Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie diese Website weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.

Vegan in der Schwangerschaft

...wie gut ist das für Mutter und Kind?

Stand: 01.03.2019 (16.06.2017)

Immer mehr Deutsche entscheiden sich für eine vegane Ernährung. Besonders die Jüngeren zwischen 20 und 30, meist Frauen, wünschen sich einen anderen Umgang mit den natürlichen Ressourcen – vorallem fühlen sie sich dem Tierschutz verpflichtet. 

Der Verzicht auf tierische Produkte, der Umstieg auf ein veganes Leben, ist die logische Konsequenz. Aber darf eine Frau weiterhin vegan leben, wenn sie schwanger wird? Geht sie Risiken ein? Schließlich trägt sie dann auch die Verantwortung für ein anderes Wesen. Geht es zu weit, in der Schwangerschaft neben Fleisch auch auf Milch, Quark und Eier zu verzichten? Kritik kommt von allen Seiten: Wertvolle Nährstoffe, die für eine gesunde Entwicklung des Ungeborenen notwendig sind, würden fehlen. Doch was ist dran an diesen Vorurteilen? Wir haben mit  Dr. Markus Keller gesprochen, der an zahlreichen wissenschaftlichen Forschungsprojekten und Publikationen zu veganer Ernährung beteiligt war und ist.

Dr. Markus Keller ist Ernährungswissenschaftler und leitet als Hochschullehrer den Studiengang Vegan Food Management an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM).

Viele Ernährungsexperten und Ärzte in Deutschland stehen einer veganen Ernährung generell kritisch gegenüber. Auf welcher Grundlage eigentlich?

Dr. Markus Keller: Im Prinzip greifen international alle auf dieselben Daten und Studien zurück, kommen jedoch zu unterschiedlichen Interpretationen. Die Academy of Nutrition and Dietetics in den USA etwa sieht die vegane Ernährung nicht so negativ - vor allem, wenn ausreichend auf kritische Nährstoffe geachtet wird und diese gegebenenfalls mithilfe von Nährstoffpräparaten oder angereicherten Lebensmitteln ergänzt werden. Unter dieser Voraussetzung ist für sie die vegane Ernährungsweise auch für Schwangerschaft und Stillzeit akzeptabel. Das sehen auch Fachgesellschaften in Großbritannien, Portugal, Australien und Kanada ähnlich.

Sollten sich die deutschen Experten und Verbände wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) eher daran orientieren?

Ich finde diese Haltung realistischer und sinnvoller. Zumal die Hauptmotivation der meisten VeganerInnen eben nicht vorrangig die Gesundheit ist, sondern das Tierwohl. Man kann sie daher auch nicht einfach „umberaten“. Resultat: Viele VeganerInnen erkundigen sich dann im Internet und dort kursiert viel Unsinn.

Noch mal zur Studienlage. Wie gesund ist die Ernährung von VeganerInnen?

Beim Vergleich von VeganerInnen beziehungsweise. VegetarierInnen und Mischköstlern muss man sich die zwei Seiten der Medaille anschauen. Bei bestimmten Nährstoffen, vor allem Vitamin B12, aber auch Kalzium oder Zink schneiden Veganer oft schlechter ab als die Vergleichsgruppen. Auf diese kritischen Nährstoffe muss über eine gut geplante Lebensmittelauswahl besonders geachtet werden.

Andererseits zeigt sich, dass eine vegane Ernährung reich ist an anderen Nährstoffen. So sind die veganen StudienteilnehmerInnen meist besser mit Vitamin C, Betacarotin, Folat, Magnesium und vor allem auch Ballaststoffen versorgt. Sie sind außerdem schlanker, haben seltener Übergewicht, ein halbiertes Risiko für Typ-2-Diabetes, einen niedrigeren Blutdruck und ein um ein Viertel reduziertes Sterberisiko für ischämi- sche Herzkrankheiten. Auch bei Erkrankungen wie Divertikulose (Anm. d. Red.: entzündliche Darmerkrankung) oder grünem Star schneiden sie besser ab. Dabei muss betont werden, dass bei diesen Studienergebnissen sogenannte Störfaktoren wie körperliche Aktivität, Rauchen und Alkoholkonsum bereits herausgerechnet wurden.

Allerdings muss man dazu sagen, dass sich die meisten Studien auf Erwachsene beziehen. Es gibt bisher nur sehr wenige Studien mit veganen Schwangeren, Stillenden oder Kindern.

Muss sich eine schwangere Veganerin Sorgen um die Entwicklung ihres Babys machen?

Leider sorgt schon das nähere Umfeld dafür, Ängste zu schüren. Da werden plötzlich viele Verwandte, Bekannte und Nachbarn zu Ernährungsexperten. Auch Fachleute wie Frauenärzte und Kinderärzte haben oft Vorurteile gegenüber veganer Ernährung - obwohl sie sich fachlich in dieser Richtung nicht weitergebildet haben. Schnell fallen Worte wie Mangelernährung oder Kindeswohlgefährdung, was ich unverantwortlich gegenüber den Rat suchenden Frauen finde. Es gibt keine Studien, die belegen würden, dass eine vegane Ernährung in der Schwangerschaft grundsätzlich nicht funktioniert. Und was immer gern vergessen wird: Auch Schwangere, die tierische Produkte essen, ernähren sich nicht immer optimal.  

Auf welche Nährstoffe sollten schwangere Veganerinnen achten?

In der Schwangerschaft gibt es einen Mehrbedarf für viele Nährstoffe, und dann gibt es Nährstoffe, die speziell bei einer veganen Ernährung kritisch sein können. So haben Schwangere beispielsweise einen Mehrbedarf an Vitamin A. Damit sind Veganerinnen in Form des Provitamins Betacarotin in der Regel sehr gut versorgt. Noch deutlicher ist es bei Folat beziehungsweise der Folsäure. Den meisten Frauen ist bekannt, dass sie das Vitamin vor allem zu Beginn der Schwangerschaft zusätzlich einnehmen sollten, um das Risiko für Neuralrohrdefekte beim Kind zu verringern. Folat kommt besonders reichlich in grünem Blattgemüse und in Vollkornprodukten vor - und davon essen Veganerinnen meist viel mehr als Nicht-Veganerinnen.

Kritischer ist es mit dem erhöhten Bedarf an Jod, Eisen oder Vitamin B6. In unserem neuen Buch haben wir daher eine vegane Lebensmittelpyramide entwickelt, die schwangeren Veganerinnen zeigt, wie sie den erhöhten Nährstoffbedarf über eine vollwertige Lebensmittelauswahl decken können. Es gibt jedoch einen kritischen Nährstoff, der nicht in pflanzlicher Kost vorkommt: Vitamin B12. Das muss supplementiert, also zusätzlich eingenommen werden. Anders geht es nicht - egal ob über Tabletten, Tropfen oder angereicherte Lebensmittel. Leider kümmern sich viele VeganerInnen nicht konsequent um eine ausreichende Vitamin-B12-Supplementierung. Entsprechend zeigen VeganerInnen in vielen Studien eine schlechte Versorgung mit Vitamin B12. Dabei kann das ganz einfach gehen: Wir haben beispielsweise in einer eigenen Studie gute Erfahrungen mit einer angereicherten Zahncreme gemacht.

Warum Zahncreme?

Weil man sich sowieso jeden Tag die Zähne putzt, man nicht zusätzlich etwas einnehmen und daran denken muss. In der Studie bekam etwa die Hälfte der veganen TeilnehmerInnen die echte Vitamin-B12-Zahncreme und die andere Hälfte eine Placebo-Zahncreme. Nach zwölf Wochen mit zweimal täglich Putzen à zwei Minuten hatte sich der Vitamin-B12-Status bei der ersten Gruppe deutlich verbessert, bei der zweiten Gruppe passierte nichts oder die Werte verschlechterten sich weiter. Generell empfehle ich allen VeganerInnen, einmal im Jahr einen Bluttest zu machen, um die Versorgung mit den wichtigsten kritischen Nährstoffen zu überprüfen. Das gilt für schwangere Veganerinnen natürlich besonders.

Wo mache ich denn so einen Bluttest?

Die Blutentnahme kann man beim Hausarzt machen lassen, der das Blut dann ins Labor schickt und die Ergebnisse bekommt. Leider ist die Überprüfung des Nährstoffstatus keine Kassenleistung, man muss die Kosten meist selbst tragen. Wichtig ist, genau zu sagen, was man untersucht haben will. Wichtig bei veganer Ernährung sind vor allem die kritischen Nährstoffe Vitamin B12, Eisen, Zink, Vitamin B2 und evtl. die langkettigen Omega-3-Fettsäuren. Bei Vitamin B12 sollte nicht das Serum-Vitamin B12, sondern das Holo-Transcobalamin (Holo-TC) und die Methylmalonsäure (MMA) gemessen werden. Diese Parameter zeigen sehr genau, wie der Vitamin-B12-Status ist. Hinzu kämen Jod, gemessen im Urin, und Vitamin D im Winter. Die beiden Nährstoffe sind auch in der Allgemeinbevölkerung kritisch.

Bei der Schwangerschaft ist ein Test gleich zu Beginn sinnvoll. Ergeben sich da Nährstoffengpässe, kann gezielt die Ernährung oder die Supplementierung optimiert werden. Eine weitere Überprüfung im 2. und 3. Schwangerschaftsdrittel ist ebenfalls sinnvoll.

VeChi-Studie: Kinder im Alter von 1 bis 3 Jahren gesucht

Was essen Kinder in Deutschland? Diese Frage möchte die Studie VeChi Diet beantworten. Dabei geht es um das Ernährungsverhalten sowie um die Energie- und Nährstoffzufuhr von Kleinkindern.

Gesucht werden noch bis Anfang September vegetarisch, vegan oder mit Mischkost ernährte Kleinkinder im Alter von ein bis drei Jahren als StudienteilnehmerInnen. Die teilnehmenden Familien werden gebeten, einen Online-Fragebogen auszufüllen und ein dreitägiges Ernährungsprotokoll für ihre Kinder zu führen. Zum Dank für die Teilnahme erhalten sie eine detaillierte Auswertung der Energie- und Nährstoffzufuhr ihres Kindes.

Die folgenden Forschungseinrichtungen sind an der Studie beteiligt: Fachhochschule des Mittelstands (FHM), DONALD-Studie der Universität Bonn und Institut für alternative und nachhaltige Ernährung (IFANE). Alle wichtigen Infos plus Link zur Teilnahme finden Sie im Internet unter: www.vechi-studie.de 

Müssen vegan lebende Mütter Spätfolgen bei ihrem Kind befürchten?

Nein, wenn sie auf die ausreichende Zufuhr von Energie und Nährstoffen achten, sehe ich keinen Grund dafür. Leider gibt es aber in den Kliniken immer wieder Einzelfälle von veganen Müttern, die Vitamin B12 nicht ausreichend oder gar nicht zugeführt haben. Diese Kinder haben aufgrund des Vitamin-B12-Mangels teilweise schwere Gesundheits- und Entwicklungsstörungen, wie Entwicklungsverzögerung, Apathie, Koordinationsstörungen bis hin zu pathologischen Veränderungen im Gehirn und Nervensystem. Das ist absolut fahrlässig und vor allem völlig überflüssig, wenn die Mütter vernünftig Vitamin B12 supplementiert hätten. Aber aus diesen wenigen in der Literatur dokumentierten Fällen schließen die Klinikärzte, dass das bei allen veganen Müttern so ist und vegane Kinder grundsätzlich mangelernährt sind - wofür es überhaupt keine Belege gibt. Das viel größere Problem ist die steigende Zahl an übergewichtigen Kindern. Hier sieht man sehr anschaulich, dass eine falsche Ernährung der Mutter zu Spätfolgen beim Kind führt, neben Übergewicht beispielsweise auch zu einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes. Wir haben ein Riesenproblem mit der Überernährung und nicht mit der veganen Ernährung.

Kann es gelingen, Mutter und Kind vollwertig und ohne Mangelerscheinungen zu versorgen?

Ja, natürlich. Auch Kinder kann man vegan ernähren, ohne dass sie mangelversorgt sind. Das setzt jedoch voraus, dass man sich gut auskennt und besonders bei den kritischen Nährstoffen auf eine ausreichende Versorgung achtet. Und es ist sicher anspruchsvoller als bei einer Mischkost, denn tierische Lebensmittel liefern nun mal einige Nährstoffe in hoher Konzentration und meist besserer Bioverfügbarkeit als pflanzliche Lebensmittel. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass sich vegane Eltern meist deutlich mehr mit Ernährung befasst haben als andere. Dennoch empfehlen wir allen Veganerinnen und Veganern, vor allem in den kritischen Lebensphasen Schwangerschaft, Stillzeit und Kindheit, sich von einer Ernährungsfachkraft beraten zu lassen, die in veganer Ernährung qualifiziert ist. Erfreulicherweise gibt es inzwischen solche Fachkräfte, die wir zusammen mit dem Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB) fortgebildet haben, und weitere werden folgen.

Sie haben selber zwei Kinder. Hat sich Ihre Frau  während der Schwangerschaft vegan ernährt?

Meine Frau hat sich während der Schwangerschaften fast vegan ernährt und so wachsen auch unsere Kinder auf. Natürlich kennen wir uns gut aus und wissen, wie wir eine optimale Nährstoffversorgung hinbekommen. Die Kleinen sind jetzt ein und vier Jahre alt und entwickeln sich ganz wunderbar. Ich sehe also jeden Tag, dass eine vegane Ernährung ohne Mangelerscheinungen auch bei Kindern sehr gut funktioniert. 

Zum Weiterlesen:

„Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost“ von Markus Keller und Edith Gätjen, mit Nährstofftabelle und Rezepten, Verlag Eugen Ulmer, 189 Seiten, 24,90 Euro.
Bei Fragen zur veganen Ernährung – nicht nur während der Schwangerschaft – helfen Ihnen auch die Veggie-FachberaterInnen in Ihrem Reformhaus® gerne weiter. 

Empfehlen über:

Weiterscrollen, um zum nächsten Artikel zu gelangen