Ordnung, Berechenbarkeit, Orientierung

Die Macht der Rituale

Das Weihnachtsfest mit Baum und Bescherung, das weiße Kleid zur Hochzeit oder Schlachtgesänge im Fußballstadion – Rituale gehören zum Leben, überall auf der Welt. Manche halten sie für fragwürdig und unzeitgemäß, andere für (über)lebensnotwendig. Wir sprachen darüber mit dem Coach-Ausbilder Jens Hartung.

frisch verheiratetes Paar Doch zunächst gilt es zu klären, was Rituale genau sind. Ist das tägliche Zähneputzen ein Ritual oder eine Routinehandlung? Was unterscheidet alltägliche Gewohnheiten von Ritualen? Im Wissenschaftsbetrieb hat man sich auf eine Definition geeinigt beziehungsweise auf Merkmale verständigt, die eine Handlung zum Ritual machen (siehe Kasten „Was ist ein Ritual“). Rituale sind demzufolge nachahmbare Handlungen, die in einem nicht alltäglichen Rahmen vollzogen werden.

Mit den Ritualen weltweit beschäftigt sich seit 2002 der interdisziplinär ausgerichtete Sonderforschungsbereich „Ritualdynamik“ an der Uni Heidelberg. Hier werden Rituale der Antike ebenso untersucht wie die im Internet. „Menschen brauchen Rituale“, darin seien sich die Forscher einig, sagt der Sprecher des Bereichs, Indologe und Religionswissenschaftler Axel Michaels, „in Ritualen passiert etwas, das nicht trivial ist, und sie erneuern sich ständig – mehr noch, sie provozieren Neues geradezu.“

Herr Hartung, warum sprechen wir von der Macht der Rituale?

Eines der Kennzeichen von Ritualen ist die Bedeutung, mit der die im Ritual verwendeten Handlungen belegt, ja aufgeladen werden. Der Kuss bei der Heirat ist ja nur einer von vielen bereits ausgetauschten Küssen. Aber jeder der Beteiligten, also die Brautleute, der Pastor (oder Standesbeamte), die Gemeinde, definieren diesen eigentlich ja ganz profanen Kuss zu etwas Besonderem.

Diese Bedeutungszuschreibung hat enormen Einfluss auf das weitere  Empfinden und Verhalten der Beteiligten. In der Vergangenheit wurden die Bedeutungszuschreibungen in der Regel von hoheitlichen Institutionen festgelegt, von der Kirche, dem Staat, vom Schamanen, den Eltern und so weiter. Im gleichen Maße wie diese Institutionen an Macht über den Einzelnen verlieren, verlieren auch die von ihnen tradierten Rituale an Macht.

Warum gibt es immer wieder Kritik an Ritualen?

Aus der oben erwähnten Macht durch Bedeutungszuschreibung leitet sich auch der Ansatz der Ritual-Kritiker ab. Wenn die ursprüngliche Bedeutung nicht mehr gegeben ist beziehungsweise nicht wirklich akzeptiert wird, dann wird das Ritual hohl, die Ritual-Handlungen sind nur noch profane Handlungen. Der Hochzeitskuss ist dann nur noch ein Kuss von Hunderten.

Viele althergebrachte Rituale scheinen der heutigen Zeit nicht mehr zu entsprechen. Dennoch: Der Mensch als zutiefst soziales Wesen hat ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Diese findet in Ritualen einen besonders intensiven Ausdruck.

Die meisten Rituale, denen der moderne Mensch begegnet, sind die seiner unmittelbaren Peergroup. Jugendliche habe ihre eigenen Begrüßungsrituale, ihre Mutproben, und – leider auch – ihr Komasaufen, Fußballfans ihre Gesänge und Choreografien, Manager ihre Meetings und Präsentationen. Gruppeneigene Rituale, die sie von anderen Gruppen abgrenzen und dadurch identitätsstiftend wirken.

Was ist ein Ritual?

Vier Merkmale grenzen Rituale von Alltags- und Routinehandlungen ab:

  1. Verkörperung: Rituale setzen handelnde Personen voraus, schließen körperliche Bewegungen ein; Bewegungen und Gesten sind meist einstudiert.
  2. Förmlichkeit: Rituale bestehen aus standardisierten, oft stereotypen Handlungen, zu denen es einen förmlichen Beschluss gibt, zum Beispiel Fasten.
  3. Modalität: Rituale beziehen sich meist auf eine höher bewertete Welt, auf die Urahnen, die Götter, auf das, was einem heilig ist, was das Besondere, nicht Alltägliche ist.
  4. Transformation: Rituale zeigen Wirkungen, etwa Heilrituale oder die Hochzeit, bei der ein Mann zum Ehemann wird, eine Frau zur Ehefrau.

(Quelle: Spektrum der Wissenschaft Spezial 1 / 2011, „Rituale“)

 

Rituale spielen in der Psychotherapie und in der Vorschulpädagogik eine wichtige Rolle. Warum?

Rituale schaffen Ordnung, Berechenbarkeit, Orientierung. Sie geben Bindung und Zugehörigkeit, sie wirken identitätsstiftend. Je wackeliger der eigene Selbstwert ist, desto wichtiger ist eine rahmengebende Orientierung. Der Aufbau eines starken Selbst ist eines der wichtigsten Therapie- und auch Erziehungsziele; Rituale helfen hier sehr.

Gibt es Beispiele für Rituale im Coaching-Prozess? Welche Bedeutung und welchen Nutzen haben sie?

Verschiedene im Coaching verwendete Vorgehensweisen haben den Charakter eines Rituals. Beispielsweise werden zum Abschluss eines jeden Coaching-Gesprächs konkrete Handlungs-vereinbarungen mit dem Coachee getroffen. Dieses immer wiederkehrende Ritual trägt wesentlich zum Coaching-Erfolg bei.

Zum Thema Ziele gibt es ein sehr schönes „Ritual“, bei dem ein Ziel dadurch aufgeladen wird, dass symbolisch der Weg zum Ziel gegangen wird, die sogenannte Timeline. Je stärker es Coach und Coachee gelingt, diesen symbolischen Weg als bedeutsam wahrzunehmen, desto stärker wirkt die Methode als Vertrauen stiftendes und Ressourcen aktivierendes Ritual. Das Ziel wird dadurch plastischer, der Weg klarer, die Motivation größer.

Auf welche Rituale möchten Sie in ihrer Welt nicht verzichten?

Vor allem möchte ich nicht auf die kleinen Rituale in der Familie verzichten: das abendliche Vorlesen für die Kinder, den wöchentlichen freien Vormittag mit meiner Frau. Aber auch nicht auf einige berufliche Rituale: den jährlichen einwöchigen Strategieworkshop mit meinen drei Gesellschafterkollegen, die Einstiegsrituale, um eine neue Gruppe gut und konstruktiv zu starten, die quartalsweisen „großen“ Teammeetings. 

Text und Interview: Thomas Götemann

 

Coach Jens HartungJens Hartung ist

Diplom-Physiker, NLP-Lehrtrainer, Coach und Coach-Ausbilder.
Er leitet Trainings und Workshops für Unternehmen unterschiedlicher Branchen und ist spezialisiert auf das Coaching von Menschen in beruflichen Umbruchphasen.

www.viel-coaching.de

 

 

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