Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie diese Website weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.

Slow, slow, slow

Gut gekaut, ist halb verdaut!

Stand: 18.08.2017 (18.08.2017)

Genießen statt schlingen – warum das neue Kauen Krankheiten heilen kann, schlank und sogar glücklich macht.

Eine gesunde Ernährung verbinden wir inzwischen ganz selbstverständlich mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln, die frisch zubereitet werden. Doch was ist eigentlich mit dem Wie des Essens? Es wäre doch zu schade, wenn wir nicht richtig schmecken und die besten Inhaltsstoffe gar nicht verwertet werden. Wir sprachen über besondere Leckerbissen mit dem Münchner Autor Jürgen Schilling. Der gelernte Schauspieler litt über Jahre unter starken Oberbauchbeschwerden und kurierte sich mit einem Schmeck- und Kau-Training, das von der F-X-Mayr-Kur inspiriert war. Wir verraten, wie es geht und beantworten die wichtigsten Fragen zu dieser ganz anderen Art des Feinschmeckens.

Kau ordentlich – das ist doch ein alter Hut?

„Schling nicht so“, das hörten viele schon von den Eltern. Leider häufig mit dem gegenteiligen Effekt. „Kauen ist sogar weltweit negativ besetzt“, weiß Jürgen Schilling, denn es wird mit Müssen in Verbindung gebracht. Hinzu kommt, dass viele Speisen inzwischen stark gewürzt und aromatisiert sind – der volle Geschmack entfaltet sich also viel schneller als früher. Doch es gibt sehr viele gute Gründe für einen Imagewandel des Kauens.

Was wollte der Pionier Dr. Franz Xaver Mayr?

Der Arzt (1875–1965) hat früh erkannt, dass viele Gesundheitsprobleme mit der Verdauung zusammenhängen. Schon als Student war er überzeugt, dass gründliches Zerkleinern der Nahrung den Darm heilen kann. Er entwickelte die berühmte Semmel-Kur als Kautraining. Das daraus eine Diät wurde, ist eigentlich ein Nebeneffekt.

Was passiert beim Kauen im Mund?

Unsere Ernährungsexpertin, die Ärztin Dr. Anne Fleck erklärt das so: „Kauen ist der erste Verdauungsschritt: Kohlenhydrate und Fette werden bereits von Speichelenzymen gespalten.“ Die aus dem Fernsehen als Doc Fleck bekannte Medizinerin ergänzt: „Wer schlecht kaut, hat bereits hier verloren, denn ein schlecht gekauter Speisebrei verändert sogar unsere Darmflora mit negativen Folgen.“

Gibt es eine erwünschte Anzahl der Kau-Bewegungen?

Die Angaben schwanken um die 30, aber echte Kau-Freunde erreichen auch viel höhere Werte. Jürgen Schilling betont: „Die Anzahl der Kau- und Schmeckbewegungen ist bei jedem Menschen verschieden und ergibt sich ganz von selbst, wenn das filigrane Zusammenspiel zwischen der enzymatischen, genussvollen Nahrungsaufschließung im Mund und dem Schluckakt ineinander greift.“

Mit dem entsprechenden Training passieren die neuen Bewegungsabläufe oder wie Jürgen Schilling es nennt, das Schmauen – eine Zusammensetzung aus Schmecken und Kauen – von ganz allein. Die achtsame Beschäftigung mit jedem Bissen ist zum Bedürfnis geworden und wird vom Organismus erwartet. Das bedeutet, der Speichelfluss setzt intensiver, die immunologische Wirkkraft früher ein und die Geschmacksrezeptoren sind sensibilisiert.

Ist dieses viele Kauen nicht mühsam?

„Nein, das darf es auch nicht sein“, sagt Jürgen Schilling, „denn der Mensch ändert sein Verhalten nur auf Dauer, wenn er einen Lustgewinn daraus zieht.“ Und das Schmauen, davon ist sein Erfinder überzeugt, bietet genau das: Es intensiviert das Erlebnis des Kauens, die Aromen des Essens entfalten sich überhaupt erst.

So wird jeder Imbiss zu einer angenehmen Alltags-Entschleunigung. „Im Gegensatz zum altbekannten gründlichen Kauen dürfen Sie beim Schmauen auch sofort schlucken. Eine meiner Seminarteilnehmerinnen hat mit genussvollem Schmauen 40 Kilo dauerhaft abgenommen“, so Schilling.

Was schmeckt am besten?

Alles Naturbelassene, Knackige, Gemüse, Obst oder so etwas wie knuspriges, hartes Brot entwickelt im Mundraum eine ganz neue Dimension. „Sie werden feststellen, dass stark verarbeitete, überwürzte Lebensmittel gar nicht mehr schmecken. Ein Weißmehl-Industrie-Brötchen kann mit einem traditionell hergestelltem Sauerteig-Brot nicht mithalten“, das bestätigen Jürgen Schilling auch immer wieder seine Seminar-TeilnehmerInnen. Prinzipiell ist es aber völlig egal, was man isst, entscheidend ist nur wie man isst.

Welches Getränk darf es sein?

Die Geschmacksrezeptoren im Mund sind gute Indikatoren für gesunde Lebensmittel, das zeigt sich für Jürgen Schilling schon bei der Wahl des Getränks. Probieren Sie es aus: Nehmen Sie einen Schluck Wasser, lehnen Sie sich entspannt zurück, bewegen Sie die Flüssigkeit ein wenig im Mund, spüren Sie ihr nach, schlucken Sie in drei bis fünf Etappen. Zum Vergleich: Trinken Sie einen Schluck Cola, schmeckt ganz okay. Verblüffend ist allerdings die Erfahrung, die Cola im Mund zu halten und genau nachzuschmecken – dann kippt der Geschmack ins Säuerliche und wird unangenehm.

Übrigens: Zum Essen zu trinken ist ungünstig und beim richtigen Kauen auch überflüssig, denn der Speichelfluss mit seinen Enzymen und antibakteriellen Wirkstoffen soll ja nicht verwässert werden.

Wofür soll das schmeckende Kauen gut sein?

Zum Beispiel für ein Glücksgefühl. Durch das Zerbeißen der Kohlenhydrate vermischen sich die Bestandteile mit dem Speichel, seine Enzyme spalten sie in Zucker auf – das führt zu einer erhöhten Serotonin-Ausschüttung und lässt die Stimmung steigen. Plus: Erst beim genussvollen Kauen lösen sich flüchtige Aromen, die wir nur durch die Nase erschmecken können. Nicht nur Wein- und Teeverkoster können sich mit diesen Sinneszellen wahre Geschmackswelten erobern.

Außerdem stärken wir unser Immunsystem, denn der Speichel verfügt über ein ganzes Arsenal an antibakteriellen und antiviralen Signalstoffen, die vor Ort, aber auch im Darm aktiv werden. Und wir entsäuern die aufgenommene Nahrung schon im Mund und schaffen somit von vornherein ein physiologisches Säure-Basen-Gleichgewicht im gesamten Stoffwechselorganismus.

Abnehmen mit Kau-Jogging – wie soll das funktionieren?

Warum nehmen wir überhaupt so zu? Weil wir in kurzer Zeit Unmengen an Nahrungsmitteln essen. Klar, alles ist immer zu haben und die Nahrungsmittelindustrie macht es uns leicht: ideale Häppchen in großen Verpackungen, kurzer Knuspereffekt, sich explosionsartig entwickelnde Aromen, die aber ruckzuck verschwunden sind. Da muss sofort nachgelegt werden. Wer ausgiebig schmeckt und kaut, ist schon mit einer geringen Nahrungsmenge satt und zufrieden.

Hinzukommt, dass sich die Beziehung zur Ernährung komplett verändert, sich die Verarbeitung der Nahrungsbestandteile im Organismus verbessert, das Sättigungsgefühl schneller einsetzt und länger anhält. Auch Jürgen Schilling hat bei seinem Kau-Experiment nicht nur seine chronischen, therapieresistenten Magen- und Darmbeschwerden, sondern auch dauerhaft 35 Kilo Gewicht verloren. Gutes Kauen schützt vor typischen Erkrankungen, die durch Übergewicht entstehen, wie Diabetes, und kann sie sogar heilen.

Kau-Jogging für Einsteiger

Nehmen Sie sich Zeit. Denn nun beginnt eine kleine Wahrnehmungsreise. Das ist nötig, denn unbewusst haben wir das schnelle Schlucken automatisiert. Die Idee ist, diese Programmierung wieder rückgängig zu machen und das richtige Kauen oder Schmauen zur Gewohnheit werden zu lassen. Jürgen Schilling: „Auf diese Weise entdecken wir neue Funktionsbilder und Lustpunkte, neue Reflexe, Bewegungsabläufe und Genuss-Techniken, die vom altbekannten, mühsamen, negativ besetzten Kauen Lichtjahre entfernt sind.“ Das heißt: Keinen Zwang ausüben, sondern das Schmecken genießen und zelebrieren.

Am einfachsten geht das, indem Sie ein Stück Brot verwenden. Dafür können Sie luftgetrocknetes oder am besten eine hartgewordene Scheibe Bio-Sauerteigbrot nehmen. Brechen Sie ein Stück ab, lehnen Sie sich zurück und schalten Sie alle anderen Einflüsse aus. Sie müssen nichts tun, außer zu beobachten, was im Mund passiert. Spüren Sie den Geschmack, wie er sich verändert, wie die Nahrung flüssig wird. Wie die Zunge gegen den Gaumen drückt und so verhindert, dass alles aus Versehen runterrutscht. Kleine Portionen herunterzuschlucken, ist okay. Dann widmen Sie sich einfach dem Rest, der noch im Mund ist. Sie werden merken, dass das Aufschließen der Kohlenhydrate, dem Brot einen immer süßeren Geschmack gibt.

Und dann wieder einen Bissen nehmen. Nach ein bis drei Wochen regelmäßigen Kau-Joggings werden Sie eine Veränderung spüren. Der Schluckreflex verändert sich, die Speisen schmecken von Anfang an intensiver. Das Schlingen macht keinen Spaß mehr. Jetzt heißt es: Dranbleiben.

Welche wissenschaftliche Belege gibt es?

Viele Ärzte – wie auch unsere Kolumnistin Dr. med. Anne Fleck – sind von den Heilkräften des ausgiebigen Kauens überzeugt. Mit seinem aktiven Einsatz für das Schmauen hat Jürgen Schilling einigen Wissenschaftlern Anlass für Studien gegeben. Der Münchner Stoffwechselforscher und Immunologe Dr. Wilfried P. Bieger hat 2006 in einer Schmauen-Insulin-Studie nachgewiesen: „Durch genussvolles Schmauen erreicht man im Gegensatz zum normalen Kauen, dass selbst bei einer kohlenhydratreichen Mahlzeit der Blutzucker geringer ansteigt und die Insulinausschüttung stark reduziert ist. Fazit: Schmauen verhindert Diabetes Typ 2 und hilft Typ 1- und Typ 2-Diabetikern einen ausgeglichenen Blut- und Insulinspiegel zurückzugewinnen.“ Der besondere Clou seiner Untersuchung: „Man kann mit Schmauen sogar beim Kuchenessen abnehmen.“

Für wen ist Kau-Jogging besonders wichtig?

Für alle, die mit Darmproblemen zu kämpfen haben, denn gerade bei der Neigung zu Entzündung, Verstopfung oder Reizdarm ist die starke Zerkleinerung der Nahrung wichtig. Sehr direkt lindernd ist es auch für alle, die unter Völlegefühl und Blähungen leiden, denn durch das hastige Schlucken gerät zu viel Luft in den Magen.

Und was sagen Zahnärzte dazu?

Auch die schätzen ausgiebiges Zermahlen der Nahrung. Die Bewegungen sorgen für eine bessere Durchblutung der Mundschleimhaut, außerdem ist unser Kiefer eigentlich nicht für rein weiche Nahrung gemacht. Die "Mahl"-zeit schützt den Halteapparat, der Druck auf den Kiefer festigt ihn und beugt Parodontose und dem Verlust der Zähne vor.

Zum Weiterlesen

Jürgen Schilling hat alles ordentlich durchgekaut und über die gesunden Effekte ein Buch geschrieben.

Im Buch „Kau Dich gesund!“, Trias-Verlag, 14,99 Euro, beschreibt Jürgen Schilling anschaulich, wie er selbst zum Schmauen gekommen ist, warum und wie es funktioniert. Auf den Webseiten: www.schmauen.com und www.schmauen.de erfahren Sie alles Wissenswerte über Schmauen-Seminare und wissenschaftliche Hintergründe

Empfehlen über: