Kneipp-Kuren und Co. / Interview

Keine Scheu vor kaltem Wasser

Baden tut gut, das können Wissenschaftler nur bestätigen. Es regt den Stoffwechsel an, fördert die Beweglichkeit und entspannt das vegetative Nervensystem. Christine Winkler befragte dazu den Leitenden Oberarzt des Kneippianums,
Dr. Hermann Silberhorn, aus Bad Wörishofen.

Sie arbeiten für Deutschlands führendes Kneipp- und Naturheilzentrum in Bad Wörishofen. Wie profitiert der Körper von einer Kneipp-, und wie von einer Bädertherapie?

Grundsätzlich hat die Bäderkultur einen großen Vorteil. Sie ist gut für die Seele und hilft gegen Stress. Bei Kneipp denken die meisten Leute immer nur an die Wassertherapie. Dabei hat er als Erster eine systemische Hydrotherapie entwickelt und zusätzliche Elemente, zum Beispiel gesunde Ernährung, Pflanzenheilkunde, Bewegung,  einbezogen. Daraus ist dann die Fünf-Säulen-Therapie entstanden.

Wir profitieren bei Kneipp durch die Kälte- und Wärmereize und erreichen so eine bessere Stress- und Immunkompetenz, ähnlich wie beim Saunieren. Die Abwehr wird also gestärkt, und Stress kann besser verarbeitet werden. Leider sind die Menschen in der heutigen Zeit kaltes Wasser nicht mehr gewohnt und schrecken vor kalten Bädern und Güssen zurück.

altDie Bädertherapie (Balneotherapie, d. Red.) – mittlerweile in Deutschland sehr ausgeprägt – ist eine viel ältere Methode, die es bereits bei den Griechen gab. Auch hier geht es, ähnlich wie bei Kneipp, um Reize. Im Wesentlichen steht bei den Bädern die Verbesserung der Beweglichkeit im Mittelpunkt. Der Körper profitiert im Wasser von einem gewissen Auftrieb, die Muskulatur entspannt sich und die Gelenke werden entlastet.

Die meisten Bäder arbeiten sehr viel mit warmem Wasser. Allerdings gibt es da auch einige Risiken, gerade für ältere Menschen. Ein heißes Bad belastet den Kreislauf, das Herz muss mehr arbeiten. Daher verwenden wir nur noch dreiviertel Wannenbäder. Und zum Schluss erhält jeder eine kalte Abgießung.

Wo liegen die Unterschiede zwischen einem Solebad und einem Thermalbad?

Nach der Definition muss Thermalwasser mindestens 20 Grad plus haben und aus der Tiefe kommen. Das ist nicht viel. Wir in Bad Wörishofen haben so tief gebohrt, dass das Wasser mindestens 38 Grad erreicht. Thermalwasser enthält immer Mineralien und kann sogar als Trinkwasser angeboten werden.

Beim Solebad sind die Anforderungen viel spezifischer. Es gibt Solebäder, die altbekannt sind. Entweder existieren unter der Erde große Salzwasserbecken oder Wasser wird in die Salzstollen hineingepresst und das gelöste Salzwasser wieder hochgeholt. Es muss mindestens 1,4 Prozent Kochsalz enthalten. Das ist nicht wirklich viel, bis zu sechs Prozent sind üblich. Doch es gibt auch Bäder, die wesentlich mehr haben, etwa Bad Dürkheim, Bad Wimpfen und Bad Reichenhall. Dort wird es aus den Salzstollen herausgeholt und kann bis zu 20 oder 30 Prozent enthalten.

Ebenfalls bekannt ist natürlich das Tote Meer. Hier erzielt vor allem die Kombination aus Sonne und Salz bei Menschen mit Hautkrankheiten, vor allem bei Psoriatikern, eine große Wirkung. Solebäder können übrigens warm sein, im Allgemeinen sind sie es aber nicht.

Wie oft empfehlen Sie ein heimisches Wannenbad?

Einmal die Woche reicht vollkommen aus. Ich arbeite sehr viel mit ätherischen Ölen. Diese müssen vorher nur emulgiert werden, zum Beispiel mit Honig. Dann lassen sie sich auch gut im Wasser vermischen und unterstützen das Wohlbefinden, zum Beispiel bei einer Erkältung, oder können als Einschlafhilfe dienen.

Wann raten Sie zu Kneipp’schen Anwendungen?

Am einfachsten ist es, sich täglich nach dem Duschen kurz kalt abzubrausen. Wer sich davor scheut, sollte erst mit den Beinen beginnen. Kleiner Tipp: Danach die Handwurzel abbrausen, dann lässt sich auch der Oberkörper problemlos kalt abgießen. Auch hier gilt: Die kalten Güsse sind nicht nur erfrischend, sie machen stressresistenter und stärken die Abwehrkräfte.

Doch Vorsicht bei Erkältungen! Wenn man das Gefühl hat, sich zu erkälten, empfiehlt sich ein heißes ansteigendes Fußbad. Und danach ab ins Bett. Generell ist wichtig, auf den Körper zu hören und nicht nur aufgrund eines Rituals immer täglich das Gleiche zu tun.

Dürfen beziehungsweise sollten Menschen mit Krampfadern oder Besenreisern ein heißes Bad nehmen?

Das ist im Prinzip kein Problem: Einfach die Füße nach oben legen. Gleiches gilt in der Sauna. Dort besser hinlegen, statt die Beine runterhängen zu lassen. Denn wenn man liegt, ist der Druck nicht so groß. Allerdings würde ich bei schweren Krampfadern von richtig heißen Bädern abraten.

Gibt es Menschen, denen Sie grundsätzlich vom Baden oder vom Kneippen abraten?

Kneippen geht in bestimmten Formen immer. Es gibt Anwendungen, zum Beispiel Körperwaschungen, die man sogar sehr kranken Leuten empfehlen kann. Wir befragen die Menschen genau nach ihren Beschwerden, und wer einmal hier bei uns in Bad Wörishofen war, der kann die Anwendungen besser einschätzen. Eine Kur zwischendurch lohnt sich immer!

Wenn jemand aber wirklich schon älter und krank ist, sollte auf das Baden verzichtet werden. Das ist dann einfach eine zu starke Kreislaufbelastung. Und die Betreuung durch den Bademeister, falls etwas passiert, gibt es zu Hause eben nicht.

 

Info: Heute schon „gekneippt”?

Pfarrer Sebastian Kneipp wurde im 19. Jahrhundert als „Wasserdoktor von Wörishofen” gefeiert und das Kur-Dörfchen im Allgäu weltberühmt. Doch die sogenannten Kneipp’schen Güsse reichen bei einer Kur alleine nicht aus. Die klassische Kneipp-Kur basiert immer auf fünf Säulen: gesunde Ernährung, Bewegung, Wasseranwendungen, Heilpflanzentherapie sowie Regelmäßigkeit im Tagesablauf. Mit diesem ganzheitlichen Ansatz hat die Kneipp-Kur Erfolg - sowohl bei der Behandlung vieler Krankheiten als auch in der Prophylaxe.

 

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