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Nur nicht zu perfekt!

Steh zu deinen Fehlern

Sportlich, attraktiv, erfolgreich: Der Trend zur Selbstoptimierung prägt unser Leben und wird durch die geschönten Bilder in Social Media noch verstärkt. Doch wenn wir rastlos einem falschen Idealbild hinterherlaufen, macht uns das unglücklich und krank. Warum es guttut, uns mit unserer Unzulänglichkeit zu versöhnen – und wie das gelingen kann.

Sommer, die Zeit der luftigen Kleider und Miniröcke! Doch damit leider auch die Zeit der gnadenlosen Selbstkritik vor dem Spiegelbild: Kann ich mich in dem Dress überhaupt noch sehen lassen, muss ich nicht sofort drei Kilo abnehmen – vor allem wir Frauen quälen uns jedes Jahr aufs Neue mit solchen negativen Gedanken. Prompt starten wir ein anstrengendes Sport- und Diätprogramm, verkneifen uns ausgerechnet an den ersten Sonnentagen das herrliche Eis, das es nun wieder in der italienischen Eisdiele gibt und das wir eigentlich so gerne essen würden ... und alles nur, damit wir irgendeinem Ideal genügen.

Wenn Perfektion zum Zwang wird

Es sind vor allem wir Frauen, die glauben, dass gutes Aussehen uns automatisch zu glücklichen und liebenswerten Menschen macht. Make-up, Frisur, unsere Figur, alles soll perfekt sein. Und deshalb gehen viele von uns sehr hart mit sich und ihrem Körper ins Gericht. Bilder aus sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram verstärken diesen Perfektionswillen, hier optimieren bekanntlich alle ihre Fotos mit diversen Filtern und Weichzeichnern. Das wissen wir zwar, lassen uns dann aber doch beeindrucken von den scheinbar makellos schönen Menschen. Insbesondere junge Frauen rennen heute oft einem völlig realitätsfernen Schönheitsideal hinterher. Schlimmstenfalls lassen sich dann schon 18-Jährige beim Beauty-Doc die Lippen oder Wangen aufspritzen.

Doch wenn sich der Hang zur Perfektion zum Zwang steigert, kann uns das krank machen. Denn dann entsteht ein Selbstoptimierungswahn, der sich nicht nur im Streben nach dem perfekten Äußeren, sondern auch in unserem sonstigen Leben zeigt. Dann wollen wir überall zu hundert Prozent funktionieren, dann spicken wir unser Smartphone mit Apps, die jeden Schritt zählen und jede verbotene Kalorie. Mit den digitalen Helfern, glauben wir, werden wir zu einem gesünderen, sportlicheren und besseren Menschen. Und so vergessen wir, dass Menschsein auch heißt, einfach mal nicht perfekt zu sein, dass wir auch Schwächen und Unzulänglichkeiten haben können und dürfen.

Natürlich ist es gesund, wenn wir regelmäßig sporteln, uns bewegen. Nur, müssen wir dabei ständig kritisch und angespannt unsere Leistung checken? Und natürlich ist es wunderbar, wenn wir unsere Talente entwickeln und einsetzen können, sei es privat oder im Job. Aber man sollte schon wissen, wo die Grenze liegt zwischen einem gesunden „funktionalen“ und einem ungesunden „dysfunktionalen" Perfektionismus, so nämlich kategorisieren Psycholog:innen das Phänomen. Die gesunde Perfektionistin lebt ihr Leben nach bestem Wissen und Gewissen. Sie freut sich über Erfolge, gesteht sich dabei aber auch Umwege und Irrtümer zu. Und sie sieht, wenn etwas schief geht, darin keine Totalkatastrophe, sondern eventuell auch eine Chance, etwas Neues zu wagen. Zudem kann sie sich entspannen, einfach mal komplett abschalten, ohne an den Terminkalender am morgigen Tag zu denken. Die „ungesunde“ Perfektionistin dagegen hat panische Angst zu versagen oder Fehler zu machen und vor allem, den Erwartungen anderer nicht zu genügen. Sie oder auch er befindet sich quasi in einer endlosen Prüfungs- und damit Dauerstress-Situation.

Menschsein heißt, nicht perfekt zu sein

„Perfektionismus wird dann ungesund, wenn der oder die Betroffene nicht souverän mit einem Misserfolg oder mit Fehlern umgehen kann. Wenn Sie automatisch denken: ‚Wenn ich hier einen Fehler mache oder versage, dann passiert mir das immer und überall‘.“ So beschreibt die Psychologin Christine Altstötter-Gleich von der Universität Konstanz-Landau den Unterschied. Sie forscht seit vielen Jahren zum Thema Perfektionismus und hat mit ihrer Kollegin Fay C. M. Geisler ein Buch geschrieben, das inzwischen als Standardwerk zum Thema gilt: „Perfektionismus. Mit hohen Ansprüchen selbstbestimmt leben.“

Im Buch verteilte Selbsttests und Übungen sollen dabei helfen, die eigenen, oft auch versteckten negativen Bewertungsmuster aufzuspüren und zu verändern. Denn damit machen sich solche Über-Perfektionist:innen das Leben unnötig schwer. Vor allem im Job, wenn sie Dutzende Überstunden machen und trotzdem nie zufrieden sind mit ihrer Leistung. Ein gängiges Beispiel sind Menschen, die eine E-Mail noch dreimal kritisch auf Fehler überprüfen, bevor sie die E-Mail absenden. Und sobald sie hinterher doch noch einen Fehler entdecken, hadern sie mit sich, müssen ständig daran denken. So vergeuden sie völlig unnötig ihre Energie.

Und weil sie außerdem dazu neigen, körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Erschöpfung oder Tinnitus zu ignorieren, kann das auf Dauer zur Bedrohung für Seele und Körper werden. Viele Überperfektionist:innen landen früher oder später in einer Depression oder einem Burn-out.

Dr. Christine Altstötter-Gleich, Psychologin, lehrt an der Universität Konstanz-Landau und forscht seit vielen Jahren zum Thema Perfektionismus

Typisch Frau: Selbstvorwürfe

Denn oft beherrscht der ungesunde Perfektionismus ja auch das private Leben. Perfektionist:innen können sich nur schwer abgrenzen oder „Nein“ sagen, sie laden sich ständig zu viel auf. Und vermeintliche „Fehler“ in ihrem Leben können sie sich nicht verzeihen und quälen sich auch noch Jahre später mit Selbstvorwürfen, dies ist übrigens eine typische Spielart des weiblichen Perfektionismus. So ergab eine große Umfrage unter sechstausend Müttern in Deutschland vor einiger Zeit, dass mehr als zwei Drittel sich Sorgen machen, dass sie als Mütter nicht gut genug sein könnten. Sie wollen die perfekte Mama für ihre Kinder und in ihrer Beziehung eine tolle Partnerin sein, dazu blendend aussehen und im Job gut funktionieren.

Die Doppelbelastung mutiert so zur Vierfach-Überforderung, zu völlig überzogenen Leistungsansprüchen an sich selbst. Das kann im Extremfall zu Ess-Störungen und Bulimie führen. Überperfekte Männer definieren sich – anders als Frauen – eher über Erfolge im Beruf oder Sport, weniger über ihr Äußeres oder die Vaterrolle.

Die Ursachen für Über-Perfektionismus liegen, da sind sich Psycholog:innen einig, fast immer in einem Elternhaus, in dem Leistungsdruck und emotionale Kälte herrschten und es wenig Zuwendung gab. Das Kind hat dann gelernt, dass es nicht um seiner selbst willen geliebt oder beachtet wird, sondern nur aufgrund von guter Leistung. Aber auch Mobbing in der Schule oder später eine toxische Liebesbeziehung können zu einem zutiefst gestörten Selbstwertgefühl fühlen, das dann zu überperfektem und ängstlichem Verhalten mündet.

Und dabei ist es doch so: Gerade das nicht Perfekte macht Menschen sympathisch. Unsere Freunde nehmen oft überhaupt nicht wahr, was wir als vermeintlichen Makel ansehen. Sie mögen uns, weil wir die sind, die wir sind, vielleicht mit ein paar seltsamen Macken, aber eben auch mit angenehmen Eigenschaften wie etwa Sinn für Humor und der Fähigkeit, gut zuzuhören oder sich einzufühlen in andere. Sie mögen uns, weil sie spüren, dass wir mit uns selbst im Reinen sind und uns selbst so akzeptieren, wie wir nun mal sind.

Die besten 5 Tipps gegen den Perfektionswahn

  1. Notieren Sie abends kurz: Wann war heute ein guter Moment? Das kann so etwas Banales sein, dass Sie auf eine E-Mail spontan geantwortet haben, ohne noch drei Mal Ihre Antwort auf mögliche Fehler zu kontrollieren. Oder dass sie sich doch das leckere Eis gegönnt und es genüsslich auf der Bank im Park in der Sonne gegessen haben, nicht zwei, sondern sogar drei Kugeln!
  2. Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit für Bewegung an frischer Luft. Ob schwimmen, spazieren gehen oder radeln ist egal. Bewegen Sie sich aber nicht, um besonders fit zu sein oder eine Leistung zu erbringen, sondern weil Bewegung unsere Gedanken und Muskeln lockert – und weil Sie Spaß daran haben.
  3. Umgeben Sie sich privat mit Menschen, die Ihnen guttun – Menschen, die Sie wertschätzen und respektieren und denen Sie vertrauen. Meiden Sie Menschen, die Sie runterziehen, Sie kritisieren oder an sich zweifeln lassen.
  4. Versuchen Sie, gemachte Fehler auch mal positiv zu sehen. Statt sich in Schuldgefühlen zu wälzen, lieber die Frage stellen: Was kann ich über mich und für meine Zukunft daraus lernen?
  5. Und noch: Sehen Sie Social-Media-Beiträge kritisch und denken Sie daran, dass die Fotos alle geschönt sind. Auch eine angeblich noch so perfekt aussehende Influencerin hat mal schlechte Tage mit Pickeln oder Durchfall – und schon dieser Gedanke allein hat etwas Befreiendes, oder?

Zum weiterlesen

Christine Altstötter-Gleich, Fay C. M. Geisler: „Perfektionismus. Mit hohen Ansprüchen selbstbestimmt leben“.
BALANCE buch + media, 15 Euro oder als E Book 12 Euro

Frauke Döhring

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