Ess-KulturGenießen geht nur langsamEin Stichwort macht die Runde: Achtsamkeit. Das klingt nach einem Begriff aus der Meditation. Stimmt auch. Doch Achtsamkeit hat nichts mit bloßem „Om-Sagen” zu tun. Es ist die Antwort für alle, die einfach alles „auf die Schnelle” abhaken.
Im Buddhismus spielt Achtsamkeit eine zentrale Rolle, sie ist das Herz buddhistischer Lebenspraxis. Als eine Methode zur Stressbewältigung fand sie in den 1980er-Jahren Einzug in die westliche Kultur. Der amerikanische Stressforscher Jon Kabat-Zinn löste sie aus ihrem spirituellen Rahmen und führte sie in Form der „Mindfulness-based stress reduction” (MBSR) in Medizin und Psychotherapie ein. Achtsamkeit selbst ist dabei nicht als Technik zu verstehen, sondern als Lebenseinstellung. Um sie zu erlangen, ist tägliches Training notwendig: Beim Gehen, Sprechen, Essen, Arbeiten – bei jeder Tätigkeit. In Multitasking-Zeiten, in denen möglichst viel gleichzeitig laufen muss, fällt gerade das schwer und kommt meist zu kurz. Wer im Alltag achtsamer werden möchte, braucht dafür aber nicht unbedingt einen Meditationskurs. Der im Westen lebende buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh fasst zusammen, worum es geht: „wach sein und im Augenblick leben”. Und zwar auch beim Essen. Drei handfeste Bereiche bieten sich zum Üben und Erfahren an. 1. Genussaspekt
Teilweise sind es ganz bekannte Ansätze, die Sie sich nur mal wieder vergegenwärtigen müssen: Nicht immer zwischen Tür und Angel essen, Kochen nicht als notwendiges Übel betrachten. Oder einfach den Geschmack der Speisen in den Vordergrund rücken. Meisterkoch Vincent Klink bemängelt, dass dies gerade in deutschen Küchen oft zu kurz kommt. Unter Umständen hätten etwas „krumpelige Tomaten” das beste Aroma – allerdings, hierzulande „wird viel mehr Wert darauf gelegt, wie etwas aussieht, als darauf, wie es schmeckt. Billiger Mist, aber die tollste Tischdekoration – mit Sinnlichkeit hat das überhaupt nichts zu tun.” 2. Preis-Wert-Aspekt
Achtsam sein heißt also auch, bewusst einzukaufen. Auf die Erzeugung der Lebensmittel zu achten, sie als Mittel zum Leben zu verstehen, Prioritäten zu setzen. „Für Flachbildschirme ist ja Geld da”, kritisiert Vincent Klink. Auch wer wenig Geld habe, könne gut essen, wenn er sich nach der Saison richte. „Nur mit guten, leckeren Produkten macht gesundes Essen auch Spaß”, postuliert der Koch. Bei Fertigprodukten empfiehlt es sich, auf die Zutatenliste zu schauen. Was ist drin in Müsli oder Tütensuppe – schmeckt mir, was ich da lese? Und ganz allgemein: Ist das Produkt seinen Preis wert? 3. Gesundheitsaspekt
Schon Oma mahnte dazu, jeden Bissen 30-mal zu kauen. Ein schneller Esser hat sich, schon bevor das Sättigungsgefühl einsetzt, mehr Kalorien einverleibt, als nötig wären. Und nicht selten auch noch jede Menge Luft, die später im Bauch rumort. Mit neuem Namen versehen, ist Entschleunigung bei Tisch nun als „Schmauen” wieder aktuell geworden. Der Schauspieler und Autor Jürgen Schilling hat diesen Begriff erfunden, eine Verschmelzung von schmecken und kauen. Denn beides sei wichtig. Er untermauert seine Theorie mit Studien, in denen Blutzucker- und Insulinwerte von gemächlichen Testessern deutlich niedriger lagen als bei „normalen” Probanden. Für einen Selbstversuch
Machen Sie eine bewusste Pause, kochen Sie sich einen Tee oder Kaffee und trinken ihn, ohne etwas dabei zu lesen. Genießen Sie ein einzelnes Stückchen Schokolade – es schmeckt mindestens genauso gut wie zwei Riegel, die mit Hast gefuttert wurden. Interessieren Sie sich für das, was Sie essen. Riechen, kauen und schmecken Sie. Schieben Sie nicht schon den nächsten Bissen nach, wenn der erste kaum geschluckt ist und legen Sie das Besteck zwischendurch mal ganz bewusst ab. Alles nach der chinesischen Weisheit: „Wenn du in Eile bist, gehe langsam.” Andrea Giese-Seip Lesetipps: - Im Alltag Ruhe finden, Jon Kabat-Zinn, Knaur Verlag, 224 Seiten, 8,99 Euro
- Kau dich gesund, Jürgen Schilling, Haug Verlag, 168 Seiten, 12,95 Euro
|