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Unter Hochdruck

Blutdruck senken mit richtiger Ernährung und gesundem Lebensstil

Die Sprechstundenhilfe legt die Manschette um, pumpt und zieht ein sorgenvolles Gesicht: „Ihr Blutdruck ist aber ganz schön hoch!“ Wenn Sie dieses Procedere kennen und fürchten, sind Sie nicht allein. Rund jede / r dritte Deutsche leidet unter Hypertonie, Bluthochdruck. Und: je älter, desto häufiger. Bei den über 60-Jährigen sind schon 80 Prozent betroffen.

Das Problem: Wenn das Blut ständig durch die Gefäße rauscht, steigt das Risiko für schwere Herzerkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall. Doch nicht alle wissen von ihrem Bluthochdruck und dem Gesundheitsrisiko. Wer nicht regelmäßig zum allgemeinen Check-up geht, kann sogar relativ lange nichts von der Erkrankung mitbekommen, da sie keine Schmerzen verursacht. Das weiß auch der Arzt und bekannte Ernährungsdoc aus dem TV, Dr. Jörn Klasen: „Viele Menschen bemerken den langsam steigenden Blutdruck gar nicht. Deshalb bezeichnet man Bluthochdruck als schleichender Killer.“ Doch ab wann spricht man von Bluthochdruck, was kann wann noch helfen und welche Faktoren spielen noch eine Rolle?

Dr. med. Jörn Klasen ist Arzt für Innere Medizin, Anthroposophische Medizin und Naturheilkunde

Reformhaus® Magazin: Fallen beim Blutdruckmessen hohe Werte auf, wird der Blutdruck meist über eine Langzeit-Messung von 24 Stunden überprüft, bestätigt sich dann der Bluthochdruck, bekommt man meist einen Blutdrucksenker verordnet. Geht es auch anders?

DR. MED. JÖRN KLASEN:
Wenn der Bluthochdruck früh feststellt wird, also noch im sogenannten Hypertoniebereich 1 liegt, das ist der Blutdruckwert von 160 zu 100, dann hat man relativ gute Chancen, mit einer Lebensstilveränderung ganz ohne Medikamente auszukommen. Auch bei einem Blutdruck, der stabil eingestellt ist mit ein oder zwei Präparaten hat man noch gute Möglichkeiten, den Blutdruck mit anderen Mitteln zu senken.

Viele Menschen fühlen sich an diesem Punkt alleingelassen, nicht ausreichend beraten. Ist das berechtigt?

Das Problem liegt vor allem darin, dass wir ein System haben, wo sich der Arzt pro Patient 5 Minuten Zeit nimmt. Deshalb gehen die meisten dann mit einem Rezept wieder nach Hause. Besser wäre sicher, wenn die gesamte Lebenssituation angeschaut wird. Das braucht mehr Zeit und genau die fehlt in unserem heutigen Gesundheitssystem. Das ist ein grundlegender Fehler.

Wie sähe denn eine ideale Behandlung aus?

Wenn man den Patienten nach seinem Lebensstil befragt, alle Komponenten berücksichtigt wie das Alter, Übergewicht, Schlafprobleme, Bewegungsmangel, Stress oder falsche Ernährung und ihn dann auf dieser Grundlage umfassend berät. Das ist nicht mit einem einmaligen Besuch in der Praxis abgeschlossen, sondern ein Prozess. Eigentlich bräuchte man ein therapeutisches Netz aus verschiedenen Beratern, den Ernährungsberater, Kardiologen, jemand der auf der Entspannungsebene mit den Menschen arbeitet. Auch selbst aktiv werden, sich Hilfe suchen, lohnt. Denn besteht der Bluthochdruck noch nicht lange, sind die Chancen sehr gut, dass man mit einer Lebensstilveränderung keine Medikamente (mehr) einnehmen muss.

Macht die anthroposophische Medizin hier etwas anders?

Sie versucht, sich ein Gesamtbild des Menschen zu verschaffen. Und sie blickt zu den Ursachen. Ein Beispiel: Jemand hat Übergewicht, dann heißt es nicht: Jetzt mal runter mit den Kilos. Die anthroposophische Medizin fragt immer: Wie kommt es dazu? Und es kommt noch etwas hinzu. Unsere ärztliche Behandlung ist inzwischen sehr aufgeteilt in Fachgebiete, also wer etwas mit dem Herzen hat geht zum Kardiologen, Probleme mit der Leber behandelt der Hepatologe. Das Problem liegt darin, dass wir nie nur aus einem Teil bestehen. Wir müssen auf das Ganze schauen, um die Funktion des Teils oder in diesem Fall eines einzelnen Organs zu verstehen. Das ist die Stärke der anthroposophischen Medizin, dass sie immer das Ganze im Blick hat und auch seelisch-geistige Faktoren mit einbezieht.

Was treibt den Blutdruck denn in die Höhe, was sollten wir ändern?

Das ist individuell völlig verschieden. Typische Treiber sind: Übergewicht, Schlafprobleme, Bewegungsmangel, Stress oder falsche Ernährung. Häufig werden psychische Komponenten übersehen. Denn der Blutdruck wird von äußeren Faktoren und Emotionen, die unseren Alltag begleiten, beeinflusst. Dabei spielt das vegetative Nervensystem mit seinen beiden Teilen, Sympathikus und Parasympathikus, eine zentrale Rolle. Ärgern wir uns beispielsweise, versetzt der Sympathikus den Körper in Alarmbereitschaft, fährt den Blutdruck hoch und versetzt Herz sowie Gefäße in Spannung, damit wir genügend Energie haben, um Herausforderungen zu bewältigen. Der Parasympathikus ist der Gegenspieler, ist der Anlass des Ärgers vorbei, baut er den Druck wieder ab und sorgt für Entspannung. Sind wir gesund und nicht im Dauerstress, klappt dieses Zusammenspiel sehr gut.

Also geht es auch um Balance und Rhythmus im Alltag?

Rhythmus spielt bei Bluthochdruck eine wichtige Rolle. Ich bin ein großer Anhänger von wiederkehrenden Ritualen zu festen Zeiten. Also, regelmäßige Zeiten zum Aufstehen, ins Bett gehen oder spazieren gehen. Unser Organismus liebt eine sichere Struktur. Gerade bewusste Entspannungsübungen sollte jeder, der seinen Lebensstil ändern möchte, fest in den Alltag einplanen. Das kann Yoga, Meditation oder auch Singen sein. Gesang ist so gut, weil er den Atem reguliert und das Ausatmen verlängert, dabei entsteht ein Sog, der das Herz entlastet. Das tiefe Ein- und Ausatmen erhöht zudem die Sauerstoffsättigung im Blut und bringt den Kreislauf in Schwung. Außerdem tut Singen der Seele gut.

Was gehört noch zu einem gesunden Rhythmus?

Zu einem gesunden Rhythmus gehört auch ein erholsamer Schlaf. Es ist auch besonders riskant, wenn der Blutdruck nachts nicht absinkt, dann erhöht sich das Herzinfarktrisiko und die Gefäße regenerieren nicht richtig. Schlafprobleme sind auch ein Symptom für Bluthochdruck, also ein Grund, den Blutdruck überprüfen zu lassen. Was hilft? Immer zur selben Zeit ins Bett zu gehen und morgens wieder aufzustehen, tagsüber bewusste Pausen zulassen, eine klare Tagesstruktur aufbauen. Auch bei der Ernährung geht es um Rhythmus. Es ist nicht nur entscheidend, was wir essen, sondern auch wie. Es gibt viele Menschen, die siebenmal am Tag etwas essen. Dabei braucht der Stoffwechsel auch mal eine Ruhe. Ein Problem ist das häufige Snacken. Dann werden alle Stoffwechselfunktionen permanent angekurbelt, die gar nicht notwendig sind. Wir kennen das alle: Man stellt sich ein Schälchen Gummibärchen hin oder ein paar Kekse und merkt gar nicht, dass das Schälchen wieder leer ist. Dabei nehmen wir ganz nebenbei unheimlich viel Zucker zu uns. Bestimmt ein Grund für das immense Übergewicht, das wir heute bei uns in den Industrienationen als Risikofaktor für Bluthochdruck haben. Dabei gibt es gesunde Alternativen, wer vom Snacken nicht lassen kann, kann sich auch etwas Rohkost hinstellen oder ein paar Nüsse naschen. Insgesamt gilt: Besser sind drei Mahlzeiten oder, wie beim sehr empfehlenswerten Intervallfasten, zwei Mahlzeiten, aber immer zur selben Zeit. Dadurch bringt man sich selbst in einen Rhythmus.

Ist es wichtiger sich gesund zu ernähren oder Gewicht zu verlieren?

Das muss Hand in Hand gehen. Wenn jemand stark übergewichtig ist, sollte er auch Gewicht verlieren. Jedes Kilo weniger lässt den Blutdruck sinken. Eine gute Grundlage für eine Ernährungsumstellung ist etwa die gesunde, mediterrane Küche mit viel Obst und Gemüse. Wichtig ist, einen konkreten Plan für die Ernährungsumstellung auszuarbeiten. Alle, die sich daran halten, verlieren auch Gewicht.

Gut zu wissen

Das bedeuten die Werte

Der Blutdruck wird in mmHg angegeben.
1 mmHg ist der Druck, den ein Millimeter einer Quecksilbersäule (Hg) ausübt.
Dabei entspricht: 1 mmHg = 0,00133 bar.

Zur Bestimmung des Blutdrucks werden zwei Werte ermittelt, der systolische und der diastolische Blutdruck.
Der systolische Druck (oberer Messwert) entspricht dem während der Anspannungs- und Auswurfphase der linken Herzkammer maximal entwickelten Druck. Die Anspannungs- und Auswurfphase wird als Systole bezeichnet. Der systolische Druck liegt normalerweise im Bereich von 110–130 mmHg.
Der diastolische Blutdruck (unterer Messwert) entspricht dem niedrigsten Druck während der Entspannungs- und Erweiterungsphase des Herzmuskels. Die Phase zwischen größter Druckentwicklung (systolischer Druck) und größtem Druckabfall (diastolischer Druck) wird als Diastole bezeichnet. Während der Diastole füllen sich die Herzkammern mit neuem Blut. Der diastolische Druck liegt normalerweise im Bereich von 80–89 mmHg. (Quelle: Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten)

Dabei schwankt der gesunde Blutdruck den ganzen Tag über und steigt bei Belastung an. Gemessen wird der Blutdruck im Ruhezustand. Außer bei einer Belastungs- und Langzeitmessung.

Neben zu viel Zucker gilt bei Bluthochdruck auch Salz als besonderes Gesundheitsrisiko?

Ja, das ist nicht für jeden gleich. Es gibt Menschen, deren Blutdruck besonders empfindlich auf Salz reagiert. Es gibt einfache Tests, mit denen man feststellen kann, ob man zu einer Salzsensitivität neigt. Doch den Salzkonsum einzuschränken, wäre für uns alle sinnvoll. Auch um Bluthochdruck vorzubeugen. Denn wir nehmen fast alle zu viel davon zu uns. Vor allem viele Fertiggerichte und verarbeitete Lebensmittel enthalten als Geschmacksträger sehr viel Salz, das aber nicht zuverlässig deklariert ist. Das Resultat ist, dass wir im Schnitt zwischen 10 und 15 g Salz täglich zu uns nehmen, die absolute Obergrenze sollten aber 5 g sein.

Zu viel Salz treibt den Blutdruck in die Höhe.

Welche pflanzlichen Mittel sind bei Bluthochdruck sinnvoll?

Es gibt einige Möglichkeiten. Die Nierentätigkeit hat einen wesentlichen Einfluss auf den Blutdruck. Brennnessel wirkt regulierend auf die Nieren, als Tee oder auch frisch gepflückt als Salat. Wer die Darmtätigkeit anregt, sorgt für eine bessere Stoffwechseltätigkeit. Gesunde Kräuter sind da Löwenzahn, Schafgarbe, Pfefferminze oder Kamille. Blutdrucksenker aus der Speisekammer sind zudem Rote-Bete-Saft, grüner Tee sowie Lebensmittel mit Kalium, das findet sich vor allem in Getreide, Bananen, Trockenobst, Champignons und Spinat. Kartoffeln enthalten viel Kalium, man sollte sie immer vorkochen, abkühlen lassen, dann noch einmal aufwärmen. Dann entsteht im Körper resistente Stärke, die sich wie ein Ballaststoff verhält.

Brennnessel wirkt regulierend auf die Nieren. Diese haben einen Einfluss auf den Blutdruck.

Was sollten speziell Frauen beachten?

Bis zur Menopause sind Frauen vor Bluthochdruck recht gut durch Hormone geschützt. Wenn der Wechsel durch die Menopause eintritt, ändert sich das. Ab 50 steigt der Blutdruck bei den Frauen dramatisch an und sie überholen die vorher besonders gefährdeten Männer. Beginnt der Östrogenspiegel zu sinken, sollten sie besonders etwas für die Ernährung tun – mit einer mediterranen Kost, den Salz- und Zuckerkonsum kontrollieren und darauf achten, nicht zu stark zuzunehmen.

Wer eine Corona-Infektion durchgemacht hat, scheint besonders gefährdet zu sein, einen erhöhten Blutdruck zu entwickeln. Kann man gegensteuern?

Ja, Covid 19 löst bei manchen eine chronische Entzündung aus, die verschiedene Organe betreffen kann und Bluthochdruck fördert. Deshalb ist bei Long Covid ähnlich wie bei anderen schleichend-chronischen Entzündungsprozessen eine Ernährung sinnvoll, die antientzündlich wirkt. Das gilt auch für eine Arteriosklerose und auch viele Krebserkrankungen basieren auf einer chronischen Entzündung. Beim Kind haben wir die akuten Entzündungen, es kriegt dann schnell Fieber, aber die Infektion ist am nächsten Tag wieder weg. Beim Erwachsenen ist die chronische Entzündung eines der Hauptprobleme. Also, wie gegensteuern? Antientzündlich wirken die guten Öle. Ich empfehle Algenöle zu verwenden. Und zwei bis drei EL Leinöl am Tag. Die Ernährungsumstellung basiert auf dem kompletten Verzicht von Schweinefleisch, Weizen und darauf, Kuhmilch zu trinken. Sowohl beim Schweinefleisch wie auch bei der Kuhmilch wissen wir, dass sie Entzündungsprozesse fördern. Den Verzicht auf Weizen empfehle ich, weil die Pflanze so verändert wurde, dass sie besonders viele ATIs enthält. Das sind spezielle Stoffe, die Pflanzen erzeugen, um sich gegen Fremdstoffe zu wehren. Sehr viele Menschen reagieren auf diese ATIs mit entzündlichen Prozessen. Aber es gibt gute Alternativen. Die beste ist Hafer, weil er Betaglucane hat, die entzündungshemmend wirken.

Zum Weiterlesen

Dr. med. Jörn Klasen

„Runter mit dem Bluthochdruck: Wie Sie mit der richtigen Ernährung und einem gesunden Lebensstil den Blutdruck senken“ mit vielen praktischen Tipps und Rezepten;

ZS Verlag, 22,99 Euro


Und gemeinsam mit den anderen Ernährungs-Docs Dr. Anne Fleck, Dr. Silja Schäfer und Dr. Matthias Riedl:

„Starkes Herz: Die besten Ernährungsstrategien bei Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, Arteriosklerose und Co“,

ZS Verlag, 24,99 Euro


„Reformhaus® Wissen kompakt: Bluthochdruck“ erklärt die Grundbegriffe rund um das Thema Blutdruck. Hier finden Sie alltagstaugliche Tipps sowie einer Liste von Lebensmitteln mit gutem beziehungsweise schlechtem Effekt sowie eine Auswahl an köstlichen und gesunden Rezepten. Einfach kostenlos herunterladen. 

Ihre Bewertung

Alle Kommentare (5):
Helga kommentiert am 24.06.2022
anneliese kommentiert am 24.06.2022
Anregend und informativ, Danke!
Helga kommentiert am 24.06.2022
Vielen Dank für den wertvollen Beitrag!
Barbara kommentiert am 25.06.2022
Danke! Sehr informativ, individuell und seriös.
Edith kommentiert am 26.06.2022
Vielen Dank für diesen äußerst interessanten Bericht.