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Neue Reihe: Mit Ernährung heilen

Die „Michalsen Methode“ für Ihren Alltag

Stand: 01.11.2019 (01.11.2019)

Prof. Andreas Michalsen, der renommierte Chefarzt der Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor der Charité Berlin, bewertet exklusiv auf reformhaus.de die wichtigsten Trends zur Ernährung und zeigt, wann und wie durch eine Umstellung außerordentliche Heilerfolge bei Erkrankungen erzielt werden können.

Ein 17-jähriger aus Bristol in England wird blind, taub und seine Knochen lösen sich auf. Eine mysteriöse Krankheit schädigt seinen Körper – die Ärzte suchen nach der Ursache. Ist es ein seltener Gendefekt oder eine Autoimmunkrankheit? Er leidet unter einer Reihe von Vitaminmängeln. Es dauert, bis der Teenager seine Ernährung beschreibt. Seit zehn Jahren nimmt er ausschließlich Pommes, Chips, Weißbrot und verarbeitetes Fleisch zu sich. Ein krasser Fall von Mangelernährung, der in einer medizinischen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde.

Innerhalb weniger Generationen hat sich unsere Ernährung kolossal verändert – von wenig verarbeiteten frischen Lebensmittel hin zu industriell produzierter Ware. Auch die Art und Weise, wie wir essen, ist für den Körper neu. Die Anzahl der Mahlzeiten hat sich vervielfacht. Forscher aus den USA fanden heraus, dass bis zu 17 Snacks am Tag nicht ungewöhnlich sind. Die klassischen drei Mahlzeiten, gemeinsam am Tisch eingenommen, wünschen sich zwar viele, sind aber selten Realität.

Essen bedeutet heute: schnell und mundgerecht. Dieses ungesunde Essverhalten spiegelt sich in dem kürzlich veröffentlichten Ernährungsbericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wider: Die Zahl der Übergewichtigen steigt und damit das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Doch die WHO sagt auch, mit der richtigen Ernährungsberatung könnte Leben gerettet und
verlängert werden.

Wie das geht, weiß der Ernährungsexperte und Chefarzt Prof. Andreas Michalsen. Dabei ist schlanker und damit gesünder zu werden nur ein Ansatz. Denn so wie die falsche Ernährung krank macht, kann die richtige heilen. In unserer neuen Serie „Mit Ernährung heilen“ erfahren Sie, wie mit dem richtigen Essen das Immunsystem gestärkt und die Konzentrationsfähigkeit gesteigert werden kann, welche Ernährungstherapien bei chronischen Erkrankungen des Darms, der Gelenke sowie der Haut helfen können. Außerdem: wie das Herz-Kreislauf-System gestärkt und Abnehmen ganz unproblematisch mit der „Michalsen Methode“ in den Alltag integriert werden kann.

Richtig ernähren – gesund bleiben

ReformhausKurier: Prof. Michalsen, Sie selbst hatten mit Anfang 30 einen erhöhten Blutdruck und ungünstige Blutfettwerte. Wie kam es dazu?

Prof. Andreas Michalsen: Ich war in Wechselschichten und als Notarzt unterwegs. Ich habe noch geraucht, keinen Sport gemacht, viel gearbeitet und mich vor allem schlecht ernährt. Ich stand gern mit den Feuerwehrleuten am Bratwurststand, aß Pommes und ich mochte Kebab. Dazu snackte ich wahnsinnig viele Süßigkeiten und trank bis spät nachts reichlich Kaffee.

Waren Sie übergewichtig?
Dazu habe ich wohl keine Veranlagung. Meine ungünstige Lebensweise hat sich bei mir nur in erhöhten Blutdruck- und Cholesterinwerten gezeigt, und meine Haut war nicht sehr gut. Nur: Wenn man in der Kardiologie arbeitet, ist man nicht sehr erfreut, in jungen Jahren Cholesterinwerte über 200 und einen hohen Blutdruck zu haben. Man sieht ja täglich, was das bedeutet. Man weiß, wie hoch damit das Risiko von Schlaganfällen und Herzinfarkten ist.

Und was haben Sie geändert?
Im Prinzip wusste ich ja, was ich machen muss. Ich habe Schritt für Schritt auf Vollwerternährung umgestellt mit viel Gemüse und Obst. Dann haben sich die Blutwerte normalisiert. Inzwischen ernähre ich mich seit 15 Jahren komplett vegetarisch.

Man kann also schlank sein und trotzdem nur durch die falsche Ernährung krank werden?
Absolut. Die Ernährung kann auch ohne Übergewicht problematisch sein. Es gibt natürlich auch eine ererbte Komponente und auch mit Sport kann man schon viel beeinflussen. Aber der dominante Faktor für die Gesundheit ist die Art und Weise der Ernährung. Einige große Studien zeigen, dass wir Deutschen Schlusslicht in Westeuropa sind, was die Lebenserwartung angeht.

Woran liegt das?
Was auffällt ist, dass es ein ganz klares Nord-Süd-Gefälle gibt. Je südlicher es geht, desto höher die Lebenserwartung. Sie ist in Spanien und Italien am höchsten. Und dort herrscht traditionell die mediterrane Ernährung vor, dort werden am meisten Gemüse, Obst, Nüsse und Kräuter gegessen. Man könnte einwenden, vielleicht liegt es eher an der Sonne oder der Siesta. Aber es fällt auf, dass auch die skandinavischen Länder nachziehen, die sich mehr Mühe geben als die Deutschen, sich gesund zu ernähren. Es ist sicher nicht nur die Ernährung, aber für mich der Hauptfaktor.

Warum fällt es gerade uns Deutschen so schwer, uns gesünder zu ernähren?
Bei der deutschen Hausmannskost spielen halt Fleisch und Milchprodukte eine große Rolle. Die mediterrane Ernährung war schon als Urform gesünder. Ich denke aber, auch wenn es sich in den Prozentzahlen noch nicht so ausdrückt, dass es bei uns einen Wandel gibt und mehr Offenheit für Veränderung. Und es hat sich auch das Angebot an gesunden Lebensmitteln sehr, sehr erfreulich erweitert. Die Bandbreite an Bioprodukten und frischen Produkten wie Rucola oder Avocado gab es in meiner Kindheit noch nicht. Selbst Knoblauch war eher ungewöhnlich.

Welchen Anteil hat die Ernährung an chronischen Erkrankungen?
Da chronische Erkrankungen natürlich vielschichtig sind, spreche ich von 50 bis 70 Prozent, das ist eine seriöse Angabe. Damit ist gemeint, dass die Erkrankung nicht nur durch die Ernährung entstanden ist, aber die Ernährung ist maßgeblich beteiligt. Oft kommt ja, wie bei mir mit Anfang 30, eins zum anderen. Etwa durch Stress, da gibt es oft eine Wechselbeziehung. Wenn man Stress hat, ernährt man sich nicht besonders aufmerksam.

Sie bekommen auch häufig von Kollegen aus der Schulmedizin Patienten überwiesen. Was sind typische Fälle?
Ein klassischer Fall wäre jemand mit Übergewicht, Bluthochdruck und einer Stressproblematik. Wenn das lange nicht gebremst wurde, kommt häufig auch noch eine Zuckerkrankheit dazu. Typischerweise nimmt der Patient vier bis sechs Medikamente, die unter anderem den Diabetes kontrollieren. Doch die Tabletten verstärken teilweise auch die Stoffwechselentgleisung. Dann ist er mitten im Teufelskreis. Hält die Problematik über fünf bis zehn Jahre an, nimmt er immer mehr zu, erkrankt am Herz-Kreislauf-System mit einem hohen Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall. Und irgendwann kommt wegen des Übergewichts auch noch die Kniearthrose hinzu. Und der Hausarzt kann ihm nicht mehr helfen.

Da hilft nur eine Lebensstilveränderung?
Ja, das ist aber nur eine typische Patientengruppe. Die andere sind Menschen mit
schweren chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, rheumatoide
Arthritis oder Darmerkrankungen wie Morbus Crohn sowie Colitis Ulcerosa. Viele leiden stark unter den Nebenwirkungen der Medikamente. Diese Medikamente sind für die Behandlung der Erkrankung notwendig, haben auf der anderen Seite aber teils schwere Nebenwirkungen. Beispielsweise Cortison. Es fördert Osteoporose, Übergewicht und bestimmte Augenerkrankungen. Ein Dilemma für den behandelnden Arzt, denn aufgrund der Nebenwirkungen kann er die hilfreichen Medikamente eigentlich nicht mehr verordnen.

Welche Rolle spielt die Ernährung bei der Therapie?
Eine Form der Therapie ist bei uns immer das Fasten und eine Ernährungsumstellung, das ist immer das Erste. Im Schnitt reichen zehn bis 14 Tage, um den Wechsel einzuleiten. Das Besondere ist, dass die Patienten in diesen zwei Wochen oft erleben, dass es ihnen besser geht. Endlich wird nicht immer nur alles schlechter. Dass die Selbstheilungskräfte angeregt werden können, gibt Mut, auch weiterzumachen. Für die Zeit nach der Klinik empfehlen wir eine Kombination aus einer vegetarischen Vollwerternährung und Intervallfasten. Das ist auch die ideale Kombination für gesunde Menschen, um Krankheiten vorzubeugen.

Sie sind nicht nur behandelnder Arzt, sondern auch Wissenschaftler. Bei einigen noch laufenden Studien geht es darum, die heilende Wirkung von Fasten solide zu belegen. Können Sie uns schon etwas über erste Ergebnisse verraten?
Wir haben verschiedene Studien laufen, darunter zwei Studien für begleitendes Fasten bei einer Chemotherapie bei Krebs. Die Patienten fasten dabei drei Tage, nicht länger. Außerdem untersuchen wir die Wirkung von sieben- bis zehntägigem Fasten bei Multiple Sklerose, Rheuma und Bluthochdruck. Bei der Rheuma-Studie haben wir schon klare Tendenzen. Nach dem zweiten, dritten Tag kommt es zu sehr deutlichen Verbesserungen. Die Schwellungen und Schmerzen werden weniger, das können wir klar erkennen. Auch über das Fasten hinaus bleibt der positive Effekt über mehrere Monate erhalten. Davon profitieren übrigens auch die schlanken Probanden.

Auch beim Bluthochdruck können wir schon eindeutige Wirkungen erkennen. Hierbei ist besonders interessant, dass sich ein klarer Zusammenhang zwischen Blutdruckwerten und Darmgesundheit zeigt. Die Probanden, deren Mikrobiom (früher Darmflora genannt, d. Red.) sich am stärksten veränderte, hatten auch die stärkste Blutdrucksenkung. Viele Laborstudien zeigen, dass Fasten bei fast allen Organismen und Tieren lebensverlängernd wirkt.

Wie kann man das erklären?
Ja, tatsächlich bremst das Fasten viele Prozesse im Körper, die das Altern verstärken. Und auch wenn noch nicht ganz geklärt ist, ob Fasten auch konkret das Leben verlängert, so scheint es typische Alterserkrankungen zu reduzieren. Vermutlich sind es zwei Hauptkomponenten, die beim Fasten zusammenkommen. Was uns schadet: Zu viel und zu oft essen, vor allem Mahlzeiten mit einem hohen Anteil an tierischem Eiweiß. Das führt dazu, dass der Körper zu viele Wachstums- und Entzündungssignale aussendet, unter anderem durch Hormone wie Insulin. Der gesamte Stoffwechselprozess übersteuert. Und zwar in jeder einzelnen Zelle. Das ist wie bei einem Motor, der zu hochtourig läuft. Die zellulären Energiestrukturen nutzen sich zu sehr ab und das führt zu vermehrter Zellalterung.

Auf der anderen Seite gibt es keine Pausen in der Ernährung, um die nötige Autophagie, den Selbstreparaturmechanismus des Körpers, in Gang zu setzen. Nicht nur, dass sich die Zellen zu stark abnutzen, man gibt ihnen auch keine Werkstattpause. Dagegen funktioniert die Selbstreparatur ganz wunderbar, wenn man fastet. Sie wird sogar schon verbessert, wenn man statt drei Mahlzeiten nur zwei zu sich nimmt. Oder wenn man wie beim Intervallfasten 14 oder 16 Stunden nichts zu sich nimmt. Fastet man fünf oder mehr Tage, hat man einen starken Autophagie-Impuls. Dann hat man beides, die fortlaufende optimale Zellreparatur und die Zellen stehen nicht so unter dem dauerhaften Abrieb.

Ein weiteres Thema ist gesunder Schlaf. Wie beeinflusst die Ernährung unsere Nachtruhe?
Ein wichtiges Thema. Das Interessante ist, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus und der Essens-Stoffwechsel-Rhythmus stark mit einander verkoppelt sind – über die innere Uhr, die in jeder einzelnen Zelle steckt. Sie wird vor allem durch zwei Faktoren gesteuert, durch die Licht- und Dunkel-Taktung, also Tag und Nacht. Und durch den Essenszeitpunkt. Neuere Forschungen zeigen, dass es nicht nur einen Jetlag gibt, wenn man durch Zeitzonen reist, sondern auch, wenn man seinen Essensrhythmus durchbricht. Man merkt es ja zum Teil selbst. Wenn man gegen seinen Rhythmus isst, fühlt man sich nicht wirklich wohl. Wer entgegen seiner Gewohnheit etwa sehr spät noch eine Mahlzeit einnimmt, schläft schlecht. Das Timing des Essens ist extrem wichtig für das Wohlbefinden. So erkläre ich mir auch, dass das Intervallfasten bei fast allen Studien zu einem sehr guten Schlaf führt. Intervallfasten ist eine hervorragende Möglichkeit, um Schlafstörungen zu verbessern.

Das zweite große Thema ist natürlich, dass die meisten, die unter Schlafstörungen leiden, gerade Sorgen, Kummer oder Stress haben. Schlechter Schlaf ist ein Alarmsignal. Und ich empfehle Meditation, Yoga oder Tai Chi – oder eine andere Entspannungstechnik, die einem gefällt.

Haben Sie einen Tipp für einen Schlummertrunk?
„Golden milk“ mit Kardamom – allerdings nicht mit Kuhmilch, sondern Mandel- oder Sojamilch. Ich finde auch, dass Melissentee eine sehr gute Sache ist. Aber, wenn man abends sehr viel Tee trinkt, muss man nachts auf die Toilette. Und das stört natürlich auch den Schlaf. Deshalb lieber eine hochkonzentrierte Tasse Melissentee trinken, als gleich eine Kanne. Andere beruhigende Heilpflanzen sind Passionsblume und Hopfen.

Und dann gibt es natürlich noch nach Kneipp das heiße Fußbad. Man kann auch eine Wärmflasche mit ins Bett nehmen, aber noch besser ist abends ein etwa 36 Grad warmes Fußbad.

Sie wollen noch mehr wissen?

Prof. Dr. Andreas Michalsen „Mit Ernährung heilen: Besser essen, einfach fasten, länger leben. Neuestes Wissen aus Forschung und Praxis“, Insel-Verlag, 24,95 Euro.

Goldene Milch

Zutaten für 1 Person

  • 250 Milliliter Pflanzenmilch, je nach Vorliebe Mandel-, Soja-, Hafer-, Reis- oder Kokosmilch
  • ein Teelöffel Kurkuma
  • ein kleines Stück frischer Ingwer oder ein halber Teelöffel Ingwer
  • eine Prise Pfeffer
  • ein halber Teelöffel Bio-Honig (am besten Manuka)

Zubereitung

  1. Die Milch erhitzen und mit den Gewürzen mischen. Dann kurz aufkochen lassen. Anschließend fünf Minuten ziehen lassen.
  2. Das Ingwerstück herausfischen. Kurz vor dem Trinken mit Honig abschmecken.

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