Ernährung heilen: Besser essen, einfach fasten, länger leben. Neuestes Wissen aus Forschung und Praxis“, Insel-Verlag, 24,95 Euro.

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